Placebo

Aus Jens Rusch
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In unserer Gesellschaft heisst "Voodoo" einfach nur "Placebo"

In einer einfachen, malerischen Sprache eines gebildeten Stammesfürsten der sogenannten Dritten Welt schilderte der Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea zu Beginn des 20. Jahrhunderts unsere sogenannte "Zivilisation".

Jens Rusch las das Buch von Erich Scheurmann mitte der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Geschrieben hatte Scheurmann es bereits 1920. Er hatte für ein Jahr im Dorf Tiavea auf der kleinen Insel Upolu gelebt, die zur Samoagruppe gehört; dort war er befreundet mit dem obersten Häuptling Tuiavii. Dieser war in einer Missionsschule erzogen worden und reiste als erwachsener Mann mit einer Völkerschaugruppe durch alle Staaten Europas, um die Zivilisation und Kultur Europas kennenzulernen. Seine Eindrücke legte er in Reden an sein Volk schriftlich nieder. Als er glaubte, daß ihn sein Gast verstehen werde, gab er ihm seine Aufzeichnungen, damit er sie ins Deutsche übersetze.

Aus der Sicht eines in seiner Kultur gebildeten Eingeborenen schildert er seinem Volk die Denkweise und Lebenseinstellungen der Europäer, die angetreten waren, den "unterentwickelten" Eingeborenen die Segnungen der europäischen Kultur - mehr oder wenig eindringlich - zu überbringen, sie zu missionieren. Als Außenstehendem ist ihm die große Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Denken und Leben der Europäer natürlich aufgefallen. Verhaltensweisen und Denkprozesse, die - obwohl widersprüchlich - aufgrund einer überheblichen Gewohnheit einem Europäer gar nicht mehr auffallen, oder vielleicht höchstens noch mit einem inneren Unwohlsein einfach akzeptiert werden, werden aus seiner Sicht plötzlich klar zu dem, was sie sind, nämlich zu Fehlverhalten. Diesen Blickwinkel versucht auch Jens Rusch in seinen Bildern einzunehmen, wenn er seine eigene Gesellschaft reflektiert.

Die Europäer glauben den Eingeborenen, das Licht zu bringen, ziehen sie jedoch nur in die eigene Dunkelheit hinein, so sagt Häuptling Tuiavii.

In seinen Reden spricht er über so alltäglichen Dinge wie die Kleidung der Europäer und den Umgang mit ihrer Körperlichkeit und Sexualität bis hin zu ihrer Kopflastigkeit, der Überbetonung der Ratio, der Vernunft, und der Abhängigkeit vom sich zum Selbstzweck verselbstständlichten Gewinnstreben. Der Papalagi, so heißt der weiße Mann in seiner Sprache, liebt das "runde Metall" und das "schwere Papier", wie er Geldscheine nennt, und ganz besonders die Zeit, die er misst, in kleine Stücke schneidet und dann doch nichts Sinnvolles mit ihr anzufangen weiß. Und er denkt bei allem, was er macht, immer nur an sich selbst.

Wenn wir uns bewusst machen, daß ein wichtiger Teil unserer medizinischen Errungenschaften, zumal im pharmazeutischen Bereich erst in sogenannten "Blindversuchen" oder "Doppelblindversuchen" analysierbar gemacht wird, d.h. wenn durch eine List im Feldverversuch künstlich eine innere Distanz erzeugt wird, dann nehmen Wissenschaftler genau den Standpunkt des Häuptlings Tuiavii, um unsere eigenen hochwissenschaftlichen Errungenschaften zu verifizieren. Die Sehnsucht des Menschen nach einem sinnvollen Leben einfach als Romantizismus à la Rousseau abzutun, ist sicher wesentlich primitiver als die Reden des Häuptlings Tuiavii aus Tiavea. Die Akzeptanz einer kritischen Hinterfragung unserer eigenen Selbstherrlichkeit bedarf allerdings sprachschöpferischer Sanktionierung.

Daß die Überzeugung von der Wirksamkeit eines Medikamentes, ergo der Glaube an diesen Effekt ebendiesen zeitigt, ist in der Medizin einer der großen unerklärlichen Standards - und zeigt gleichzeitig unsere mystische Verstrickung in Voodoo und Scharlatanerie. Pharmazie und Alchimie sind allgegenwärtige Geschwister und ein wesentlicher Bestandteil moderner Medizin.

Genau dieses soll mit diesem Bild ausgedrückt werden.


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Dank an Fabian und Christoph für die schönen Puppen der "Wohnraumhelden"