Vernissage Kulturhof

Aus Jens Rusch
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Laudator Martin Kayenburg, Freund des Künstlers.
Jens Rusch

Fotos von George H. Peters

Siehe auch:

Die Laudatio

Jens Rusch „Die geschenkte Zeit“

30.10. – 22.12.2011 Kulturhof Itzehoe

Vernissage 30.10.2011 Martin Kayenburg


Meine Damen und Herren, die geschenkte Zeit – welch´ schonungslos programmatischer Titel für diese Retrospektive auf 10 Jahre kraftvolles künstlerisches Wirken.

Es war ein langer, unruhevoller, oft steiniger Weg, der ihn häufig gegen den Wind führte – insbesondere in seiner Heimat Dithmarschen, an der von Stürmen geplagten Westküste, Stürme, die Natur und Menschen geprägt haben. Jens Rusch hat die Herausforderungen dieses Weges angenommen – in der ihm eigenen Art – konsequent, manchmal eigenwillig (vielleicht auch eigensinnig), von Leidenschaft getrieben, immer ein Ziel - sein Ziel vor Augen. Diese Werkschau von Jens Rusch zeigt Arbeiten, die allerdings ohne ein dramatisches , seine persönliche Welt veränderndes Ereignis in dieser ausdrucksstarken, die Menschen, die Dinge, die Welt hinterleuchtenden Art so nicht entstanden wären; die aber auch ohne seinen Entwicklungsweg zum Künstler, seine Lehrmeister, seine Sinnsuche und sein Streben nach Alleinstellung in seiner Kunst nicht zu erklären, nicht nachzuvollziehen sind. Geschenkte Zeit – Jens Rusch hat sie genutzt.

Er hat sich niemals beirren lassen, sondern ist als Künstler, als Mensch und Bürger - und in den letzten 10 Jahren besonders als Menschen-Freund - sich immer selbst treu geblieben. Und dennoch, die „geschenkte Zeit“ hat ihn anders werden lassen, hat neben der Kunst sein soziales Engagement, sein Eintreten für die Mitmenschen zunehmend in den Mittelpunkt seines Handelns gerückt.

Meine Damen und Herren, viele von Ihnen haben Jens Rusch über Jahrzehnte begleitet. Sie wissen (also), dass in seiner Kunst nichts ohne den Gedanken dahinter, ohne Doppeldeutigkeit, vielleicht mehrfache Eindimensionalität, nichts ohne die Herausforderung geschieht, sich mit Kunst und Aussage, mit Inhalt und Anlass auseinander zu setzen!! In seinem Hang zur Surrealität liegt wohl auch der tiefere Grund, Dinge wörtlich zu begreifen oder auch die Doppeldeutigkeit für seine künstlerische Aussage zu nutzen, sie umzusetzen. Durch die „geschenkte Zeit“ beginnt im Wortsinn eine Ausstellung, die Jens Rusch vor genau 10 Jahren hier im Kulturhof mit einem „Himmel voller Geigen“ gestalten wollte. Bei der damaligen Vernissage war für ihn dann aber die Krebsdiagnose – gerade erfolgt – gegenwärtig und ungeheuere Belastung.

Der damals 50-jährige hat den Kampf aufgenommen und ist – wie er es selbst oft formuliert hat – dem Gevatter Tod noch einmal von der Schippe gesprungen. Das klingt im Nachhinein so leicht und behände! In Wirklichkeit war es ein langer, schwerer Kampf, den er bewundernswert bestritten und schließlich bestanden hat. Physisch und psychisch eine schwere Zeit, in der ihm seine Willensstärke, sein Lebenswille, die Unterstützung seiner lieben Suse und einiger guter Freunde geholfen haben, den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren, sich den unbändigem Willen zum Sieg über den Krebs zu erhalten und sich später wieder seiner Kunst zu widmen, die ihm dann vielleicht auch Therapie war, ihm Kraft gegeben hat.

