Reden und Vorträge

Aus Jens Rusch
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Über die Kraft der Bilder

Foto: Dirk Jacobs. Gespräch mit einem Ausstellungsbesucher.

Jens Rusch am 25. August 2010 Laudatio für eine Praxisausstellung Sabine Studt / Neurologie und Psychiatrie / WKK Brunsbüttel

Die Tatsache, dass wir uns hier in einer terapheutischen Einrichtung befinden, Bilder um uns herum und Patienten unter uns – erklärt schon einmal wie von selbst die Zutaten meines kleinen Beitrages: Bilder bewirken etwas, beim Betrachter – Bilder bewirken etwas beim Prozess des Malens. Aber was genau ist das, was da passiert?

Es reizte Wissenschaftler schon immer, die Hintergründe und die Nutzbarkeit der erkannten Effekte für therapeutische Zwecke zu erforschen.

Am Bekanntesten sind vielleicht die Bilder von Psychiatrie-Patienten, die der Psychiater Hans Prinzhorn in den Jahren 1919 bis 1921 zu Analysezwecken , na sagen wir einmal „zusammengetragen“ hat. Ich muss in meiner Wortwahl etwas vorsichtig sein, denn diese Zusammenhänge haben mir bereits einmal Ärger eingebracht, weil ich im Zusammenhang mit einer Ausstellung in einer Kieler Klinik in meinem Artikel in der Zeitschrift „Der Eppendorfer“ den Ausdruck „Beutekunst“ verwendete.

Tatsächlich waren und sind die Besitzverhältnisse von Kunstwerken, die während einer Therapie entstehen, bis heute weitgehend ungeklärt. Auf einer Gegenveranstaltung zum Weltkongress der Psychiatrie 1999 erläuterte der Sprecher des Bundesverbandes der Psychiatrie - Erfahrenen (BPE), René Talbot, die Motive für Prinzhorns Sammeleifer: „Was ihn bekannt gemacht hat, ist die Plünderung der künstlerischen Werke in der Psychiatrie befindlicher Menschen für die Gründung eines psychopathologischen Museums.. Dabei nutze er die entrechtete Situation dieser Menschen schamlos aus – eingesperrt und entmündigt raubte er ihnen das letzte, was ihnen als Urhebern gehörte, ihre künstlerischen Werke.“

Die Sammlung, wie sie erst vor Kurzem vom Kulturamt der Stadt Heidelberg organisiert wurde, und die immer mal wieder in Kliniken zur Schau gestellt wird, beinhaltet auch Arbeiten von Künstlern, deren psychopathologischer Hintergrund ungeklärt ist. In der Entstehungsgeschichte der Sammlung werden die Werke nicht identifizierter Künstler mit Wörtern wie „Schizophrenie“, „Paranoia“ und „degenerativer Schwachsinn“ diffamiert.“

Der Grund liegt einfach darin, dass die Grenzbereiche selbst für Fachleute verschwimmen und keineswegs immer eindeutig zu verifizieren sind. Es ist erwiesen, dass die Bilder psychisch Kranker aus der Prinzhorn-Sammlung so großartigen Künstlern wie Paul Klee und Pablo Picasso als hochgeschätzte Vorlagen und Inspiration dienten.

Andererseits stellten die Nazis die gleichen Bilder in der Ausstellung „Entartete Kunst“ den Bildern arrivierter Künstler gegenüber, um diese mit höhnischen Kommentaren zu diffamieren.

Als mich der damalige Leiter der sozialpsychiatrischen Einrichtung „Kooghaus“ in Brunsbüttel, mein Freund Uwe Böttjer einmal aufforderte, über eine „Maltherapie“ nachzudenken, lehnte ich dieses ab. Der Grund war in den Erfahrungen zu sehen, die ich im Kinderheim Waldhaus und in jungen Jahren als Leiter verschiedener VHS-Kurse gemacht hatte. Damals sah ich in diesen Therapien nicht viel mehr als schlecht bezahlte Beschäftigungstherapien und die gelegentliche Aufwertung von Unvermögen, vielleicht auch Rechtfertigungs-Mechanismen.

Das sehe ich heute weitaus differenzierter.

