Neue Arbeiten

Aus Jens Rusch
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Neue Arbeiten

Foto: Hartmut Tamcke
Foto: Hartmut Tamcke


Wir alle haben Weggefährten und Begleiter, die sich an unserer Seite oder hinter unserem Rücken durch unser Leben bewegen. Die düsteren, die misanthropischen und moribunden, denen haben wir heute keinen Einlass gewährt. Und sollte Ihr solche bemerken, dann setzt sie bitte in meinem Namen vor die Tür. Die Lichtgestalten, die Wahlverwandten, die kreativen Anarchisten , die lasst herein, die nehmt heute an die Hand, denn nur solche haben Suse und ich eingeladen.

Ein solcher, ein Wahlverwandter seit vielen, vielen Jahren steht mir hier zur Seite: Olaf Plotz , der eigentlich das Gleiche macht, wie ich. Nur benutzt er anstelle von kuriosen Pinseln kuriose Instrumente und anstelle von Ölfarben verwendet er Klangfarben. Er ist ein Klangmaler - und ich habe mich sehr gefreut, als er die Einladung annahm, diese kleine Einführung mit mir gemeinsam zu bestreiten

Nun werdet Ihr Euch möglicherweise wundern, dass hier heute kein prominenter Freund eine sogenannte "Laudatio" auf mich und meine Arbeit hält.

Es ist beileibe nicht so, dass mir kompetente und wortgewandte Freunde den Rücken gekehrt hätten - ich möchte diese lediglich nicht überstrapazieren - und daher stehe ich heute hier selbst, um Euch herzlich zu begrüssen.

Das Wort "Laudatio" leitet sich bekanntlich von der lateinischen Bezeichnung "Laurel" für die Loorbeer-Pflanze ab. Mit einem Kranz aus Loorbeer-Blättern krönte man die Häupter der Menschen, die man ehren wollte. Da ich aber nicht vorhabe, mich selbst zu beweihräuchern, lenke ich Eure Aufmerksamkeit stattdessen lieber auf die Bilder an diesen Wänden.

Vom Grundsatz her erklären sich realistische Bilder eigentlich selbst, das ist vermutlich ihr entscheidender Vorteil gegenüber der abstrakten - oder auf andere Weise gegenstandslosen Malerei.

Das letzte Wort hat ohnehin immer das Bild. Das hat Horst Janssen einmal etwas provokativ auf den Punkt gebracht : "Ich lehne ein Bild ab, das erst durch eine Interpretation zur Kunst wird ...."

Darüber kann man sich natürlich hinwegsetzen, die Kunst ist offen und frei. Und so mag es der eine oder andere Kollege auch freimütig damit halten, dass

nicht das Erreichte zählt, sondern das Erzählte reicht.

Aber geben wir den Bildern dieser Ausstellung das Wort.

Sie werden Ihnen erzählen, dass sie Schwankungen verkörpern, Pendelschläge zwischen übertriebener Selbstsicherheit und Schwächen.

Sie sind seismographische Abbilder von schrankenfreiem Lustwandeln, von "sublunaren Wanderungen", - aber auch von therapeutischen Versuchen, eine mentale Selbstheilung zumindest zu wagen. Ein "Wundenlecken" mit Aquarellpinseln bisweilen.

Sie finden Zitate in den Bildern, einige greifen auf das eigene Schaffen zurück und andere stoßen in ein völlig unerprobtes Universum vor.

Experimente sind in meinem Alter ein Wagnis - man erwartet Zuverlässigkeit. Aber die Aufgabe eines Künstlers ist es nicht, Erwartungen zu erfüllen - nicht einmal seine eigenen.

Wer nicht bereit ist, sich selbst zu irritieren, herauszufordern, ja, sich auch selbst zu provozieren, dem erschließt sich möglicherweise auch das eigene Potential nur zu einem geringen Teil.

Den größten Teil meines Lebens habe ich im Banne der Erkenntnis verbracht, die Natur sei unsere unumstößlichste Instanz - ganz einfach, weil sie offensichtlich keine Fehler macht.

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Sie wissen vielleicht, dass ich das Universum der Insekten liebe und verehre. Hier finde ich bizarre Inspiration, weil selbst in den phantasievollsten Schöpfungen und in den waghalsigsten Farbkombinationen keine wirklichen Fehler zu entdecken sind.

Ich habe Anleihen gemacht und auch versucht, die bizarren Schöpfungen für meinen eigenen Gestaltungsprozess zu adaptieren. Nicht, um sie weiter zu entwickeln, so vermessen bin ich nicht, sondern um sie in einem ganz eigenen Kanon zu verwerten.

Weshalb nicht schillernde Flügeldecken, mit menschlichen Vorstellungen von Dekoration und Schönheit erweitern? Ich könnte mir beispielsweise die Muster Delfter Kacheln oder Jugendstil-Ornamente auf Schmetterlingsflügeln sehr gut vorstellen -

Und was vorstellbar ist, ist auch malbar.

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Ich sagte eben: Den größten Teil meines Lebens habe ich in der Erkenntnis verbracht, die Natur sei unsere unumstößlichste Instanz - ganz einfach, weil sie offensichtlich keine Fehler macht.

Das sehe ich heute etwas differenzierter. Die Natur ist eine großartige Lehrerin - aber leider tötet sie alle ihre Schüler.

Und der schlechteste aller ihrer Schüler, der ewige Sitzenbleiber, der unaufmerksame Ignorant, der Abschreiber und Schummler unserer eigenen Schöpfungsgeschichte, das ist leider der Mensch.

