Arno Schmidt

Aus Jens Rusch
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[...] Vor allem aber belegen die Arbeiten zu und über Arno Schmidt seine feinsinnigen und einfühlsamen Fähigkeiten, die Sonderheit und das Mentale, die Psyche eines Menschen wie Arno Schmidt bildnerisch einzufangen und zu Papier zu bringen. Dahinter steht, wie ich glaube, wie bei jedem guten Künstler eine enorme ästhetische Kraft. Ästhetik heißt im Sinne der alten Griechen: Wahrnehmungsfähigkeit, Ästhesis war die Fähigkeit wahrzunehmen, hatte nichts mit schön und hässlich zu tun. Also, ich glaube, was Rusch auszeichnet, ist eine sehr ausgeprägte Wahrnehmungs- und Intuitionsfähigkeit, die Basis eigentlich für alle bedeutende künstlerische Umsetzung in Malerei, Zeichnung oder Radierung.[...]


Ob Portraits, Landschaften, Akte, Surreales, Buchillustrationen, Exlibris oder sogar Plastisches: Jens Rusch ist ein erstklassiger Künstler, eine gute Adresse im Lande Schleswig-Holstein, und diese Ausstellung mit den wunderbaren Arbeiten zugleich von Eberhard Schlotter ist eine sehr schöne, ein sehr schönes Datum, das eigentlich im Kunstkalender des Landes Schleswig-Holstein im Jahre 2014 seinen festen Platz haben sollte.

Aus der Laudatio von Björn Engholm

Dankwort an die Herausgeber Heiko Thomsen und Ulrich Klappstein:
Ja nun, Ihr Beiden
das Büchermessen beginnt am Ende der Woche und mich dünkt, es wäre an der Zeit, geflissentlichen Dank abzustatten. In dieser amphibischen Region geht schier alles verloren, was nicht dem Reichsnährstand nachhängt - und die subtilsten Botschaften eben zu allererst. Das wäre meinem Aufruhr wohl auch widerfahren, wäret Ihr nicht auf dem Plafond erschienen. Ungerufen zudem ! Und nun liegt Euer Fleiss überprüfbar vor mir, zwischen Buchdeckel erpresst - der dünne geht voran. Alle sind bereits hinüber, Schmidt, Schlotter, Krömmelbein, mein Kolderup - und meine Uhr tickt auch schon unüberhörbar aufdringlich. Somit habt Ihr gewissenhaft resümmiert, was zu resümmieren war - und sie werdens Euch nicht danken. Die Pappenheimer spitzen ihre Federn - und niemand kennt die Lindenblätter im Drachenblut besser als sie. Nun müsst Ihr lernen, jeden Dolchstoß als Ritterschlag zu empfinden- unter Schmidtianern ist das habituell ein ritueller Vorgang. Euren Verleger wird das irritieren und lange Zeit wird er glauben, ein totes Pferd zu reiten, einen flügellosen Pegasus. Ihm gebührt mein Dank für seinen raren Fatalismus. Dieses Pflanztöpfchen ohne Nährboden aber voller kraftvoller Visionen wird voraussichtlich von den Unentbehrlichen ausserhalb der Buchdeckel weder erkannt noch gewürdigt werden. Aber Geschichte wird eben auf genau diese Weise geschrieben - und das habt Ihr mit Bravour abgeleistet. Ich habe meine Arbeit nicht zuende führen können, der Nährboden war zu dürftig. In den Startlöchern fühlte ich mich, als wären meine Schuhe angenagelt. Kurz aufblitzende Motivationsgewitterchen weichen hier allzugern der ländlichen Lebenserfahrung. Ach, wenn´s doch nur sinnvollere Stipendien gäbe. Das letzte Wort hat immer das Bild.
Euer Jens



Artikel/Auszug von Stephan Richter
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Die Schule der Atheisten, erschienen 1972, ist Arno Schmidts letzter utopischer Roman. Wir befinden uns in Tellingstedt, einem Kaff im norddeutschen Dithmarschen, und schreiben das Jahr 2014. Die Erde ist nach einer atomaren Auseinandersetzung zwischen China und den USA weitgehend zerstört; in dem von den USA abhängigen Reservat lebt William T. Kolderup zusammen mit seiner Enkelin Suse. Der Friedensrichter und Senator Kolderup erwartet den Besuch der amerikanischen Außenministerin Nicole Kennan, genannt Isis, die in Tellingstedt mitsamt ihrem Gefolge auf neutralem Grund den diplomatischen Vertreter Chinas treffen möchte. Auf einer Schiffspassage, die man unternimmt, um die schwierigen Verhandlungen zu retten, erzählt Kolderup eine Geschichte aus dem Jahr 1969. Damals waren er und ein paar Freunde ebenfalls per Schiff unterwegs auf einer Vortragsreise »zur Propagierung des Atheismus«. »Ein solches Werk wird nur alle hundert Jahre vollbracht«, jubelten Klaus Podak und Rolf Vollmann bei Erscheinen. »Gut. Frei. Leicht. Schön. Spaßig: ja. Die Atheistenschule ist ein göttliches Buch.« Quelle: Suhrkamp-Verlag



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Vernissage am 100ten Geburtstag

NEU: Unser kleines Präsent an Arno Schmidt-Freunde und Leser. Das Heft mit den Bezügen Schmidts zu Klaus Groth und Tellingstedt, aufgearbeitet von Thomas Krömmelbein und Martin Lowsky als PDF-Download oder wahlweise als durchblätterbares Online-Magazin:
Arno Schmidt und Klaus Groth in Tellingstedt
Laudator Björn Engholm (rechts) und Jens Rusch am 18.Januar 2014. Foto: Sabine Kolz

Es könnte kein besseres Datum für diese Vernissage geben. Am 18. Januar wäre der bedeutendste Wortmetz der deutschen Nachkriegsliteratur 100 Jahre alt geworden. Weitsichtig wie eh hatte Arno Schmidt seine Zukunfts-Novelle "Schule der Atheisten" im Jahr 2014 angesiedelt - und zwar direkt vor der Haustüre des norddeutschen Radierers Jens Rusch. Dessen Schnittmengen mit AS sind vielfältig, aber die schwerwiegendste dürfte sein Ausbildungsverhältnis beim intellektuellen Intimus des Schriftstellers, dem in Spanien lebenden Künstler Prof. Eberhard Schlotter sein. Die Zeit dieser Prägung begann ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, als der Anruf mit der Nachricht vom Tode Schmidts in Altea eintraf. Die Folgejahre reflektierend, sagte Schlotter, inzwischen 92 Jahre alt, eine Beteiligung an dieser Ausstellung mit wichtigen Grafiken zu. Da beide Björn Engholm schätzen, dieser bereits die erste Vorstellung der noch unfertigen Arbeiten zum Thema in Tellingstedt unterstützte, als er noch Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein war, fragte man diesen, ob er bereit wäre, die Laudatio zu halten.

Arno Schmidt-Freunde erhalten von uns gern eine Einladung, wenn Sie uns Ihre Mailadresse senden. Ansonsten ist die Vernissage nicht öffentlich.

Die Ausstellung selbst kann ab Sonntag, den 19. Januar 15 Uhr besucht werden. Der Eintritt ist frei.



