Rusch an Bosch

Aus Jens Rusch
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Format 110cm x 180 cm. Arbeitszeit: dreieinhalb Monate. Preis: 18000.- €


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Lieber Hieronymus

Lieber Hieronymus,

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gestern habe ich wieder an Dich denken müssen, als ich eine dieser Star Wars-Kneipenszenen mit all seinen kosmischen Gästen ansah. Auch in "Valerian - die Stadt der tausend Planeten" laufen unzählige Wesen herum, die ihr Leben Dir und Deinen Zeitgenossen verdanken. Als Du diese Tür vor 500 Jahren öffnetes, hatte niemand außer Dir eine Vorstellung davon, was sich Dekaden nach meinem jetzigen Leben ereignen würde. Selbst unser gemeinsamer Freund in Figueras nicht. Wie konntest Du das nur erahnen? Dein akrobatischer Erzählstil quer über die Altarteile ist erstaunlich zeitgemäß. Ich schleppe tonnenweise Bücher über Deine angeblichen Inspirationen in einem schweren Tornister durch die Schützengräben meines Lebens. Fuchs hat versucht, Dir mit Drogen auf die Spur zu kommen und einen Weile war er Dir auch ziemlich heftig auf den Fersen. Leider hat er dann irgendwann Deine Spur verloren. Die Surrealisten verstiegen sich in die Deutung der Fantasie aus Drogenräuschen. Zwar gab es dazu Stechapfel, Fliegenpilz und Mutterkorn, aber ein angesehener Patrizier mit hochadeliger Klientel, Atelier am Marktplatz, reicher Ehefrau und Mitbruder einer religiösen Vereinigung kann nicht rückwirkend zum Hippie oder Anarchisten erklärt werden. So objektiv darf eine kunsthistorische Analyse dann bitte doch sein, auch wenn ich den Gedanken sympathisch finde.

Mein eigener kümmerlicher, aber ehrlicher Versuch, Deine Spur aufzunehmen, ist von Zitaten durchsetzt. Wie könnte das auch anders sein ? Du hast auch nach 500 Jahren Einfluss auf das surreale Denken und Empfinden jener, deren geistige Rezeptoren auf Dich ausgerichtet bleiben. Man muss dem aktuellen Kunstbetrieb nur geschickt ausweichen, dann übersteht man das weitgehend unverletzt. Selbst als ich Rabelais' Pantagruel las, hatte ich Deine Bilder vor meinen Augen. Mein Lehrer riet mir ständig, meine Gemälde nicht zu überladen - und ich war im Stillen überzeugt, dass er sich irrte. Du hattest es vorformuliert, ohne daß es je einen edukativen Status erreichte: das Chaos als parataktische Organisationsform. Du hast keine Lösungen angeboten, aber genügend Honigtöpfe für eigene Interpretationen aufgestellt, denn niemand verstand es besser, die Dummheit der Menschen und Bösartigkeit sämtlicher Kreaturen darzustellen. Die Religion hält den Menschen nicht von der Sünde ab, dieses sichtbare Credo macht Dich zum durchaus modernen Zweifler mit sarkastischem Humor, der die böse Seite selbst in Gottes Schöpfung erkannte. Eine ausgesprochen mutige Sichtweise zu Deiner Zeit. Eine fundierte Decodierung Deiner Alptraum-Bildinhalte würde heute ergeben, daß alle Menschen gleich verdorben sind und der Weltzustand katastrophal ist und auch bleiben wird.

Es dauerte noch einige Jahrhunderte, bis die Wissenschaft begann, Chimären zu erschaffen. Anthropomorphischer Gestaltungswille, der die Menschheit veranlasste, den Garten Eden gegen ein gentechnisches Labor zu tauschen, benötigt deutlich mehr Entwicklungszeit, als die darstellbarere Imaginationskraft eines Künstlers. Der "Moderne Prometheus" einer Mary Shelley kannte noch kein elektronisches Skalpell, aber die DNA-Experimente heutiger, vom wissenschaftlichen Schöpfungsdrang Beseelter, nahm sie bereits voraus. Eine nebulöse Vorstellung von späterer Reproduktionsmedizin, der Erschaffung von Klonen und Mischwesen, den hybriden Möglichkeiten der Stammzellbiologie hatte bereits drei Jahrhunderte zuvor eine ganze Schule holländischer Malvisionäre beflügelt, ohne dass sie hiervon konkrete Kenntnis haben konnten. Heute ist das Design künstlichen Lebens zu einer weltumspannenden Bewegung in den Biowissenschaften geworden.

Nun, da sich mein Schaffen dem Ende zuwendet, wird ersichtlich, wie sehr Du meine Lebensbilanz beeinflusst hast, wie reissfest Dein roter Faden sich behaupten konnte. Insofern wird dieses letzte große Gemälde (danach möchte ich mich ausschließlich den kleineren Formaten widmen) eher ein Dank, als eine Hommage.

Ein Dank an einen Bruder im Geiste.

Arbeitstitel "Rusch an Bosch"

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Thema:

Bosch hatte sich von einer auf Fantasie gegründeten Sehnsucht nach einem jenseitigen Paradies distanziert. Nichts-Tun, die naive Vermischung oder gar Gleichsetzung von menschlichen Körperteilen mit überdimensionalen Früchten, Akrobatik, soziales Schaulaufen und Langeweile wurden von Bosch ironisch ausgebreitet. Bosch zeigte also, wie leicht eine Sehnsucht vor allem eines werden kann: ein Spiegel der Kurzsichtigkeiten der Sehnsüchtigen. Und somit ist dieses Thema für mich zeitlos und zugleich hochaktuell.

"Es wäre unehrlich, nicht zuzugeben, dass uns Legionen bereits verstorbener Kollegen kritisch über die Schulter schauen, wenn wir an der Staffelei oder am Radiertisch sitzen." Horst Janssen.

Wer "open minded" (wie es Sebastian Rüger gern nennt) durch die Welt pilgert, wer die Brunnen am Wegesrand tief genug auslotet, erhält genügend Rüstzeug für ein ganz eigenes Paralleluniversum.

Darin gesellen sich Zitate zu ganz eigenen Schöpfungen. Wir sind ein Bewusstseins-Hybrid, ein Konglomerat aus Anleihen und Erfindungen.

Diese Bildelemente sind sehr bewusst eingeflochten in ein Gespinst eigener Empfindungen und Inspirationen vielfältigster Art. Es sind Mitbringsel meiner sublunaren Wanderungen, wie sie aber auch jede/r kennt, der oder die mit wachen Augen durch die Welt geht. Das, was im sich im Gedächtnis behauptet, ist es auch wert, transformiert zu werden. Wir sind die Summe unserer Beobachtungen und Empfindungen - nicht mehr und nicht weniger.

Das soll meine kleine Lebensbeichte ausdrücken.

Skizzen

Die vorbereitenden Skizzen nehmen fast genau so viel Zeit in Anspruch, wie die folgende Malarbeit. Bei der Komposition muss bereits eine Vorstellung des gesamten Aufbaus und vor Allem der hier noch gar nicht sichtbaren Farbtiefe entstehen. Das fertige Bild besteht bereits im Kopf des Künstlers, was nicht heißen soll, daß sich nicht noch Änderungen und Erweiterungen während des eigentlichen Malprozesses ergeben könnten.


Untermalung

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Detailarbeit

Radierungen

Bosch hat übrigens nie Radierungen gemacht. Da hielt ich es vor ca. 30 Jahren für an der Zeit.

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