Zu sehn, wie fest geschnürt sie sei

Aus Jens Rusch
(Weitergeleitet von Uwe Friedrichsen)
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Workshop zur Entstehung eines Symbolgemäldes.

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....zu sehn, wie fest geschnürt sie sei.

Diese Seite wird sich in den kommenden Wochen ständig verändern, denn sie zeigt den gesamten Entstehungsprozess eines großformatigen Symbolgemäldes mit dem erläuterungsbedürftigen Titel ".... zu sehn, wie fest geschnürt sie sei".

Die Idee zu diesem Gemälde entstand in einem freundschaftlichen Dialog zwischen dem Schauspieler Uwe Friedrichsen und Jens Rusch. Die Szenerie um die "Schüleranhörung" im linken Bildteil hatte Jens Rusch bereits füher in seinem Radierzyklus "Auf eigene Faust radiert" dargestellt. Sie zeigt den blutjungen Uwe Friedrichsen im Gespräch mit dem großartigen Gustav Gründgens, der des trocknen Tons nun satt mal wieder recht den Teufel spielen mußte. In dieser Szene war Uwe Friedrichsen noch keine zwanzig Jahre alt.

Die Idee, ein Leben in wenigen Metaphern zusammenzuführen, ist für Jens Rusch nicht neu. Wohl aber, diesen sogenannten "Timeshift" in einer einzigen in sich schlüssigen Bühnenszene zu komprimieren. Dabei kam es der Sache entscheidend entgegen, daß Uwe Friedrichsen auch den Mephistopheles bereits gespielt hatte. In einer anspruchsvollen plattdeutschen Inszenierung des Hamburg Ohnsorg-Theaters spielte er den Gegenpart, den damals Gründgens innehatte.

Ein drittes Mal taucht Friedrichsen im Hintergrund der Studierzimmerszene als "Homunculus" auf. Dazu wird später noch Ausführlicheres zu erzählen sein.

Dokumentierte Arbeitsabläufe zu einem Symbolgemälde zum Thema „Faust“.

Acryl und Öl auf grober Leinwand. Format 120 x 120 cm


1. Skizze

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Der Bildfindung gingen, wie es sich gehört, Gedanken, er-lesene Erkenntnisse und vertiefende Gespräche mit dem Dargestellten, dem Schauspieler Uwe Friedrichsen, voraus. Ausgangspunkt war die bereits als Radierung vorliegende „Schüleranhörung“ im linken Bildteil. Da Friedrichsen damals in dieser berühmten Szene von keinem Geringeren als Gustav Gründgens (der in der besagten Radierung auch als Mephistopheles erscheint) darüber belehrt wurde, dass der Geist der Medizin leicht zu fassen sei und ihm riet „...das Pülslein fest zu drücken, und fasset sie mit feurig schlauen Blicken wohl um die schlanke Hüfte frei, zu sehn, wie fest geschnürt sie sei..“, stellte sich die Frage, ob Gründgens auch in der Szenerie erscheinen solle.

Jens Rusch ist fasziniert von so genannten „Timeshifts“, das sind kleine gemalte Zeitaspekte, die er manchmal in Firmenportraits anwendet, wenn es darum geht. Familiengeschichte wie in einem Zeitraffer darzustellen. Als Uwe Friedrichsen ihm erzählte, dass er auch den Mephistopheles in einer Inszenierung des Hamburger Ohnsorg-Theaters dargestellt habe, stand für ihn die Grundszene fest. Eine ganz persönliche Zeitreise des Schauspielers sollte es nun werden. Den gerade einmal zwanzig Jahre alten Schüler mit dem nun 75 Jahre alten, gereiften und lebensweisen Friedrichsen auf einer Leinwand zu konfrontieren.

Rusch hatte bereits mit der Leinwandskizze begonnen, die er mit stark verdünnter, schwarzer Acrylfarbe und einem so genannten „Mantelpinsel“ direkt auf die Leinwand mehr zeichnete als malte, als Friedrichsen ihm und seiner Frau Karten für die Beckett-Inszenierung „Warten auf Godot“ im Ernst Deutsch-Theater zustellte. Im Bühnenlicht musste Rusch wie gebannt auf die großen Halsnarben des von Friedrichsen dargestellten Pozzo schauen, denn er selbst hat die gleichen Narben, die von einer Krebsoperation herrühren. „Das Bild dieser Halsnarben ließ mich nicht los, erinnerten mich an den „Homunculus“, diesen künstlichen, fast frankensteinschen Retortenmenschen im Studierzimmer, mit dem Goethe wesentliche moralische Teilaspekte der Genforschung vorwegnahm.“ Friedrichsen war entgegen aller Bedenken des Künstlers damit einverstanden, zusätzlich als Kopfretorte dargestellt zu werden. In die Leinwandskizze konnte das problemlos hinzugefügt werden. Jetzt brauchte nur noch die Alchimistenküche durch entsprechende Symbole wie dem Pentagramm, dem Sephirot-Weltenbaum und einer Tafel alchimistischer Zeichen als stimmungsgebendes Ambiente angedeutet werden und natürlich die Hautkorsage . Der Schüler würde sagen: „Das sieht schon besser aus! Man sieht doch wo und wie“, worauf Mephistopheles antwortet: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie“.