Arno Schmidt [Ge]DenkTage

Hundertste Geburtstage werden von Schriftstellern selbst fast nie gefeiert, nicht einmal in Bargfeld. Aber wenn er Glück hat, der hingeschiedene Sprachartist, dann wird er ob seines Schaffens auf Erden gefeiert, mit Worten, vergilbten Fotos und wackligen Filmchen. Und da kaum einer dem Einsiedler aus der Heide wirklich nahe war und die wenigen, die das zumindest physisch manchmal waren, auch schon das Zeitliche segneten, bleiben nur fanatische Fans (wunderbar, zumeist eloquent, aber leicht aufdringlich), noch lebende Kollegen (manche möchte man mit einem „leider“ versehen, da sie im Bemühen um ihre Selbstdarstellung oft das Sujet ihres Kommentars vergessen bzw. selbiges ständig in die eigenen Scheuklappen [euphemistisch „Weltsicht“ genannt] pressen wollen) oder ehemalige Nachbarn (die auf eindringliche Weise nichts zu sagen haben, außer dass man Besagten kaum je sah und er beim Einkauf, wenn er denn einmal Einkaufen gegangen war, schnell wieder verschwand). Also bleibt er ein Schemen, ein vages Ereignis zwischen subjektiven Erinnerungen und wer sich zwischen diese begibt, kommt bekanntlich darin um.

So verlasse ich mich auf die einzig wahrhafte Quelle: das Werk des Autors. Das hat den Vorteil, dass es erstens dank seines Umfangs für eine Monate lange Weltflucht reicht und zweitens so viele Aspekte aufweist wie der menschliche Körper Zellen, was wiederum bedeutet, dass jegliche Auseinandersetzung nicht nur ergebnisoffen bleiben muss, sondern auch buchstäblich Wort für Wort im Heidesand verläuft.

So bleibt mir nur, dem Wortmetz für seine Ambivalenz zu danken, mit der er einerseits Sätze schuf himmelstürmend wie ein gotischer Steinmetz Kathedralen und andererseits Worte niedermetzelte wie ein trunkener Dorfmetzger. Wir sehen uns, Herr Schmidt!

Gerd Scherm

Mischtechnik "Eider"

"Keineswegs"

Keineswegs lernte ich Arno Schmidt über Eberhard Schlotter kennen, es war genau umgekehrt. Und das kam so:

Im Jahre 1972 verbrachte ich einige Monate auf kuriose Weise im spanischen Altea, die sich als wichtigste Zäsur im Leben eines halbgebildeten und halbtalentierten "Volksschülers" (so nannte man das damals noch) aus der norddeutschen Provinz darstellen sollte. Gereist war ich vorher noch nie, das Bedürfnis danach war auch eher gering gewesen.

Hier bereits die erste Kongruenz mit Schmidt: "Und was heißt schon New York? Großstadt ist Großstadt; ich war oft genug in Hannover." – Trommler beim Zaren

Weit draußen im Campo "El Mandem" besuchte ich einen an multipler Sklerose erkrankten Freund, der sich hier zum Sterben zurückgezogen hatte und es sich zur letzten Aufgabe gemacht hatte, mich aus der bereits tief abgezeichneten norddeutschen Bahn zu werfen. Zu dessen letzten Requisiten zählte ein Bücherschrank, dessen Schätze er mir unbedingt näherbringen wollte. Dominant bis fast ausschließlich das literarische Werk Arnos Schmidt nebst Sekundärliteratur. Dieser moribunde Mensch, er war Arzt und hieß Klaus Wöhrmann (aus heutiger Sicht doppelt makaber war er auch noch "Nuklearmediziner" wie sich damals die Radiologen nannten) entfachte in einem halben Jahr einen Bildungshunger, der mich dazu brachte, aus der Ferne meinen Job als Elektriker in Norddeutschland zu kündigen - und mich von meinem bisherigen Leben zu verabschieden.

"Intelligenz lähmt, schwächt, hindert? Ihr werd't Euch wundern! Scharf wie'n Terrier macht se!" – Das steinerne Herz In den Büchern, die er mir vorgab zu lesen, fand ich völlig unverständliche Passagen. Was sollte ich mit "eberhardt oder auch schlotternd" schon anfangen ?

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"Den kannst Du mal schön selbst fragen, der wohnt hier in Altea". Und so schlug mein winziger, ganz persönlicher Cloud Atlas seine erste Seite auf. Schlotter hatte sich bereits völlig abgeriegelt und sein Atelier in einem üppigen arabisch anmutenden Palmengarten mit einer Wagenburg eigener Immobilien umgeben. Der dümmlich dreinschauende, langhaarige 22jährige Elektriker mit dem breiten norddeutschen Akzent muss in eine Aufmerksamkeitslücke gestoßen sein. Das Taschenbuch mit der fragend aufgeschlagenen Orpheus-Seite stellte sich als türöffnender Code heraus: "Also, das müssen Sie mir jetzt bitteschön mal erklären" ..der Satz hat sich in mein Gedächtnis als dummdreiste Metapher eingebrannt, wie kein anderer.

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Verblüfft überrumpelt bat mich Schlotter in sein Paradies und erläuterte mir geduldig die Wunder einer Lesbarkeit auf mehreren Ebenen, während Dorothea, seine Frau, uns geschnittene Honigmelonenstückchen reichte. "Sie wartete unter dem "H" des Haltestellenschildes. - lesen Sie das im Kopf doch einfach mal phonetisch - und danach das ganze Buch noch einmal auf diese Weise!" eröffnete er mir. Nach einiger Übung entdeckte ich so das phonetisch gelesene Wort "Hades" - und eine Fülle weiterer, verspielt versteckter Zitate und Metaphern. Ihre Bedeutung, oft auch ihr Ursprung, stellte eine zweite Leseebene dar, die mir zuvor schlicht entgangen war. Die Wechselwirkung dieser, mit dem tatsächlich lesbaren Text, ergab bisweilen sogar eine dritte Schnittebene - und führte mich auf ein suchterzeugendes Leseabenteuer, dass viele Jahre andauern sollte und mein Denken und mein Sprachverständnis bis heute beeinflusste.

Berge von Sekundärliteratur, vor Allem James Joyce und Lexika füllen seither meine eigene Bibliothek - und Eberhard Schlotter stand mir von dort an für Fragen und anregende Gespräche immer freundschaftlich zur Verfügung. Sieben Jahre später war unser Vertrauensverhältnis so gewachsen, dass er mich als seinen ersten Meisterschüler annahm und mir Haus und Atelier in seinem Refugium zur Verfügung stellte:

"Es bildet ein Talent sich in der Stille, ein Charakter nur im Strom der Zeit - Sie müssen da oben weg, bis Norddeutschland für Sie nur noch eine Wolke schlechter Luft ist". Dem Brief lag ein Scheck über 1000.- DM bei. Als dann im Jahre 1979 mein Studium in Altea begann, klingelte das Telefon. als ich neben Schlotter stand - ein Anruf von Freunden aus Bargfeld, die ihm vom Tode Arno Schmidts berichteten. Es war das einzige Mal, dass ich ihn weinen sah. Ein Mann hatte sein alter Ego verloren, seinen Intimus, mit dem er gemeinsam einen Kosmos beackert hatte, der sich Anderen weitgehend verschloss. Schmidt-Zitate durchwucherten die kommenden Jahre und ich habe mich oft gefragt, wer mich hier eigentlich unterrichtete. Radieren und Malen erlernte ich eher nebenbei - und die unvermeidlich sichtbare Prägung sollte mir später zum Schaden gereichen.