Die Zeit wurde dir geschenkt und die geschenkte Zeit geht weiter, da bin ich mir sicher, lieber Jens! Meine Damen und Herren, als Jens mich vor einiger Zeit überredete, heute eine Laudatio zu halten, empfand ich das als Ehre, war mir aber überhaupt nicht bewusst, auf was ich mich mit meiner zögerlichen Zusage leichtfertig eingelassen hatte. Nun will ich auch gar nicht erst versuchen, mich mit dem Werk von Jens Rusch auf künstlerischer Ebene oder in kunstwissenschaftlicher Form auseinander zu setzen; das wäre vermessen. Arbeiten der letzten 10 Jahre, die fast alle eine ganz eigene Geschichte haben, sehen Sie hier im Kulturhof. Der Künstler wird Ihnen später zu Erläuterungen und Diskussion zur Verfügung stehen; über Maltechniken, Art und Inhalt, aber auch Anlässe des Entstehens gern Auskunft geben.

Meine Damen und Herren, der Künstler Jens Rusch spiegelt in seiner heutigen Aussage und seinem Werk der letzten zehn Jahre natürlich die Mühen, Ergebnisse und Erfolge seines künstlerischen Werdegangs und die Einflüsse seiner Lehrer und Vorbilder genauso wieder, wie seine eigene, starke Persönlichkeit und seine Herkunft. Am 26. April 1950 wurde Jens Rusch als Sohn eines Fischers geboren und erlernte nach der Volksschule einen bodenständigen, „ordentlichen Beruf“ – wie es dem Wunsch der Eltern entsprach. Doch die Ausbildung zum Elektroinstallateur war ihm nicht genug. Jens Rusch wollte bildender Künstler werden, was ihm in seinem Geburtsort, dem Fischerdorf Neufeld, sicherlich nicht an der Wiege gesungen wurde. Neufeld, eher bekannt für frische Krabben und vorzüglichen Eiergrog, kann heute stolz sein auf einen großen Sohn, der viele Erfolge als Maler, Zeichner, Graphiker und Gestalter von Bronzeplastiken vorweisen kann.

Neufeld mit dem großartigen Blick über die Elbmündung mag auch den Blick des Künstlers für Weite und Watt, die Sehnsucht nach Ferne und die Liebe zu den bodenständigen Menschen Dithmarschens geprägt und geschult haben. So weist seine Vita von 1964 bis 1967 ein Fernstudium an den „famous artist schools“ bei Norman Rockwell und Robert Fawcett aus. Auch wenn er Rockwell nie persönlich getroffen hat und seine intensiven autodidaktischen Bemühungen entscheidend für seinen Weg als Künstler waren, so hat ihn doch Stil und Methode von Rockwell beeinflusst. Vor allem hat er von ihm übernommen, bei der Gestaltung seiner Bilder Menschen aus seiner Umgebung (als Vorlage; als „Vorbild“) für seine charaktergeprägten Figuren zu nutzen; das gilt für die Schimmelreiter-Illustrationen wie für Mobby Dick, für die Carmina Burana oder auch gleichermaßen für den Neocorus. Aber auch beim Betrachten seiner Aktbilder, der Serie über Wacken und der Auftragsarbeiten, wie etwa die Gemälde „Vergangenheit“ und „Zukunft“, oder „Farbige Debatten – Realisten im Parlament“ und auch des Bildes „Schleswig-Holstein-Konvent“ sind die Vorbilder unübersehbar.

Das waren keine bezahlten Models oder Gesichter aus der Retorte, das sind vielmehr lebendige Menschen aus seinem Umfeld, aus dem Freundeskreis von Jens Rusch, gestandene Dithmarscher allemal.

