Raumforderung

Aus Jens Rusch
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Entwurf: "Diagnose"
"Pretty good privacy"

Unersättlicher noch als der habsüchtigste Eroberer ist der Tod; mit räuberischer Faust packt er sogar den Bettler an, er, der täglich so viele Reiche ohne Mühe in seine Gewalt bekommt. Aber auch nur an einem Bettler kann er seine eigene Kraft zeigen, weil ihm hier seine getreue Gehülfen, die mächtigen Leidenschaften, ihren Beistand versagen. Gleichwohl verläßt er sich nicht ganz auf die Stärke seiner Dürren Knochen; dann wer vermag dem Tode wirksamer zu widerstehen als ein Bettler dem die mächtigsten aller Tugenden, die Mäßigkeit, stets zur Seite steht? Bruder Hein nimmt also die List zu Hülfe; Er hüllt sich in Lumpen ein und hofte in dieser Maske unerkannt zu bleiben. Allein diese List ist fruchtlos. Der Bettler, von dem Triebe der Selbsterhaltung belebt und durch die Tugenden seines Standes gestärkt, thut so tapfern Widerstand daß der Tod mit minderer Mühe zehen Könige in seine Gewalt bekommen hätte. Daniel Nikolaus Chodowieckis »Totentanz«


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1. Raumforderung

(Textentwurf vor Korrektur)

Wachtelei-, dann taubeneigroß. Nicht sensationell, aber an meinem Hals definitiv fehl am Platz. Kann man auch nicht ausdrücken wie einen Pubertätspickel. „Sammeln Sie Treuepunkte?„Nein, das ist Akne“. Wenn ich das Ding im Spiegel erblicke, muss ich an diesen Fernsehspot denken: Ein Ehepaar bei der Morgentoilette: Er bemerkt einen dunklen Fleck am Hals, sie putzt sich die Zähne. Neuer Tag. Der Fleck ist größer geworden, er drückt dran herum. Sie putzt ihre Zähne. Neuer Tag. Der Fleck ist nun bereits sehr groß, sie schaut ihn mit der Zahnbürste im Mund erschrocken an. Neuer Tag. Sie steht jetzt allein vorm Spiegel und putzt sich sehr, sehr bedächtig die Zähne.

Ein guter Bekannter, ich zögere jetzt, aus der zeitlichen Distanz, ein verbindlicheres Wort zu verwenden, ist in der Lage, eine erste Sonographie von meinem Eierhals zu machen. Glitschig, leise und auf dem Bildschirm sieht es aus, wie auf einem fremden Planeten. Auch für ihn, den Chefarzt, nicht so ohne Weiteres zu entziffern. Er speichert und will kompetenten Rat bei einem Kollegen suchen. „Kann durchaus auch eine harmlose Lymphschwellung sein, das kommt häufig vor“. So kommt die erste der Plattitüden daher, mit der man sich in eine Unverbindlichkeit flüchtet. Ich soll einen derben Haufen davon kennen lernen.

Nach drei Wochen ohne ein Signal, ohne einen Befund, ist der frankensteinsche Knopf an der linken Halsseite fast so groß wie ein kleineres Hühnerei und einem befreundeten Zahnarzt platzt der Kragen, der eigentlich mir hätte platzen sollen. Erst später begreife ich, welch fatales Instrument unsere Psyche für Weicheier bereit hält: Verdrängung. Ein bunter Strauß von Rückzugsmöglichkeiten: Weghören, Positives optimieren, Wegsehen, selektiv wahrnehmen, saufen. Niemand nimmt bislang das Wort „Krebs“ in den Mund. Tumore haben andere. Auf einem anderen Planeten. Als wir dann erfahren, dass der alarmierende Befund bereits über zwei Wochen auf dem Schreibtisch meines ehemaligen Chefarzt-Freundes liegt und eine „Punktierung“ dringend angeraten wird, bestimmt mein Zahnarztfreund die nächsten Schritte. Und diese im Eiltempo. Ich denke bei diesem fremden Wort zunächst an Interpunktion.

Das nächste Fremdwort klingt ähnlich harmlos, obwohl die untersuchende Ärztin es fast schreiend diktiert: „Raumforderung!

In die Hektik assoziiere ich dummes Zeug wie „Volk ohne Raum“ und „Raumzeit – mehr Raumzeit“. Als mir klar wird, dass es sich auch hier wieder um eine kunstvolle Form sprachlicher Verdrängungsangebote handelt, schwadroniere ich über „Entsorgungspark“ für Atommüll über eine endlose Schleife verharmlosender Wortschöpfungen. Eine umgangssprachliche Genesis, die uns hilft, bedrohende oder beängstigende Dinge gefälliger zu verpacken.