Oberflächliche Reporter fühlten sich aufgerufen, Vergleiche zwischen Lehrer und Schüler zum wertenden Thema zu machen - ein peinlicher Unsinn, der jedoch zu einem Zwist führte, der uns viele Jahre voneinander entfernen sollte. 1995 kehrten meine Frau Susanne und ich wieder nach Norddeutschland zurück, nach den vielen Jahren iberischer Prägung und alteaner Künstlerfreundschaften. Uns fehlten die Dialoge und das Ambiente. Dort weniger kollegiale Häme, hier weniger kreative Dialogsituationen. Ich begann, zirpende Grillen im Atelier zu züchten, um wenigstens die Anmutung eines offenen Atelierfensters in die spanische Landschaft zu simulieren.

Dass sich die "Schule der Atheisten", das vielleicht lustigste Typoscript Arno Schmidts vor meiner norddeutschen Ateliertüre manifestierte, war mir längst geläufig. Dass Schlotter ausgerechnet dieses Thema in seinem Multiversum radiertechnischer Kleinodien wenig beachtete, erschien mir viele Jahre rätselhaft. Er hatte lediglich einmal beiläufig angemerkt: "....das spielt ja dort oben bei Ihnen". Weit entfernt, darin einen Freibrief zu sehen, rang ich jahrelang mit mir um eine innere Erlaubnis, mich dem Thema zu nähern. Erst als andere seiner Schüler sich Themen aus dem Formenkreis Arno Schmidt nicht nur ungehindert, sondern sogar vom Meister unterstützt, künstlerisch annahmen, fasste ich den notwendigen Mut.

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Meine Recherchen in Tellingstedt auf der Basis der Textvorlage waren für mich überaus spannend und die Bilderflut musste eher eingedämmt als durch Sekundärliteratur erweitert werden. 1991 wurden die ersten Arbeiten in Tellingstedt unter dem Arbeitstitel "Kolderup´s Tellingstedt - Vorläufiges zur Schule der Atheisten "vorgestellt. Björn Engholm hielt auch damals die Laudatio vor Ort.

Darsteller erkannten sich in den Illustrationen wieder - allein für den Text interessierte sich kaum jemand. Auch heute noch habe ich das Gefühl, mich dem Thema gerade erst auf Armlänge genähert zu haben. Leider gibt es in Schleswig Holstein für solche Projekte keine Arbeitsstipendien.

Insofern freue ich mich, dass sich der freundschaftliche Kreis inzwischen geschlossen hat. Mein Lehrer Eberhard - den ich ein Vierteljahrhundert respektvoll siezte - erweist mir die große Ehre, mir mit seinen Arbeiten in dieser Ausstellung zum 100ten Geburstag Arno Schmidts den Rücken zu stärken. Diese wertvollen Archivarien weisen ihn als Intimus des wichtigsten Schriftstellers der deutschen Nachkriegsliteratur aus, so betitelt von Günter Grass. Dieses im Jahre des Geschehens 2014, denn in dieser Zeitkapsel ist der Zukunftsroman "Schule der Atheisten" angesiedelt. Dass sich Björn Engholm ebenfalls in diesen Zeitkreis integrieren lässt, freut mich natürlich ganz besonders, denn ihn schätzt auch mein ehemaliger Lehrer sehr. Und so hat dann alles seine Richtigkeit...

"Ich bin, wie jeder anständige Mensch, meiner Ansichten oftmals müde."

"Ich finde Niemanden, der so häufig recht hätte, wie ich!" – Die Umsiedler 1953 Arno Schmidt


Erzählweise

Wir haben Alles mit Schmerzen versehen: das Licht »verbrennt«; der Schall »erstirbt«; der Mond »geht unter«; der Wind »heult«; der Blitz »zuckt«; der Bach

»windet sich« ebenso wie die Straße. / Mein Herz pumpte die Nacht aus: Blödsinnige Einrichtung, daß da ständig sonne lackrote Schmiere in uns rum feistet! N steinernes müßte man haben, wie beim Hauff.

Das steinerne Herz, 1956, BA I/2, 70 Arno Schmidt


Schmidt nannte seine Erzählweise ‚musivisch‘. Sein Vorgehen ist die Zerlegung der Geschichte in kleine und kleinste Teile. Jeder Abschnitt steht für eine momenthaft fixierte Einzelsituation im Tagesablauf des Erzählers. Eindrücke, Gedankenblitze, Assoziationen, Einfälle des Ich-Erzählers bilden die stenogrammartige Struktur. Die dargestellte Situation zeigt dem Leser ein unvollständiges, unrundes Bild. Es gibt keine Überleitungen. Es liegt keine fortlaufend erzählte Geschichte vor mit verbindenden, aufbauenden Elementen, vielmehr ein Text, der sich aus einer Abfolge von Einzelsituationen zusammensetzt.

Schule der Atheisten

Ateliertagebuch, Eintrag am 14. März 1991

Callosa de Ensarria

Síst schon kurios. Als ich dieser Tage mein Atelier in Callosa klarschiffte, fiel mir eine Notiz mit Zitaten aus Arno Schmidts "Schule der Atheisten"in die Hände, die ich vor gut fünfzehn Jahren machte:

" ...indes entnahms der Gegend, langsam, das Farbwüste; und ihr Charakter öder Wildheit feierlicher Stille kehrte wieder. Wir betraten einen besonders nassen Nebel, der versprach, uns ans Wasser zu bringen, (und das Versprechen auch unnötig rasch erfüllte); die lange Unfrommheit eines Deiches:

Ein rauher Fluss von Eiderbreite. Jenseits eine sich dicht über der Erde schleppende Wolke. (Die kleinen zornigen Klänge, die obschwebten ?- seien "Möwengeschrei," erklärte mir die einsame Freundin)

Ein farbenblindes Hadesland. Überall glänzten einsame Brunnen; und, in unbestimmter Ferne, Reihen kleiner silbriger Kanäle- die Erde schien sich mir allmählich in eine Flüssichkeit aufzulösen; der Himmel dagegen eine Festigkeit vom Horizont her zu erhalten."

Ich beschloss, das Thema nach Abbildungstauglichkeit abzuklopfen. Es lag zu sehr vor meiner norddeutschen Haustüre - fast aufdringlich.

Jens Rusch 1991


"Die lange Unfrommheit eines Deiches....." Radierung, Vernis mou, Aquatinta auf Bütten. Geplante Auflage 99 Exemplare. Motiv-Format ca 26 x 82 cm Preis 230.- Euro. Bislang nur wenige Probe-Exemplare in Farbvariationen ausgedruckt.
"Ein rauher Fluß von Eiderbreite" Radierung, Vernis mou, Aquatinta auf Bütten. Geplante Auflage 99 Exemplare. Motiv-Format ca 26 x 82 cm Preis 230.- Euro. Bislang nur wenige Probe-Exemplare in Farbvariationen ausgedruckt.

Radierungen von Prof. Eberhard Schlotter

Aus urheberrechtlichen Gründen bilden wir hier nur wenige Radierungen ab. In der Ausstellung befinden sich weitere, wichtige Arbeiten von Prof. Eberhard Schlotter. Bei allen ausgestellten Arbeiten handelt es sich um unverkäufliche Archiv-Exemplare.