Meine Damen und Herren, seit 1972 ist Jens Rusch freischaffender Künstler, der Wert darauf legt, dass er „keine Nebeneinkünfte durch Lehrtätigkeit oder Erbschaft“ hatte. Für ihn war und ist künstlerisches Wirken und Gestalten unteilbar, der Künstler muss sich ganz hingeben, kämpfen, gestalten, für seine Kunst leben und darf sich nicht aufteilen, nicht durch öffentlich rechtliche Dienstverhältnisse aushalten lassen, nicht abhängig sein oder werden. Diese Überzeugung, dieser Unabhängigkeitswille, dieser Freigeist des Jungen aus Dithmarschen wurde nicht überall verstanden und in seiner engeren Heimat schon gar nicht oder nur selten mit Sympathie betrachtet. Und dennoch hat Jens Rusch sich durchgekämpft, hat überzeugt, wenn es auch noch bis 1990 dauern sollte, dass ihm der Dithmarscher Kulturpreis verliehen wurde.

Lieber Jens, gut erinnere ich mich noch an die Zeit in der Galerie Stücker in Brunsbüttel, in der wir uns auch das erste Mal begegnet sind, noch bevor du dein Studium als Meisterschüler bei Prof. Eberhard Schlotter im spanischen Altea von 1979 bis 1982 aufnahmst. Das war eine ungestüme, lebhafte (wilde) Zeit damals in Brunsbüttel und danach in Barlt und Gudendorf. Begeistert war ich sogleich von dem hintersinnigen Spökenkieker, der mit anderen auf dem Weg war, - suchend, kritisch und oft voller Selbstironie. Texte und Zeichnungen von damals sind phantastisch, interpretationsfähig und -bedürftig, ein „unrealistischer Realismus“ zeichnet Künstler und Werk aus.

Selbstironie war den Protagonisten des Wattpsychologischen Instituts nicht fremd, sie waren handwerklich und technisch schon auf hohem Niveau, aber auch (heraus)fordernd, manchmal aggressiv und wollten selbstbewusst – trotz aller materiellen Risiken – ihren schwierigen Weg in Selbständigkeit gehen. Diesen Mut – bin ich persönlich doch mit gewissem Sicherheitsbedürfnis ausgestattet – habe ich immer bewundert, aber auch die Visionen, die den Weg zur Selbstverwirklichung begleiten.

Fasziniert hat mich damals das Wattpsychologische Institut (1977) mit seinen oft skurrilen Ideen und auch deine Veröffentlichungen, wie „Strandgut“ oder „So funktioniert Dithmarschen“ (1984). In die Stücker-Zeit fielen für Jens Rusch auch Begegnungen mit Günter Grass, Eberhard Schlotter oder Hans-Pierre Schumann, aber auch die Gründung des Künstlerbundes Dithmarschen, der unter maßgeblicher Beteiligung von Jens Rusch immerhin 25 Jahre ein wichtiger Treffpunkt und Interessenvertreter für die Dithmarscher Künstler war. Und nicht zuletzt ging es – was wohl vielen nicht mehr bewusst ist – um eine gesunde Umwelt, um den Erhalt und die Pflege der Natur, aber vor allem um Kunst und Kultur in Dithmarschen.

Die entscheidende Prägung seines Lebens geschah aber in Spanien. Als – wie man heute wohl formulieren darf – kongenialer Meisterschüler (1979 – 1982) von Eberhard Schlotter hat Jens Rusch dort seine Fähigkeiten als Graphiker und Maler vervollkommnet, nach dem er schon ab 1974 als Gelegenheitsschüler bei Schlotter war. Dieser ganz große deutsche Maler und Graphiker der Gegenwart hat Jens Rusch – wie er selbst formuliert – „in die Zucht und Lehre einer strengen naturalistischen Bildauffassung eingeführt“.