2. Acrylstrukturen im Hintergrund

Die Acrylskizze bietet lavierende Abstufungsmöglichkeiten. Der Mantelpinsel besteht aus zweierlei Feinhaaren, von denen die langen schlepperpinselartigen Mittelhaare von einem dicken Aquarellhaar-Depot stabilisierend umschlossen werden. Für Rusch einer der genialsten Pinselformen, die je erdacht wurden, denn sie ermöglicht langes, ununterbrochenes Malen ohne abzusetzen,. Füllt man das „Depot“ mit stark verdünnter, wässriger Farbe und die Mittelspitze mit hochkonzentriertem Ton, kann man durch leichtes Andrücken des Pinsels lavierende Aspekte erzielen, ohne den Malfluss zu unterbrechen. „Es ist fast so, als würde man ein Bild schreiben“. (Bild 1 )

Der Hintergrund soll ein indifferente Struktur erhalten, die an Faltenwurf oder Spinnengewebe erinnern soll. Auch hierfür verwendet Rusch schnell trocknende Acrylfarbe, die durch die später benutzten Harzöllasurfarben nicht angelöst werden kann. Transparente Haushaltsfolie verleiht zusätzliche Struktureffekte, ist gut kontrollierbar und lässt sich durch Fingerdruck beeinflussen. Die eigentlichen Hauptfiguren werden mit einem kleinen feuchten Schwamm freigehalten. Da die Leinwand in dieser Phase am feuchtesten ist, empfiehlt sich jetzt das Aufspannen auf den Keilrahmen. Wegen der hohen Spannkraft sollte dieser unbedingt ein Mittelkreuz erhalten. (Bild 2 )


3. Lasuren

Acryl-Untermalung

Für die Herstellung der Mitteltonmalerei, in die später gehöht und verschattet wird, verwendet Jens Rusch eigene Malmittel, die an mittelalterliche Harzöllasurmalerei erinnert. Eine Höhung mit Eitempera verwendet er jedoch nur noch gelegentlich, an die Stelle dieser Höhungsmethode ist ein raffinierter Zeitplan getreten. Unter „Balsam-Terpentinöl“ verstehen die Händler unterschiedliche Qualitätsstandards und man tut gut daran, sich Hersteller aus dem mediterranen Raum zu suchen. Dort entspricht rektifiziertes Terpentinöl am ehesten dem urprünglichen Naturprodukt aus Pinienharz und kommt unserem „doppelt rektifizierten“ am nahesten – ist nur sehr viel billiger. Wer es besonders gut machen möchte, fügt Mastix und Dammar hinzu, wer es etwas einfacher und schneller möchte, nimmt Leinöl oder Rapsöl hinzu, um die Trocknungsdauer zu verlängern. Das ist eine Frage der Empfindung und die genaue Zusammensetzung ist oft intuitiv – im Winter nimmt Rusch weniger Leinöl zum Balsam-Terpentinöl, im Sommer mehr. Prozentuale Angaben sind ihm ein Gräuel, wichtig ist in dieser Phase allein, dass die Proportionssicherheit durch die Skizze erhalten bleibt. Die Harzöllasur muss also gerade so transparent bleiben, dass diese Sicherheit gewährleistet bleibt. (Bild 3 )


4. Höhung

Diese lasierende Untermalung muss jetzt einige Stunden „anziehen“, das kennt jeder Maler. Abhängig von der Leinwand, der Saugfähigkeit der Grundierung und der jahreszeitbedingten Ateliertemperatur dauert dieses zwischen zwei und vier Stunden. Rusch legt diese Zeit gern in seine Siesta, ein Überbleibsel von 17 Jahren Arbeit im spanischen Altea. Dann kann mit helleren Farben in diese Untermalung hineingemalt und frisch und intuitiv „modelliert“ werden. Aufgesetzte Farben behalten weitgehend ihren Originalwert, aber durch schnelle, vermalende Pinselbewegungen lassen sich jetzt sanfte oder vehementere Übergänge nach Vermögen ermalen. Einen Tag später kann dann nur noch deckend weiter gemalt werden und die Palette tritt an die Stelle der Vorgänge, die sich jetzt noch auf der Leinwand intuitiv und emotionsgesteuert ergeben können. Je trockener die Farben werden, desto wichtiger wird die Leinwandstruktur, die man beim „Abziehen“ des Pinsels wie ein irreguläres Raster nutzen kann. Hierbei ist es hilfreich, langhaarigen Pinseln den Vorzug zu geben.( Bild 4 )


5. Detailierte Dunkelheit

Diese Art der Leinwandrasterung bleibt im Wesentlichen auch ein Generalaspekt, soweit es die abschließende Detailarbeit betrifft. Wer seinen Wehlte im Schrank hat, kennt die Regel „Fett auf Mager“, denn nun haben alle Mitteltöne längst ihren Platz gefunden und eine Vermalbarkeit in frische Farben ist für die abschließende Dunkelarbeit fast ausgeschlossen. Daher ist es wichtig, jetzt sehr auf die Konsistenz der Farbzusätze zu achten und ggf. auf Balsam-Terpentinöl ganz zu verzichten. Sollen Bildelemente jetzt noch durch Lasuren tonal zusammengezogen werden, sollten lediglich Leinöl oder andere Öle zum Einsatz kommen. Gut bewährt haben sich die ohnehin lasierenden Töne „Sfumato“ und „Stil de grain“ von Mussini, auch um zu leuchtende Farben in der Gesamttonkomposition nachträglich zu brechen. Da dieses aber zu völlig unterschiedlichen eingeschlagenen Partien und einem Wirrwar von Mattheiten und glänzenden Teilen führt, ist es ratsam, die Leinwand zwei bis drei Wochen ruhen zu lassen und dann mit einem Retuschierfirnis alle Partien zusammenzuführen.




Skizze und Untermalung


Mitteltonmalerei und Lasuren

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