Schauerfeld, so um 1992

Jens Rusch

Nachrichten aus der Lä/endlichkeit


»Gehirn wie gehabt – für Erdarbeiten hervorragend geeignet ….....« man tut sich weiterhin schwer in Telling an der Eider. Nachdem die Initiative einiger GASL-Mitglieder (Lowsky/Rusch/Krömmelbein), hier ein »Literaturhaus« zu installieren, an der selbstvermeintlichen Bauernschläue des Bürgermeisters scheiterte, wird das kulturelle Folgeprogramm vor Ort durch Autoren wie Martin Henkel geprägt. In der Veranstaltung »BLUFF – auch mare ingnorantiae« – so die Ankündigung in der Regionalpresse – sollte sich eigentlich nach der Vorstellung der Veranstalter das widerspiegeln, worin sich der Bürgermeister Carsten Jasper und der Impressario des sog. »FIZ«, ein Herr Uwe Böttjer, einig sind: »Wir haben versucht, ihn zu lesen, aber wir haben ihn nicht verstanden!« Allemal Grund genug, eine ganze Veranstaltungsreihe (!) unter dem Motto »Ein (Ein-)Gebildeter für (Ein-)Gebildete« zu initiieren. Wie es weiterhin in der Presse hieß, sollten diese Veranstaltungen zur Nachdenklichkeit darüber anregen, wie sehr noch das Märchen »Des Kaisers neue Kleider« Gültigkeit habe, und sei weiterhin als Diskurs über die Beeinflußbarkeit des Menschen gedacht. Einen krassen Gegensatz zu diesem Versuch, im regionalen Umfeld verbreitetes Unverständnis oder besser »verbreitete Unkenntnis« zu mobilisieren und somit zu vermarkten, stellte die Formulierung der Einladung an die Mitglieder der GASL dar! Hier war noch von einer Aufforderung zu einer »anregenden Diskussion zu Phänomen ›Arno Schmidt‹« die Rede. Für die beabsichtigte Kontroverse braucht man eben zwei Meinungen, erst dann kann sich der Veranstalter beruhigt zurücklehnen und die 30,- DM (Unkostenbeitrag!) pro Kopf zusammenzählen. In Tellingstedt verlautbart man indes offen, Schmidtianer seien intellektuelle Literaturfanatiker, die aus dem gesamten Bundesgebiet angereist kämen, so nur jemand laut genug den Namen Arno Schmidt verkünde. In Bezug auf die erwähnte Veranstaltung ging die Rechnung jedoch nicht auf. Die Veranstalter blieben mit Herrn Henkel »unter sich«.

Da weitere Veranstaltungen geplant sind, bleibt zu beobachten, was sich die »mietenbildende Kraft des Landvolks« noch einfallen läßt, um mit Arno Schmidt den Fremdenverkehrsetat aufzubessern.


Entstehung

Ausstellungsrundgang 1992 in Tellingstedt: Engholm, Jasper

Konzipiert und niedergeschrieben wurde das bei weitem komischste unter Schmidts Spätwerken in den Jahren 1969 bis 1971. Schmidt konnte sich dabei auf lokale Recherchen, die er bei einem Besuch in Tellingstedt sammelte, stützen. Das Szenario vom Untergang Europas durch einen dritten Weltkrieg, das von ihm vorher mehrfach behandelt wurde, erhielt dabei eine völlig neue und – für Schmidt überraschend – unbeschwert-heitere Wende. Am Ende gibt es doch noch Hoffnung. Die Handhabung der „verschmidtsten“ Sprache vermeidet alle Gequältheiten, die sich in Zettels Traum doch finden. In Zettels Traum findet sich ein erster Verweis auf das ihm folgende Werk: was weißDû vd 'SCHULE DER ATHEISTEN' !:- héh !? Zettels Traum S. 222, rechts Mitte

Tellingstedt im Jahre 2014

Radierungen von Jens Rusch

Ausstellungsliste

Zum Vergrößern bitte zweimal ins Bild klicken :

Revieroberwachtmeister Schmidt stellt E.M. Butt ihrer Zwillingsschwester gegenueber..... S. 117 BUTT (leichthin): "...... - " (....): "Neenee, also da gibt's nischt: die Frauen Coswix sind berufn ob der Größe & Schönheit ihrer Gesäße ... (?) -"; ..../.../.... BUTT (....): "Also auch Jena zweiflte das an ...(?): nu Meine Tése vd Anhalter=Po's! - Ich, nicht=faul, mach ihm den Vorschlag: stelln Wa Uns, StoppUhr in hand, vor's Portal des ChemieKombinats ...(?): ..../.../.... Standn Wir also 3 Stundn, an SchmiedeEisernes gelehnt, (bzw. den Rükkn an die 1 Linde=da), und sahen die Tausende junger Radlerinnen vorbei=streben: -,-: -(menschnbeobachtnd: aus MenschnLiebe!)- ...(?): NEIN!; man 'verhaftete' Uns mit nichtn!; man weiß alldort sehr=wohl, wie Ich der westlichn Bassen Roßschweif kürze! - Aber, mit 1 Wort,: es ward, dreisti/ämmich, festgestellt: daß Ich mit Meiner Behauptung schlicht=recht hätte!" (SdA 158 u., 159 o.).

Das Buch ist eine Zukunftsgeschichte, es spielt im Jahr 2014.

Die USA (als Matriarchat) und China (als Patriarchat) haben als konkurrierende Großmächte den Atomkrieg überlebt, in Europa jedoch nur ein, im für Schmidt typischen Norddeutschen Flachland gelegenes, Reservat an der Eider. Hier sollen die Kultur, die Sitten und Gebräuche der Vergangenheit des alten Europa als touristische Attraktion museal bewahren. Das Gebiet wird regiert von dem fünfundsiebzigjährigen Senator und Friedensrichter William T. Kolderup. Im Oktober 2014 kündigt sich die Außenministerin der USA, Nicole Kennan, genannt Isis, zu einer Besichtigungstour an und stört die Idylle. Eine Auflösung des Reservats könnte bevorstehen.

Die politischen Schwierigkeiten und Spannungen zwischen den verbliebenen Großmächten erhalten eine jähe Wendung, als Ufos gesichtet werden. Plötzlich besteht die Notwendigkeit, auf dem neutralen Boden des Reservates eine Konferenz mit einer chinesischen Delegation abzuhalten, um den nächsten, drohenden Krieg doch noch zu verhindern. Das Überleben, jetzt nicht nur des Reservats, hängt von einem positiven Ausgang des Treffens ab. Damit dieses Treffen ein voller Erfolg wird, bedient sich der alte Kolderup aller in Kolportage-Romanen üblichen Kniffe. Vor vielen Jahren hatte er mit der Mutter der jetzigen US-Außenministerin einen Schiffbruch vor Spenser Island überstanden (Vorlage hierfür ist das reale Missionsschiff Kandaze). Gerührt durch die damaligen Ereignisse, wird ihm die Ministerin gewogen. Ein Schatzfund (man denke an Schmidts Das steinerne Herz) in Gestalt chinesisch beschrifteter Kacheln, welche sich als wichtiger Bestandteil eines Ahnenschreins entpuppen, eine Reminiszenz an den China-Aufenthalt des Vaters des Verfassers (ein von Schmidt in vielen seiner Bücher geübtes Verfahren) wird hier handlungstragend. Für den chinesischen Verhandlungsführer Yuan Schi Kai stellen die Kacheln wertvolle Geschenke dar. Durch Kolderups geschicktes Agieren kommt es zu einer Übereinkunft der Großmächte und das Reservat erhält eine (vorläufige) Bestandsgarantie.