Aus dieser Zeit stammen bzw. von dort beeinflusst sind viele Graphiken und Werke von Jens Rusch, die uns in ihrer Präzision und Kraft, in ihrem zum Teil akribischen Naturalismus oder in ihrem strengen Realismus und ihrem Anklang zum Surrealismus an seine Beziehung zu Schlotter erinnern, aber in ihrer Eigenständigkeit, in ihren Sujets, ihrer Umsetzung und handwerklichen Perfektion die ganze Künstlerpersönlichkeit von Jens Rusch widerspiegeln/zeigen. Seine Auseinandersetzung mit Begriffen, Objekten und Sprichworten ist einzigartig und oft sinnstiftend – bis in die heutige Zeit. Der Betrachter entwickelt eigene Phantasien, hat Visionen, findet neue Bedeutungen.

Seine eigene Interpretation holt die Kunstwerke aus ihrer erwartungsvollen Ruhe, lässt sie für jeden individuell lebendig werden – das galt in den 80-ger und 90-ger Jahren und das gilt noch heute. Jens Rusch stellt Dinge in den Raum und lässt uns eintreten: Denken Sie doch nur an Bilder und Graphiken „Lehrstuhl“, „Buch der Bücher“, „Buchbinderei“, „Wer war das?“, „Puppen“, „Füllhorn“, „Vogelzug“, „Zauberflöte“, „Zeitreise“ und „Reisezeit“ bis hin zu den „Uhreinwohnern“ oder schauen Sie in die heutige Ausstellung: „Das Insektenorchester“, „Remis – zwei schlechte Schachzüge“, „Welttheater“, „Wir sind das Volk“, „Weltkuh“, „Jim Knopf“.

Und so ist auch in der Laudatio zum Dithmarscher Kulturpreis festgehalten, dass Jens Rusch die Ehrung erhielt für seine „in strengem Realismus gehaltenen Werke mit Satire, Ironie, tieferer Bedeutung, Literarischem und Erotischem“.

Meine Damen und Herren, in dieser Zeit hat sich Jens Rusch als Radierer eine viel beachtete, internationale Anerkennung erarbeitet. Erinnern will ich nur an Illustrationen bzw. Graphikzyklen zu Goethes Faust (1986); Der illustrierte Schimmelreiter (1987); Mundus Pictus (Gedichte verschiedener Autoren); Oskar Panizzas „Liebeskonzil“; Carl Orff´s „Carmina Burana“ oder Charles Darwins „Evolution“ und Arno Schmidt´s „Schule der Atheisten“.

Die Anzahl seiner Ausstellungen in Galerien und namhaften Museen des In- und Auslandes ist beeindruckend; so hat er u.a. schon 1989 im Goethe National-Museum in Weimar (DDR) ausgestellt, 1993 im Goethe-Museum in Düsseldorf, in vielen Städten und Galerien Schleswig-Holsteins oder 2003 im Landeshaus gemeinsam mit den Norddeutschen Realisten als deren Mitglied und ganz aktuell in den Räumen der FDP-Landtagsfraktion unter dem Titel „Carmina Burana bis Wacken“ – Bilder, die Jens Rusch selbst als „gemalte Feldstudien“ bezeichnet und die uns in ihrer kraftvollen Art Heavy Metal gleichsam hören lassen. Und mit der Darstellung von Behinderten, mit dem Erfassen einer fröhlichen Gemeinschaft, mit seiner Art, starke Charaktere wider zu geben und doch die kleinen Dinge, Nebensächlichkeiten – die für das Erkennen der Absicht des Bildes bedeutungsvoll sind – nicht zu vergessen, hat sich Jens Rusch verändert. So erspüren wir in diesen Bildern auch, wie die „Geschenkte Zeit“ und seine Krankheit Jens Rusch beeinflusst haben - und sind damit mitten in der Ausstellung hier im Kulturhof.