Ein Kiefernorthopäde, der haargenau am gleichen Tag wie ich das diffuse Licht der norddeutschen Aprilwelt erblickte, ergreift eine bemerkenswerte Initiative. Fast so, als wolle er die vertrödelte Zeit wieder einholen und expediert mich im Eiltempo in die Uni-Klinik in Kiel.

2. Unterm Tuch

Punktierung oder Punktion, keinesfalls Interpunktion – ist mir auch echt scheißegal. Als ich bemerke, dass die dicke Spritze in der Petrischale schamhaft mit einem Tüchlein überdeckt wurde, überkommt mich zum ersten Mal Angst. Gaukelei, verdammte Gaukelei. Den Juden erzählte man etwas von Duschen, als man sie unter die Cyklon B- Köpfe stellte. „Weshalb spielt denn hier eigentlich niemand mit offenen Karten?“ „Es ist schon vorgekommen, dass Patienten die Punktierung verweigerten, wenn sie die dicke Spritze sahen“. „So schlimm wird das doch nicht sein, sie werden doch sicherlich so etwas wie eine örtliche Betäubung vornehmen?“ „Eben leider nicht, das würde den Befund verfälschen“.

Halleluja! An das Anstechen und schlürfende Absaugen des winzigen Fleischfetzens aus meinem halben Hühnerei werde ich beim Betriebsgeräusch veralteter Espressomaschinen immer wieder erinnert.

Dass dieses halbe Ei so etwas wie eine mögliche Metastase war, musste ich mir später selbst zusammenreimen, erklärt hat mir das niemand. Aber dass der Lymphgürtel im Halsbereich so etwas wie ein Schutzwall sei und dass ich dadurch möglicherweise Glück haben könnte.

Erst als es um Einweisungsformalitäten und Hinweise an meine Versicherung ging, fiel endlich das Wort „Krebs“. Verdrängung ist in diesem Fall wohl etwas bilaterales, ich kann es mir nicht erklären. Vermutlich hatte ich es ja längst geahnt, zumindest hätte ich es ahnen können. Aber konkret gefragt habe ich auch niemanden. Und im Nachhinein kann ich mich auch an diesen Punkt am nebulösesten erinnern.


3.Schluß jetzt

Eine Rückfahrt ohne Bodenhaftung. Suse fährt und mein Zahnarztfreund Klaus muss nun echt mal Händchenhalten. Er kennt das. So, als würde er einem Patienten die bevorstehende Extraktion eines faulen Backenzahnes nahe bringen. Dann kommt er, der allererste, nicht mehr steuerbare Heulschub. Solch ein abgründiges Schluchzen ist für mich fast erschreckender, als der Grund hierfür. Wie kann man sich nur so weibisch und verzweifelt gehen lassen? Und jetzt hagelt es neue, weichenstellende Ratschläge:
Du darfst jetzt weinen! In solch einer Situation darf das jeder!“ Von diesem Freibrief werde ich noch häufig Gebrauch machen. Aber erst einmal muss ich das ganze apokalyptische Szenario ausloten: „Hilfst Du mir, selbst Schluss zu machen, wenn die Schmerzen unerträglich werden?“ Keine günstige Gesprächsvoraussetzung für meine Freunde. Auch in den kommenden Wochen ist hierfür eigentlich niemand so richtig zu begeistern.

Während ich mir Hirnfunktionsstörungen ausmale, die an die schönsten LSD-Räusche meiner längst zurückliegenden Hippie-Zeit erinnern, an Inkontinenzwindeln und seitliche Notausgänge, ist allen Freunden absolut und ausschließlich daran gelegen, mich von jedem Gedanken in diese Richtung abzudrängen.

Deshalb muss ich selbst beginnen, befreundete Ärzte anzurufen und so lange es geht, auch zu besuchen. Langatmige Gespräche über Euthanasie und den hypokratischen Eid beginne ich immer häufiger und immer unhöflicher abzukürzen. Als ich dann jemanden gefunden habe, der mir im Extremfall zur Seite stehen wird, ist das Thema auch erst einmal abheftbar und die unvermeidlichen Operationen können in Angriff genommen werden. Die Computerausdrucke über humanes Sterben hefte ich im gleichen Ordner ab, wie das Stern-Sonderheft über „Ärzte für eine Legalisierung von Cannabis in der Onkologie“. Mein Notfall-Fundus.