In die erste Handlungsebene ist raffiniert eine Seereise mit Schiffbruch eingeflochten, als ein „Dazwischenspiel“, am Ende wie ein feingesponnener Traum, der wie eine kalkulierte Fernsehinszenierung mit Tricks hinter den Kulissen für Verwirrung sorgt. Es ist dies der Bericht von der Seereise dreier Atheisten, deren Überzeugung von einer Missionsgesellschaft einer Prüfung unterzogen wird. Dem liegt der reale Bericht über das Missionsschiff Kandaze zugrunde. Ein den Kolportage-Romanen Karl Mays direkt entsprungener junger Apotheker, der in der "Schule" den jugendlichen Helden geben darf, steht hier stellvertretend für die May-Bezüge, die in allen Werken Schmidts vorhanden sind.

Die in den Text der "Schule" eingebauten „Geheimgänge“ und Tapetentüren sind damit noch nicht erklärt. Sie sind Gegenstand des eigenen Erkundens.


Einflüsse und Quellen

In Die Schule der Atheisten bedient sich Schmidt der Operette und, wie der Titel durchschimmern lässt, auch der Komödie Die Schule der Frauen des französischen Dramatikers Molière. Handlungstragend ist der von Jules Verne verfasste Roman Die Schule der Robinsons und der von dessen Bruder Paul Verne verfasste Reisebericht Von Rotterdam nach Kopenhagen.In diesem Reisebericht steht eine Bootsfahrt auf der Eider im Mittelpunkt. Beide Bücher wurden deshalb 1978 in einem Band in der Reihe Haidnische Alterthümer bei Zweitausendeins wieder aufgelegt wie auch der Roman Auf zwei Planeten von Kurd Laßwitz, der Einfluss auf die Science-Fiction-Handlung des Buchs hatte.

Schmidts Rückgriff auf ältere Literaturformen, wie die Zaubermärchen des Rokoko, wohl über Christoph Martin Wieland vermittelt, lassen die Schule als Schmidts versöhnlichstes Werk erscheinen - altersweise wie Wilhelm Raabes Spätwerk.


Kleinformatige Radierungen zur Schule

Radierungen von Jens Rusch. Auflage je 99 Exemplare handsigniert und numeriert. Preis: Je 120.- Euro

Zeichnungen und Mischtechniken

Zeichnungen und Aquarell von Jens Rusch auf Karton. Format ca. 35 x 30 cm. Die Zeichnungen sind die Original-Entwürfe für die entsprechenden Radierungen im gleichen Format.

Der 3. Juni 1979

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Ich könnte stundenlang über die Omnipräsenz von AS im Hause Schlotter schwadronieren. Nach seinem Tode auf pulsierende Weise fast präsenter als zuvor. Wir Studenten fragten uns manchmal, wessen Weltbild uns hier eigentlich nahegebracht wurde, jenes von AS oder jenes von es. So formte sich dann auch mein literarischer Kosmos gleichsam mit meinem bildnerischen. Die Prägung wurde so unübersehbar, daß sie zum Konflikt für Lehrer und Schüler werden mußte. Es hat Jahre gekostet, meine eigene Identität wieder zu finden - und dennoch bin ich dafür dankbar. Ich bin auch stolz darauf, daß ich Eberhard Schlotter im April assistieren darf, wenn er mit seinen 89 Jahren seine Vorträge an der Miguel Hernandez Universität hält - man stelle sich das vor. Der Mann hat aber definitiv eine Botschaft. Und zwar eine nach der man heute lange im Nebel stochern müßte. So rätselhaft sich das anhören mag: Diese Botschaft wurde in weiten Passagen durch einen nie aufgehört habenden Dialog mit seinem Freund Arno Schmidt vorformuliert. Es kommt nicht von ungefähr, daß der größere Teil der AS-Illustrationen nach dessen Tod entstand. Das sind radiertechnische Nekrologe. " Illustration bedeutet für mich auch Illumination", so ein beliebtes Schlotter-Zitat. "Schmidt darf nicht mißverstanden werden - ich leiste meinen Beitrag." Wer das Rundgemälde versteht, erkennt das Konzept von Zettels Traum. Beider wertendes, grobschematisches Weltbild schwimmt auf einem wabernden Sarkasmus und einer zynischen Reflektion nach donquichotesken Rezepturen. Eberhard liebt das Idealbild dieses Ritters von der traurigen Gestalt, der erkennt, daß ihn die Realität ihrem Wesen nach enttäuschen muß - und so beschließt er einfach, diese nicht anzuerkennen. Er hat Cervantes nicht einfach nur illustriert - er hat ihn aufgesogen, ihn verinnerlicht wie ein iberischer Dorian Gray. Deshalb malt er auch heute noch und pflegt seine altersreduzierten aber immer noch bewundernswert vitalen Atelier-Zyklen. Manchmal überschneiden sich seine Welten und Sancho reitet übers Schauerfeld, Dulcinea del Toboso schenkt bei Bangemann in Bargfeld Getränke aus. Und dann seufzt er:"Schade das Arno es nie geschafft hat, mich in Altea zu besuchen." Aber das scheint auch die einzige offene Rechnung der Beiden zu sein.--Jens Rusch 21:31, 8. Feb. 2011 (UTC)


Die Vernissage

Laudator Björn Engholm:

Ob Portraits, Landschaften, Akte, Surreales, Buchillustrationen, Exlibris oder sogar Plastisches: Jens Rusch ist ein erstklassiger Künstler, eine gute Adresse im Lande Schleswig-Holstein, und diese Ausstellung mit den wunderbaren Arbeiten zugleich von Eberhard Schlotter ist eine sehr schöne, ein sehr schönes Datum, das eigentlich im Kunstkalender des Landes Schleswig-Holstein im Jahre 2014 seinen festen Platz haben sollte.



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Laudatio Björn Engholm

Mitschrift von Wolf-Dieter Kroening

GALERIE RUSCH 18. Januar 2014, Ausstellung zum 100. Geburtstag Arno Schmidt

Werke von Eberhard Schlotter und Jens Rusch


„(...)

Hier haben wir vier miteinander verbundene Themenkomplexe, die der Beurteilung oder zumindestens der Erzählung bedürfen. Da ist Jens Rusch und sein Projekt "Arno Schmidt – Die Schule der Atheisten", da ist zweitens Eberhard Schlotter, der Künstlervater von Jens Rusch, den es hier zu beurteilen gilt – einen wahren Großmeister der Bildkunst des 20. Jahrhunderts und, wie ich finde, in Deutschland, gemessen an seiner Bedeutung, eher viel zu wenig bekannt. Dann Arno Schmidt im Mittelpunkt der Ausstellung, ein Gigant der deutschen Literatur – auch immer wieder Gefahr laufend, nur in kleinen Zirkeln wirklich ernsthaft gelesen und in seiner Begründung erfasst zu werden. Und dann das langjährige Verhältnis von Schmidt und Schlotter inklusive Jens Rusch.

Wenn ich Ihnen diese vier Komplexe jetzt ausführlich erzähle, bitte ich Sie, ausdauernd auf beiden Beinen zu stehen, das kann eine Weile dauern. Wenn ich´s etwas einkürze, dann allerdings um den Preis des Verzichtes auf die Beurteilung einzelner Bilder – ohnehin, die Vielzahl ist zu groß. Also das alles in, sagen wir, 15, 16, 17 Minuten zu erfassen, ist schier unmöglich, dennoch in ungebührlicher Kürze und der Reihe nach.