Als Jens Rusch nach der Teilnahme am „Schleusen-Symposium“ der Norddeutschen Realisten und Ausstellungen in Brunsbüttel und Eckernförde hier im Kulturhof - wie schon erwähnt - im Oktober 2001 seine Ausstellung vorbereitete, erreichte ihn die niederschmetternde Nachricht von seiner Krebserkrankung mit aller Wucht und Härte. Der Wachtelei-große Knubbel an seiner linken Halsseite wurde als Zungengrundtumor diagnostiziert, und diese Erkenntnis musste Jens Rusch umso härter treffen, weil er einen Hochpunkt seiner Entwicklung erreicht und dies auch mit dem Einladungs-Layout – dem Himmel voller Geigen – für jedermann sichtbar dokumentiert hatte. Aber Jens Rusch hat sich nie aufgegeben und ist mit jedem Genesungsfortschritt hoffnungsfroher, kraftvoller und selbstbewusster geworden – so hat er die „geschenkte Zeit“ genutzt,

- für seine Kunst, die wir hier sehen
- und für andere, vor allem vom Krebs Mitbetroffene, denen er Mut machen will und ideelle und materielle Hilfe zukommen lässt.

Die geschenkte Zeit „danach“ verwendet Jens Rusch intensiv, kämpferisch und offensichtlich auch dankbar, und ich will stichwortartig einige markante Punkte der letzten 10 Jahre beleuchten: Jens Rusch gründet 2002 den Förderverein für Kulturarbeit Lyra e.V. zwischen zwei Klinikaufenthalten – aus Sorge um die kulturelle Szene in Dithmarschen.

Vor allem wendet sich Jens Rusch verstärkt kreativen Dingen zu: Seit 2004 organisiert Jens Rusch die „Wattolümpiade“, durch die der Krebs-gesellschaft Schleswig-Holstein bisher deutlich über 100.000 € übergeben werden und so wichtige Maßnahmen wie Krebsberatungsstellen an den Westküstenkliniken in Brunsbüttel und Heide sowie ein Hospizraum in einer Palliativstation angestoßen und teilfinanziert werden konnten.

2005 hat Jens Rusch ein Benefiz-Konzert für die Opfer der Tsunami-Katastrophe organisiert und konnte die Beluga School for Life in Na Nai/Thailand mit 20.000 € unterstützen. Und schließlich hat er die Brunsbüttler Krebs-Informationstage ins Leben gerufen, konnte Mit-Betroffenen Rat und Hilfe vermitteln, und hat das sog. Unsterblich-keitskraut Jiaogulan bekannt gemacht und sogar selbst gezüchtet und verschenkt; ein Kraut, das in der chinesischen Medizin bei der onkologischen Therapie eingesetzt wird. Und dies alles hat Jens Rusch mit großer Intensität neben seinem künstlerischen Schaffen – manchmal bis an die Grenzen seiner physischen Kraft – geleistet.

10 Jahre tägliche Unsicherheit, 10 Jahre sich selbst Mut zusprechen, 10 Jahre künstlerische Selbstverwirklichung – das kann nur jemand, der kraftvoll, zielstrebig und selbstbewusst die geschenkte Zeit nutzt. Und wie Jens Rusch diese Zeit künstlerisch genutzt hat!

Einiges davon können wir hier im Kulturhof betrachten. Weiterarbeit an den Carmina Burana, wobei der Künstler die Arbeit mit Säuren ins Freie verlegt hat. Im Sommer 2003 Teilnahme an dem Symposium „Farbige Debatten“ im Kieler Landtag Damals sind erstmals in der deutschen Parlamentsgeschichte Debatten, und zwar im Schleswig-Holsteinischen Landtag von Kunstmalern begleitet – oder wie Jens Rusch es formulierte – „Stenographie mit Pinsel und Ölfarbe“ gestaltet worden, und er sieht darin einen Beleg für die Transparenz der Landespolitik.