Beim Gang durch meine Heimatstadt kommt es mir so vor, als würde man sich abwenden, die Straßenseite wechseln, um lästigen Krankheitsgesprächen aus dem Weg zu gehen. Vielleicht auch, weil man – ähnlich wie es mir selbst immer geht, wenn ich jemandem kondolieren muss, einfach nicht weiß, was man denn in „solch einer Situation sagen soll.“ Ich beginne, zu verstehen, wie sich Behinderte fühlen müssen. Und dann kommt eine Wut hoch, für die ich mich schäme: „Ihr Arschlöcher dürft weiterleben- und ich muss sterben.“ Das darf man nicht einmal denken, ich weiß. Und ich kann mich nicht dagegen wehren, ich denke es trotzdem. Besonders dann, wenn ich den Dorfalkoholiker vorbeiwanken sehe, die Penner in den Kieler Anlagen, die Punker und Arbeitsverweigerer. „Ihr lebt, und ich muss sterben“. Vielfalt, Anpassung und Auslese - irgendwie haben wir mit unserer Sozialromantik die Darwinschen Konzepte auf den Kopf gestellt. Ein alter Film kommt zurück: „Soilent green“ mit Charlton Heston. In welcher Hirnwindung hatte der sich nur versteckt gehalten? Und dann wird mir klar, wie unendlich alt dieses Thema eigentlich sein muss. Und wie einsam jeder war, der darüber nachgedacht hat.

Und dann sagt meine liebe Suse den alles entscheidenden Satz: „Bist Du Dir eigentlich darüber im Klaren, wie egoistisch Du denkst? Hast Du nur einen Moment daran gedacht, was aus mir werden soll – ohne Dich“. Ein Paradigmenwechsel, wie ein knackender, umgelegter Lichtschalter.

4. Operationsvorbereitung online

Während Suse die wenigen vorhandenen Dinge, die uns nützlich erscheinen, für einen unbestimmbar langen Klinik-Aufenthalt zusammenpackt, suche ich im Internet nach Informationen, wie denn solch ein „Zungengrundtumor“ angegangen werden kann. Unzählige Foren in denen Krebserfahrene die Fragen von „Erstbetroffenen“ beantworten. Auch wieder so ein bislang ungeläufiges Wort, aber in diese Schlange stelle ich mich erst einmal. Von Folgeoperationen ist dort die Rede, von Regelfällen, in denen zunächst der Zungengrund, dann der Kehlkopf und dann die Luft-und Speiseröhre.... Ich will das eigentlich alles gar nicht so genau wissen.

So langsam beginne ich zu begreifen, dass die Evolution die Fähigkeit, zu verdrängen, nicht so ganz ohne Grund in unseren Werkzeugkasten gelegt hat. Mein alter Freund Emil Hecker, der den ersten Weltkrieg bei Verdun miterleben durfte, erzählte mir einmal davon, dass neben ihm im Schützengraben einem Kameraden ein Arm abgeschossen wurde. Er sah kurz zu dem Stumpf, aus dem Blut sprudelte und schoss dann weiter auf die französischen Gegner. Schmerz verspürte er offensichtlich überhaupt keinen und er brach erst zusammen, als der Blutverlust zu groß wurde.

Das Thema Verdrängung lässt mich nicht mehr los und ich will wissen, wie man das denn wohl steuern kann, wenn die Natur diesen Effekt denn schon für so überaus sinnvoll erachtete.

Mein Schwiegervater schenkt mir einen Laptop, der sich als überaus nützlich herausstellen soll. Leider verfügt die Uni-Klinik über keinerlei Internet-Zugänge für Patienten. Nur über einen uralten Fernseher mit Zimmerantenne im Gemeinschaftsraum. Mein Zimmer hat ein leeres Zweitbett und ein Telefon mit Drehscheibe. Die Toilette für alle Patienten befindet sich in Kalkutta – am Ende des Ganges.

Sicherlich hat man alle verfügbaren Mittel in die Ausstattung des OPs gesteckt, damit Du ganz, ganz toll operiert werden kannst“ hilft mir Suse über den Schock hinweg. Klar, wir sind ja nicht zum Spaß hier. Vor uns liegt eine Menge Arbeit.

„Abarbeiten“ wird zu einer immer häufiger benutzten Umschreibung für uns.

Meine Operation wird Professor Rudert leiten. Eine seiner letzten, er geht in den verdienten Ruhestand, wie man mir sagt. Er ist der Erfinder der sogenannten „Brachy-Therapie“, was mir aber gar nichts sagt. Irgendeine Saurier-Art hieß so ähnlich. Ich hoffe, dass dem Professor an einem schicken Abgang gelegen ist und er sich noch einmal voll ins Zeug legt.

Vieles in solch einer Uni-Klinik sieht nach wohltuender Routine aus, das wirkt irgendwie verlässlich. Die kennen das, das machen die schon sehr, sehr lange so, die werden auch bei Dir nicht patzen. Und gleichzeitig möchte ich kein routinierter, durchlaufender Posten sein, ich möchte auffallen, möchte, dass man sich besonders aufmerksam um mein Leben bemüht. Keine Ahnung, wie man das anstellen könnte.

Mein Leben, mein einziges......