1972 besucht Jens Rusch einen kranken Freund in Spanien. Im Raum Altea. Der warf ihn, wie Rusch schreibt, aus der sich tief abzeichnenden norddeutschen Bahn, indem er ihm Lektüre in die Hand drückte, die Rusch vermutlich zunächst verwirrt hat. Lektüre von einem Arno Schmidt. Darin sich vertiefend, entdeckt Rusch Formulierungen wie "eberhardig" und "schlotternd". Rusch – ratlos – erhält vom Freund den Hinweis: Der, den es betrifft, wohnt hier gleich nebenan. Besuch ihn und frag ihn, was es meint. Empfohlen, getan – und so gerät Jens Rusch 1972 erstmals an Eberhard Schlotter, dessen Kunst und auch dessen Belesenheit ihn fesseln und ihm auch einen Zugang zum Werk von Arno Schmidt eröffnen.

Jahre später, fünf, sechs Jahre später wird Rusch dann der erste Meisterschüler von Eberhard Schlotter. Dieser Meister Eberhard Schlotter, 1921 in Hildesheim als Kind einer künstlerisch und kunsthandwerklich gesegneten Familie geboren, macht zunächst eine schlichte Malerlehre, geht dann an die Münchner Akademie, lernt klassische Malerei im Wilhelm-Leibl- Stil, erwirbt intensive Materialkenntnisse und ist jüngster Ausstellender 1941 bei jener umstrittenen Ausstellung "Große deutsche Kunstausstellung". Einige seiner Bilder erregen das Missfallen einzelner Nazis, eines wird als entartet vermerkt. Er kommt zur Wehrmacht, es kommt zu Verwundungen wie bei vielen anderen, Schlotter lässt sich '45 nach Kriegsende freischaffend in Darmstadt nieder.

Er orientiert sich zunächst – was man an diesen Bildern nicht mehr erkennen kann – an dem Vorbild des Kubismus. Und des Fauvismus, der französischen Richtung, die damit anfängt, der Farbe einen eigenen Stellenwert in der Malerei zu geben, also Farbe nicht mehr nur der Form unterzuordnen. Er wird schnell der führende Künstler für "Kunst am Bau", in den Fünfziger Jahren entstehen 30 grandiose Projekte "Kunst am Bau", er ist eine Zeitlang Vorsitzender der Neuen Darmstädter Sezession und seit '55 mit Arno Schmidt bis zu dessen Tode eng befreundet. Er hilft Arno Schmidt beim Umzug von der Saar, wo dieser eine Zeitlang lebt und wo er wegen Verbreitung „unzüchtiger Schriften und Gotteslästerung“ verfolgt wird, zu einem neuen Aufenthalt, in diesem Falle in Darmstadt, wo´s liberaler zugeht. So kommt eine Verbindung zustande, von der man sagen kann, dass Schlotter irgendwann angefangen hat, das Alter Ego, das künstlerische und intellektuelle Alter Ego von Arno Schmidt zu werden.

Schlotter ist einer der bedeutendsten deutschen Künstler, nach meiner Einschätzung, der Nachkriegszeit – ein begnadeter Maler, Zeichner und vor allem auch, wie man hier sehen kann, Radierer. Es lohnt, die frühen Arbeiten nachzuschauen, die sogenannten "leeren Bilder" – leere Bilder heißt menschen-leere Bilder. Es sind Stadtlandschaftsbilder, in denen keine Menschen auftauchen. Sozusagen poetische Bilder, menschenfrei, Stilleben desgleichen. Es lohnt zu schauen auf seine Menschenportraits, etwa die vier Generationen einer Metzgerfamilie, in realistischer Wollust gepackt, wunderbar in den Farben; wenn Sie die Möglichkeit haben, sich das anzuschauen - das sind große Zyklen hervorragender zeitgenössischer Malerei.

Und dann seine Portraits, hier insbesondere bezogen auf Arno Schmidt – und zwar nicht nur auf das Äußerliche von Arno Schmidt, sondern auf dessen Innenstruktur, auf dessen Psyche, dessen mentale Grundlagen – das, finde ich, gehört zum Besten der deutschen Kunst der Nachkriegszeit. Seine Bilder sind in einem permanenten Fluß differenter Werkphasen entstanden – mit sehr unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten. Und dennoch kann man sagen: Sie bauen aufeinander auf. Und wer zum Schluss den ganzen Schlotter betrachtet, der Reihe nach, stellt fest, es ist ein höchst homogenes Werk entstanden.

Ein grandioses, gigantisches Oevre von bestechender Qualität. So dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die sehr sparsam mit Lob umgeht, Künstler eher spröde beurteilt, ihn genannt hat einen "Orpheus an der Staffelei". Orpheus war derjenige, der musikalisch die Leute betört hat – also Schlotter als der bildkünstlerisch betörende Orpheus. Und zu den feinsten und einfühlsamsten Arbeiten gehören die hier mit gezeigten Portraits und Bildnisse von Arno Schmidt.

Und nun Arno Schmidt, der dritte im Bunde dieser Ausstellung, der Mittelpunkt gleichsam. Mit Arno Schmidt habe ich mein Leben lang Schwierigkeiten gehabt. Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, außer den eingeschworenen Kennern. Ich hab gestern und vorgestern noch mal Zettel´s Traum rausgeholt und versucht, wenigstens zwei, drei Seiten am Stück zu lesen. Und ich gebe zu, es bedarf des Mutes und großer Lust und Beharrlichkeit, sich in diese phonetische Sprache hineinzubegeben.

Arno Schmidt, 1914 in Hamburg geboren, Abi in Görlitz, jung belesen, schon Gedichte schreibend, 34 eine Lehre machend und dann Buchhalter werdend: In dieser Zeit der Buchhalterei schreibt er Gedichte, schreibt er Erzählungen. 1940 kommt er zur Wehrmacht, wiederum als Schreiber eingesetzt in Schreibstuben, mit dem großen Vorzug, er hat weiter schreiben und arbeiten können. Er siedelt nach dem Krieg in der Lüneburger Heide, dolmetscht gegen geringes Entgelt, lebt zum Teil von Care-Paketen einer Schwester in den Vereinigten Staaten und er schreibt und schreibt und schreibt. 1948 ein erster Durchbruch mit einer Erzählung, ich glaube es war "Gladir", der Rowohlt-Verlag zeigt Interesse, Schmidt und Frau steigen in Rothenburg ob der Wümme auf ein Tandem und fahren mit dem Tandem nach Hamburg zu Rowohlt. Das muss man sich vorstellen. Heutzutage völlig unvorstellbar.

Dann kommt 1950 ein Durchbruch, der große Literaturpreis der Akademie Mainz wird von Döblin überreicht, einem der großen Vorbilder von Schmidt. Dann wird er gedrängt von Hans-Werner Richter, Martin Walser, Alfred Andersch und Ledig-Rowohlt, er möge doch der Gruppe 47 beitreten. Arno Schmidt überlegt lange Zeit – und lehnt einen Beitritt zu dieser Gruppe dann ab. Obwohl sie ihm zugesagt hat, er bekäme den Preis der Gruppe. Er sagt, und wer die frühe Gruppe 47 erinnert oder auch heutige Auftritte von Günther Grass vor Augen, versteht das: Ich bin doch kein Mannequin. Und verzichtet sozusagen auf die Ehre, dieser Gruppe anzugehören – wie ich finde, nachvollziehbar. Er wohnt zu jener Zeit in Kastel an der Saar. Dort wird die Schrift "Seelandschaft mit Pocahontas" berühmt-berüchtigt, heute würden wir lachen darüber. Aber damals lachte man nicht. Es kommt vor Gericht, er wird angeklagt wegen Gotteslästerung und Pornografie. Und dann kommt Eberhard Schlotter ins Bild und zieht Schmidt rüber nach Darmstadt, wo Schlotter zu jener Zeit lebt. Dort geht es liberaler zu, die Anklage wird fallen gelassen.