Der vieldeutige, sozusagen hintersinnige Titel ist der Arbeitsweise von Jens Rusch wie maßgeschneidert: „Farbige Debatten – Realisten im Parlament“ Das monumentale Gemälde zum Schleswig-Holstein Konvent – im Frühjahr 2008 trafen sich mehr als 1.000 Bürgermeister aus allen Gemeinden Schleswig-Holsteins auf Gut Schierensee – hängt heute im Haus B des Schleswig-Holsteinischen Landtages und der Landesregierung. Solch ein Bürgermeistertreffen gab es zum ersten Mal. Grund war die Veröffentlichung des Abschlussbandes der „Schleswig-Holstein Topographie“, und Jens Rusch verwendete für sein Bild als Vorlage das berühmte Motiv vom „Hambacher Fest“ von 1832. Die demokratische Freiheitsidee liegt nahe, die Bedeutung der Schleswig-Holstein-Fahnen auch. Aber Jens Rusch wäre nicht Jens Rusch, wenn wir nicht absichtsvoll und unübersehbar Dithmarscher Fahnen in dem Bild entdeckten – von ihm „hinein geschmuggelt“.

Dann die großartige Radierung der Gorch-Fock mit dem Landeshaus im Hintergrund aus 2005 – die ich aus offiziellen Anlässen gern verschenkt habe, die schon erwähnten Illustrationen zum Schimmelreiter und der Radierungszyklus „Evolution“ zu Charles Darwin, Dozententätigkeit/Radier-Seminare im Künstlerhaus Spickeroog 2007 – 2009, das Symbolgemälde zum Schleswig-Holstein Konvent 2008 und schließlich die lebensgroße „Neocorus“ Bronzeplastik 2008/2009 und vieles andere mehr, was zum Teil in dieser Ausstellung gezeigt wurde.

Auch bei den Bildern dieser Ausstellung reichen seine Techniken von den perfekten Radierungen über das Zeichnen mit dem Zulustift, die Malerei in Aquarell und Öl bis hin zu Bronzeplastiken. Und im Kern wird ein Ziel des Künstlers – vielleicht auch angestoßen durch seine freimaurerischen Tempelarbeiten und sein religiöses Weltbild, in das sich viel Buddhistisches geschlichen hat (wie er selbst sagt) – in seinen Werken deutlich: Jens Rusch möchte die Menschenliebe pflegen und gepflegt sehen, Unwissenheit zu überwinden helfen und den Sinn hinter den Dingen für uns aufdecken.

Und so ist es auch keine Überraschung, Jens Rusch unter den vier Vorschlägen für „Unsere Menschen des Jahres 2011“ in der „Norddeutschen Rundschau“ zu finden – für sein besonderes, ehrenamtliches Engagement für die Krebshilfe. Das ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält und die uns allen geschenkte Zeit lebenswert macht.

Lieber Jens, deine Fähigkeit, die Dinge wörtlich zu nehmen und das Wesen hinter der sichtbaren oder auf den ersten Blick nicht fassbaren Realität glaubhaft zu vermitteln, deine Aufmerksamkeit gegenüber den kleinen Dingen, für die Details, an denen wir häufig gedankenlos vorbeischlendern, gibt dir neue Kraft und tiefere Erkenntnisse, wie ein kurzer Text von dir deutlich macht: „Mein Atelierumfeld hat sich fast unmerklich, sehr leise schleichend, verändert. Hin und wieder zirpend und unaufdringlich raschelnd. Lebensformen, die einen deutlich überschaubaren Lebenszyklus vollziehen, stehen in bizarrer Schönheit in vielen kleinen Terrarien neben meinen Staffeleien. Die meisten von ihnen leben kaum länger als ein Jahr. In dieser Spanne sind sie selbstzufrieden und erfüllen ihren genetischen Auftrag. Einige legen sich erst dann auf die Seite, wenn sie von genügend Nachkommen umwimmelt werden.

Unsere eigene Erwartung an eine Laufzeitverlängerung kommt mir im Vergleich selbstsüchtig vor.“ Dies lässt uns erkennen: Der Künstler sieht mehr, ermöglicht uns einen anderen Blick auf die Dinge und neue Einblicke. Diese wollen wir jetzt beim Rundgang durch die Ausstellung gewinnen, nicht ohne Jens Rusch für sein Schaffen anerkennend zu danken und ihm noch sehr viel „geschenkte Zeit“ zu wünschen.