Während der Krebsinformationstage im Westküstenklinikum Heide stellte ich in Anwesenheit von Dagmar Berghoff unseren Landrat Dr. Jörn Klimant und eine große Anzahl von anwesenden Patienten an die aufgestellten Staffeleien, um mit prominenter Rückendeckung dem Klinikpersonal und dem überwiegend Krebsbetroffenen Publikum eine einfache, selbst entwickelte Therapie vorzustellen.

Das simple Schema ermöglicht es, primär Menschen ohne jegliches Selbstvertrauen, in wenigen Schritten zu vorzeigbaren Ergebnissen zu führen.

Der therapeutische Effekt eines vorzeigbaren Ergebnisses ist, wie wir hier an den Wänden sehen, ein überaus wichtiges Primär-Resultat. Das ist zunächst völlig unabhängig vom tatsächlichen Ergebnis auf völlig oder Leinwand.

Weche andere Leistung eines geschwächten Menschen kann man in die Hand nehmen, hochhalten oder die Wand nageln? Mit Musik könnte man eine vergleichbare Aufmerksamkeit fixieren, aber hier sind die Ansprüche anders. Ein experimenteller Charakter würde weniger toleriert werden – Bilder sind einfach leiser.

Und darüber hinaus? Nichts! Es gibt keine Alternativen.

Für den Schaffenden ist das zunächst noch unerheblich, Die Sekundäreffekte des konzentrierten Prozesses oder auch seines völlig gegenteiligen, eruptiven Befreiungsschlages sind es, die dem Patienten weitaus wichtiger sind. Das Wichtigste, weil Ergebnisbestimmende eines künstlerischen Prozesses teilt sich nicht im Kognitiven mit, der Kopf wird phasenweise sogar völlig beiseite genommen, selbst beim völlig gesunden Künstler. Wirklich gute Ergebnisse teilen sich ihm auf anderen Empfindungswegen mit.

Und hier entwickelt sich dann auch die Schnittmenge zwischen Künstler und Betrachter – im Solar Plexus nämlich. Mein Freund Uwe Friedrichsen, ein versierter Kunstsammler, was kaum jemand weiß, brachte dieses einmal bei einem Spontanbesuch meiner Druckwerkstatt im Künstlerhaus Spiekeroog zum Ausdruck: „Wenn ich mich für ein Bild begeistern soll, müssen drei Generalansprüche zwingend erfüllt werden:

  • 1.Ich muss spontan und heftig eine Empfindung im Solargeflecht verspüren, dabei ist es völlig gleichgültig, ob diese positiver oder negativer Art ist.
  • 2.Ich muß verspüren, dass der Künstler oder die Künstlerin das Werk ehrlich und mit Hingabe geschaffen hat.
  • 3.Erst danach will ich wissen, ob wirklich handwerkliches Können dahintersteckt.
Foto: Dirk Jacobs. Die wirklich wichtigen Dinge geschehen ganz unbemerkt am Rande. Die Plastik, mit der sich Jens Rusch lange unterhielt, stammt von Karin Lindau.

Das Bauchgefühl ist also weit mehr, als nur eine unkundige Umschreibung für mangelndes Kunstverständnis – es ist der Übermittlungsweg nicht eindeutig verifizierbarer Botschaften. So anfechtbar meine Behauptung erscheinen mag, so gegenwärtiger ist sie unter Galeriebesuchern .

Meine im WKK Heide vorgestellte Maltherapie richtete sich primär an Schmerzpatienten, war aber aufgrund der Patientenfixierung auch für andere Therapiebereiche vorgesehen.

Dieser Vorstellung war ein Schlüsselerlebnis vorangegangen. Meine Ressentiments gegenüber jeglicher Form von Maltherapie erwähnte ich ja bereits. Diese Vorbehalte bauten sich durch ein sehr einschneidendes Erlebnis völlig ab, das ich leider etwas ausführlicher schildern muss, weil es sonst nicht plausibel erscheinen könnte:

Während meiner Krebstherapie erhielt ich eine Chemo und deftigste Bestrahlungen im Mundbereich, denn dort, im Zungengrund hatte sich der daumengroße Tumor befunden. Im Laufe der Bestrahlungen entwickelten sich immer größer werdende Brandblasen um die Zunge herum, die mit allergrößten Schmerzen verbunden waren. Die Formen der Brandblasen ähnelten den Metallteilen, die sich in meinen Zahnbrücken befanden – und so kam man darauf, dass diese Metallteile offensichtlich die tausendfachen Röntgenstrahlen reflektierten und somit die Zunge an dieser Stelle doppelt bestrahlten. Dumm gelaufen, aber die Bestrahlung konnte nicht unterbrochen werden und so suchten wir nach Wegen zur größtmöchlichen Schmerzlinderung.