Wie weit in jener Zeit der Wunsch von Schmidt vorhanden ist, dem Beispiel Bölls zu folgen, auch nach Irland zu gehen, in der Literatur finden wir darüber einiges, das ist wohl an Geldmangel gescheitert. Aber der Wunsch, im Norden zu siedeln, ist schon lange vorhanden, und so siedelt Arno Schmidt in Bargfeld, in Niedersachsen, arbeitet dort berserkermäßig und erhält 1970 für dieses nur in Kilos zu bemessende Werk "Zettel´s Traum" den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt. Er stirbt 79 in Celle und der Bargfelder Bote, von dem ich gelegentlich auch was erworben habe, der das Erbe wunderbar pflegt, der die Spurensuche betreibt, die weitere Interpretation, die noch endlos dauern wird, dem gilt hier in Paranthese ein großes Lob.

Keine Frage: Schmidt ist einer der ganz wenigen, Literaten des letzten Jahrhunderts von Weltbedeutung. Seine Verbindung von klassischer Erzählkunst, zugleich einer unglaublich evolutionären Schreibtechnik ist einmalig in der deutschsprachigen Literatur. Der Reichtum der Metaphern, der Anspielungen, der Wort-Querungen, des phonetisch zu Papier Gebrachten in einer Schreibweise, die uns erst vertraut werden muß, indem wir uns hineinknien – das ist unbeschreiblich und überfordert den Leser in der Regel immer aufs Neue, wenn er sich heranmacht, Schmidt zu lesen.

"Zettels Traum", 1334 Seiten, eine Anknüpfung an Shakespeares Sommernachtstraum, ist sozusagen ein Sommertagtraum in der Lüneburger Heide. Ein Liebesleid-, Lehr- und Streitgespräch von erzählerischer, aber auch von literaturtheoretisch ungewohnter Größenordnung. Dazu kommen bei Schmidt kongeniale Übersetzungen von Edgar Allen Poe, von William Faulkner, von James Fenimore Cooper, zahllose grandiose Radioessays – man muss sagen, es ist das unfassbarste Werk, was mir als Leser jemals untergekommen ist.

Und schließlich das von Jens Rusch für diese Ausstellung gewählte Thema: "Die Schule der Atheisten" von Arno Schmidt. Ein Zukunftsroman, von Schmidt selbst als Novellenkomödie bezeichnet, 1972 erschienen und im Jahre 2014 spielend – also in dieser Zeit, in der wir uns hier zusammenfinden. Der 3. Weltkrieg hat in dieser Geschichte die Welt zerstört. Übergeblieben sind die Vereinigten Staaten, als Matriarchat bezeichnet, und China, als Patriarchat bezeichnet. Und da gibt es neben diesen beiden überlebenden Blöcken noch ein ganz klitzekleines Fleckchen Erde – und das heißt Tellingstedt an der Eider. Gleich hier in der Nachbarschaft. In diesem kleinen Reservat quasi wird die alte Kultur Europas museal bewahrt. Damit die Leute noch mal gucken können, touristisch, was es dereinst gegeben hat. Der Regent dieses kleinen Reservates ist der Friedensrichter Kolderup, auf einzelnen Bildern hier wunderbar skizziert. Als eine neue Bedrohung auftritt, also: es tauchen Außerirdische auf, Ufos, die die Welt, die Restwelt erneut bedrohen, kommt es zu einer Friedenskonferenz, einer internationalen Konferenz im Eider-Reservat. Die US-Außenministerin erscheint, ihr Kollege aus China erscheint, und Kolderup, der Friedensrichter, der Regent dieses Eider-Reservates, taktiert höchst geschickt. Er erzählt Nicole Kennan, der Außenministerin, von einer Schiffsreise mit deren Mutter und einem Schiffbruch, die sie überleben haben. Er schenkt dem Chinesen, woher sie immer kommen mögen, chinesische Kacheln mit wunderbaren erzählenden chinesischen Schriftzeichen darauf. Es rührt den Chinesen zutiefst. Und durch diese Taktik, ganz kurz gesagt, ist am Ende der Friede gesichert, und mit ihm das Reservat an der Eider. In diese Handlung raffiniert eingewoben ist die Geschichte einer Seefahrt, auf der drei Atheisten von einer kleinen Missionsgemeinschaft auf ihre atheistische Haltung und die Festigkeit dieser Haltung getestet werden. Es ist eine eigentümliche Mixtur aus Komödie, Operette, Kolportage, Dokumentensprengseln, Zaubermärchen – und am Ende für Arno Schmidt erstaunlich versöhnlich und ganz weise in die Zukunft ausgerichtet.

Und weshalb ich hier bin: Hier in Brunsbüttel, bei Jens Rusch, kommt nun alles zusammen – der 100. Geburtstag von Arno Schmidt, zugleich das 35. Todesjahr. Das Jahr der Ereignisse 2014 (in der Schule der Atheisten), die Region dieser Ereignisse: Eider, Tellingstedt, Brunsbüttel fast in Sichtweite, und die grandiosen Arbeiten von Eberhard Schlotter zu und über Arno Schmidt, zugleich Dokumente einer fast 25-jährigen Freundschaft. Und die langjährige Auseinandersetzung des Meisterschülers Jens Rusch, der inzwischen selbst ein Meister geworden ist, mit dem Werk von Arno Schmidt.

Letzte Bemerkung. Jens Rusch hat das alles geschickt und liebevoll projektiert. Und er gibt uns zugleich, neben diesen spezifischen Aspekten zu Arno Schmidt, einen Einblick in sein Werk. Und in sein Werk heißt immer auch: in seine Denke, in seine Philosophie, seine Lebens- oder auch seine malerische Philosophie.

Man hat Jens Rusch als Dali vom Elbdeich bezeichnet, und das ist ja in keiner Weise unehrenhaft, wobei ich nur bezweifle, dass die Einkünfte in der Galerie mit denen vergleichbar sind, die Dali erzielt hat. Aber dass der Realist Jens Rusch dem Surrealen durchaus gewogen und auch dessen fähig ist, zeigt ein Blick auf alle Arbeiten, die außerhalb dieses kleinen Bereiches hier hängen. Tiere, Menschen, insbesondere dort, wo das Tierische im Menschen und das Menschliche im Tier sich miteinander verweben, zeigen das deutlich. Aber auch, indem er Wortspiele illustriert: die Schnapsdrossel, berühmt geworden, der Schluckspecht, die Turteltaube – da vermischt sich das sehr Reale, das Bodenständige, auch in Dithmarschen Sichtbare mit dem Surrealen und es wird zur Surrealität.

Vor allem aber belegen die Arbeiten zu und über Arno Schmidt seine feinsinnigen und einfühlsamen Fähigkeiten, die Sonderheit und das Mentale, die Psyche eines Menschen wie Arno Schmidt bildnerisch einzufangen und zu Papier zu bringen. Dahinter steht, wie ich glaube, wie bei jedem guten Künstler eine enorme ästhetische Kraft. Ästhetik heißt im Sinne der alten Griechen: Wahrnehmungsfähigkeit, Ästhesis war die Fähigkeit wahrzunehmen, hatte nichts mit schön und hässlich zu tun. Also, ich glaube, was Rusch auszeichnet, ist eine sehr ausgeprägte Wahrnehmungs- und Intuitionsfähigkeit, die Basis eigentlich für alle bedeutende künstlerische Umsetzung in Malerei, Zeichnung oder Radierung.

Und dass er auch als Bildhauer reüssieren kann, hat uns vor einiger Zeit eine Plastik gezeigt, eine Skulptur. Ob die nun griechisch bezeichnet wird oder lateinisch, ist eigentlich völlig wurscht, auf Dithmarschisch gesagt. Ne-ócorus oder Neocorus – gehupft wie gesprungen... Wie auch immer, lateinisch oder griechisch, exaktes Vorbild oder angenommenes Vorbild, reales, irreales: die Arbeit ist gelungen. Und dass zu einem insgesamt doch ansehnlichen Werk eine klitzekleine Kritik erfolgt, gehört nun mal zum Lande Schleswig-Holstein dazu... Also: Ob Portraits, Landschaften, Stillleben, Akte, Surreales, Buchillustrationen, Exlibris oder sogar Plastisches: Jens Rusch ist ein erstklassiger Künstler, eine gute Adresse im Lande Schleswig-Holstein, und diese Ausstellung mit den wunderbaren Arbeiten zugleich von Eberhard Schlotter ist ein sehr schönes Ereignis, das eigentlich im Kunstkalender des Landes Schleswig-Holstein im Jahre 2014 seinen festen Platz haben sollte.

Jetzt haben Sie mir lange genug zugehört, ich danke Ihnen.“

(Björn Engholm)



Pressespiegel

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Schmidt, Arno – dt. Autor, *18.01.1914 Hamburg, †03.06.1979 Celle – Goethe-Preis der Stadt Frankfurt a.M.
"Das steinerne Herz" (Untertitel: Ein historischer Roman aus dem Jahre 1954 nach Christi) ist ein Roman, der im Jahr 1956 erschien. Der Titel enthält Anklänge an Wilhelm Hauffs Erzählung Das kalte Herz und an E. T. A. Hoffmanns Das steinerne Herz. Die erste Auflage wurde an politisch, religiös und sexuell „anstößigen“ Stellen entschärft. Erst 30 Jahre später erschien im Rahmen der Bargfelder Ausgabe eine unzensierte Urfassung, die zudem Autorenkorrekturen aus späteren Textstadien berücksichtigt. Weiterlesen: Wikipedia
Innerhalb der Literaturwissenschaft ist Arno Schmidts hoher Rang innerhalb der Riege der deutschen Nachkriegsautoren relativ unbestritten. Innerhalb der nichtwissenschaftlichen Leserschaft ist dagegen eine eigenartige Spaltung erkennbar: die große Mehrheit der literarisch Interessierten kennt Schmidt entweder nicht oder lehnt ihn als "verschroben" oder "zu avantgardistisch" ab, während eine eingeschworene Gemeinde von Fans Schmidt zu ihrem Kultautor erhoben hat. Innerhalb der Fangemeinde hat sich zudem eine Schmidt-Philologie entwickelt, die mit fast religiöser Hingabe die stellenweise kryptischen Texte Schmidts zu "entschlüsseln" sucht – mit einem aus wissenschaftlicher Sicht zum Teil zweifelhaften Ergebnis. Alles in allem eine paradoxe Situation, in der jeder, der sich als A.S.-Leser zu erkennen gibt, entweder auf Unkenntnis oder Unverständnis stößt und – soweit Schmidt überhaupt bekannt ist – sofort als Mitglied einer als esoterisch wahrgenommenen Fangemeinde identifiziert wird. Es scheint unmöglich, Schmidt ebenso zu lesen wie andere Autoren dieser Epoche; nach dem Motto ganz oder gar nicht wird entweder Gegnerschaft oder Hingabe erwartet. Diese Sonderstellung Schmidts gilt es zu durchbrechen, um den Autor von Gegnern einerseits und selbsternannten Jüngern andererseits für die "normale" Leserschaft zurückzuerobern. Die Arbeit lohnt, denn auf den Interessierten wartet ein großer Autor und ein überraschendes und spannendes Werk.
Schmidts Texte gelten als schwierig, er selbst wird teilweise als der "deutsche James Joyce" bezeichnet. Schmidts eigenartige Orthographie und Interpunktion, seine wortschöpferische Begriffsbildung und schließlich sein an tatsächlichen oder vermeintlichen psychologischen Erkenntnissen orientierter Stil (Gedankenfetzen und Momentaufnahmen) schrecken viele Leser ab. Dies ganz zu unrecht, denn – abgesehen von Spätwerken wie "Zettels Traum" – sind die Texte des 'Wortweltenerbauers' und 'Wort-Metzes' Schmidt durchaus lesbar. Mehr als der Wille, sich auf ungewohnte Erzählstrukturen einzulassen, wird dem Leser nicht abverlangt. Für das Textverständnis ist es auch keineswegs zwingend, die zahlreichen ungekennzeichneten Zitate zu erkennen und die eingestreuten kryptischen Bemerkungen zu enträtseln. Wer sich auf das Ungewohnte einläßt wird umso reicher belohnt, denn Schmidts Beobachtungsgabe und sein scharfer Verstand sind bewundernswert, seine Sprache ist reizvoll und sein Humor bizarr.
[...]So hat Schmidt seiner Farce folgendes "Falstaff-Finale" aus der Verdi-Oper vorangestellt: "Alles ist Spaß auf Erden, der Mensch ein geborener Tor; (und dünkt er sich weise zu werden, ist er dümmer noch als zuvor)."
Verdis "Falstaff" schließt aber so: "Alles um uns ist Narrheit, wir sind selber geborene Narren ... Lauter Gefoppte, lauter Gefoppte, prellen einander, eh man"s gedacht. Doch wer zuletzt noch lachte, hat am bestengelacht!" [...]

Hypothetische Begegnungsstätten

Arbeiten von Jens Rusch. Auftrags-Exlibris über Stätten, an denen J.W.v.Goethe und Arno Schmidt sich hätten begegnen können, so sie denn zur gleichen Zeit gelebt hätten.... (Die abgebildeten Radierungen unterliegen dem Copyright Wolf-Dieter Krügers und des Künstlers)

Exlibris

Arbeiten von Jens Rusch
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Zitate

Jan Philipp Reemtsma: Schmidt ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Prosa der Werke vor „Zettel’s Traum“ zeichnet sich vor allem durch einen Realismus aus, der sehr auf den Alltag gerichtet und in manchen Zügen dokumentarisch zu nennen ist – in einer Sprache, die an poetischer Intensität, Bilderreichtum, emotionalem Tempo nicht ihresgleichen hatte und hat. In den späten Werken entwirft Schmidt große Fantasiepanoramen, in denen sich inneres Erleben und Außenwelt zu großen Weltkarikaturen verbinden. Das klingt in dieser Verkürzung rätselhafter als es ist: Ähnliches finden Sie immer wieder in der Literaturgeschichte. Denken Sie an Aristophanes, Rabelais, Swift, Stern und auch an Döblin vielleicht. Quelle: Arte

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