Morphium in zuletzt höchstmöglicher Dosis stellte dann die Ultima Ratio dar, mit Begleiterscheinungen, die sich mit voller Bravour erst im zu plötzlichen Entzug mitteilen sollten.

Nahrungsaufnahme war fast unmöglich geworden, sie erfolgte über Nasen- und Bauchkanülen. Sprechen war auch fast unmöglich – eine Erholungspause, über die nicht alle in meinem Freundeskreis unglücklich gewesen sein mögen.

Das Weinen oder Schreien unterließ ich auch bald, denn auch das verursachte Schmerzen an den Zungenblasen. Mir blieb nur noch ein Wimmern mit Fingern, die sich körpersprachlich wie Signale in den Teppich krallten. Dabei verlor ich an Kraft und dramatisch an Körpergewicht.

Zu allem Übel kam hinzu, dass wir keinerlei Verdienstausfall-Versicherung besaßen und sich das Leiden über viele Monate hinwegzog. Wer denkt denn auch an so etwas?

Aber oben im Atelier befand sich auf der Staffelei ein großes, halbfertiges Auftragsgemälde für die Rotterdamer Reederei Kotug. Die Reederei hatte großes Verständnis bewiesen, dass ich diese Arbeit wegen der Krebstherapie unterbrechen musste. Aber es stand ein wichtiger Übergabetermin im Raum, denn das Bild sollte eigentlich ursprünglich in Hilversum bei der Firmenübergabe vom Sohn des Firmengründers an seinen Vater überreicht werden.


Zum wirtschaftlichen Druck, unter dem wir uns befanden, gesellte sich also auch eine moralische Verpflichtung. Diese Teilkomponenten führten wohl dazu, dass ich mich unter Aufbietung aller Restkräfte am Treppengeländer empor hangelte und mich an die Staffelei schleppte.

Die Größte Angst war nun zunächst, dass man dem irgendwann möglicherweise doch noch fertig gestellten Bild meine Schwäche ansehen könnte – immerhin stand ich bis zum Scheitel unter Morphium.

Die ohnehin notwendige Konzentration wurde nun- ohne dass ich es ahnte, zum Teil meiner eigenen Therapie.

Denn das, was nun folgte, verbuche ich für mich selbst, ohne jeglichen Anspruch auf Gemeingültigkeit als kleines Wunder:

Als nach etwa zwei Stunden meine Frau ins Atelier kam und mich erstaunt an der Staffelei arbeiten sah – und mich fragte: „Du hast überhaupt noch nichts zu Dir genommen, hast Du denn keinen Hunger?“ waren schlagartig die Schmerzen wieder da. Zuvor waren sie absolut und völlig weh gewesen!

Einen weiteren Beweis für die unglaubliche Wirksamkeit einer Maltherapie muss man mir persönlich nicht mehr erbringen.

Als man mir dann später, bei der nachfolgenden Brachy - Therapie in der Uni-Klinik in Kiel allen Ernstes neben Tai-Chi und Makramé auch noch eine „Maltherapie“ vorschlug, konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Ein etwas gewissenhafterer Blick in meine Krankenakte hätte Klarheit darüber ergeben, dass ich genau das bereits seit geraumer Zeit praktizierte.

Allerdings ohne zu Wissen, dass man meinen Beruf im pathologischen Sinne durchaus auch als Therapie bezeichnen könnte.

Vielleicht ist das ja so etwas wie ein kleine Botschaft an die hier ausstellenden Patienten.

Ich wünsche der Ausstellung die Aufmerksamkeit, die ihr gebührt!


Nachsatz: Die geschilderte Maltherapie habe ich den WKKs als kostenlose Hilfe angeboten. Das Angebot wurde abgelehnt mit der Begründung, ich würde nicht über die geforderte Fachausbildung verfügen.

___________________________________________________________ Jens Rusch am 25. August 2010 Laudatio für eine Praxisausstellung Sabine Studt / Neurologie und Psychiatrie / WKK Brunsbüttel