Mein Gemälde zur Pisa-Studie habe ich diesem Umstand gewidmet. Aber das liegt bereits einige Jahre zurück und hängt in einem Nebenraum.

In diesem Raum hier findet Ihr Reminiszenzen, ja Huldigungen an ein Schöpfungskonzept, das uns vielmehr zu demütiger Bescheidenheit, zu buddhistischem Gleichmut bewegen könnte. Das Gemälde zur Fibonacci-Formel zum Beispiel, zum mathematischen Konzept der bekannten Spirale, aus dem der goldene Schnitt resultiert und somit der allergrößte Teil aller natürlichen Gestaltungsprinzipen. Diese Schöpfungsspirale, bei der das Format jedes folgenden Elementes aus der Summe der beiden vorhergegangenen Elemente resultiert, finden wir überall um uns herum. In Blattanordnungen an jeder Pflanze, in jeder Blüte und am allerbesten verdeutlicht in den Luftkammern des hier dargestellten Nautilus-Motives.

Diese Gesetzmäßigkeiten umgeben uns allüberall, wir sehen sie, aber wir sehen auch darüber hinweg.

Buddhistischer Gleichmut ist ohnehin kein gutes Atelierkonzept, wenn es um eine künstlerische Produktion geht. jedenfalls nicht in unserer Gesellschaft. Den Bäcker und den Schlachter an der Ecke interessiert es wenig, wie ausgeglichen oder naturverbunden Du Dich fühlst. Er will Geld für seine Brötchen oder seine Wurst - und genau hier ist die Schnittmenge des Künstlers mit jedem anderen Menschen in diesem Raum: Er muss seine Rechnungen genau so bezahlen, wie jeder andere Mensch auch.

Foto: Karen Plotz


Mein neunmonatiger Ausflug in den Bilderkosmos Wacken-Open Air hatte mich an die Grenzen meines künstlerischen Freiraumes geführt - und obwohl mich das Thema nach wie vor reizt, schrien meine Staffeleien immer unüberhörbarer nach der Bewältigung inzwischen deutlich vernachlässigter Aufgaben.

Ein großer Teil der Bilder, die Sie jetzt an diesen Wänden sehen, stand während dieser Zeit mit dem Gesicht zur Wand.

Halbbemalte Leinwände haben etwas Vorwurfsvolles. Sie schreien geradezu nach Vollendung. Bei jeder Arbeit gibt es zudem ein Phase der Verunsicherung - ungefähr auf halber Strecke.

Dann sagt das Bild: "Du, das wird nichts. Fang lieber etwas Neues an, mit mir vergeudest Du nur Deine Zeit."

Weil das aber fast jedes Bild von sich behauptet, ist es nicht allzu schwierig, die Ärmel des Malerkittels aufzukrempeln und die Leinwand stumm und störrisch anzuschreien : " Jetzt erst recht! Dir werde ich es zeigen!" Wie in einer spanischen Corrida, dieses Bild habe ich immer wieder vor Augen - irgendwann werde ich es malen.

Die Pinsel werden dann zu Banderillas und der Künstler wird zum Torero, die Leinwand zum Stier. Die Farbe rinnt wie Blut von den Schultern der verletzten Leinwand, die bezwungen werden will.

Die Signatur unter dem fertigen Gemälde ist in diesem Kampf also gewissermaßen so etwas wie ein Todesstoß in einer spanischen Corrida.

So, oder zumindest ganz ähnlich entwickeln sich Bildvorstellungen. Zumeist während tage- , ja wochenlanger Malprozesse. Bisweilen jedoch auch beim Zähneputzen, aber das kommt weit seltener vor. Längere Gedankengänge und die Unfähigkeit einen Zusammenhang anders, als im Bild auszudrücken, führt zu gemalten Fragestellungen für den Betrachter. Nicht selten führt das auch zu gänzlich unterschiedlichen Interpretationen. Das war lange ein Lieblingsgespräch zwischen mir Uwe Friedrichsen, einem brillanten Bilddeuter, den viele lediglich als Schauspieler oder Synchronsprecher wahrnehmen.

Nehmt beispielsweise diesen gemalten Kasten mit den phrenologischen Köpfchen. Diese daumengroßen Ton-Studien aus dem britischen Nationalmuseum erscheinen Ihnen sicher auf den ersten Blick sehr ähnlich, mit wenigen erkennbaren Unterschieden. Die Zylinder darunter sind ein wichtiges Symbol aus der Freimaurerei - dort dient diese "Dienstkleidung" einer sehr bewussten Gleichmacherei. Der Opernsänger ist soviel wert, wie der Hafenarbeiter, der Busfahrer wie der Bankdirektor. Anders kann gelebte Brüderlichkeit nicht funktionieren. Unterschiede bemerkt man erst bei ganz genauer Betrachtung.


Wenn ich mir an meiner Staffelei meine gedankliche Einsamkeit möbliere, schleichen sich solche Dinge auf die Leinwand.

Es gibt Phasen, da widerstreben die Materialien dieser Umsetzung. Das habe ich versucht, in den Dornenpinseln zum Ausdruck zu bringen, die Ihr in diesem kleinen Kabinett in der Mitte der Galerie auf der Fensterbank findet.


Dort seht Ihr auch andere, teils halbfertige Skizzen und Bilder, die in ihrer Zielsetzung vielleicht schon das fertige Bild erahnen lassen. Viele Künstler machten ihre Ateliers , ganz ähnlich wie ihre Sammler, zu sogenannten "Wunderkammern" oder "Wunderkabinetten", in denen sie Dinge zusammentrugen, die sie zu Bildfindungen inspirierten.

Dort steht auch meine bislang vergebliche Suche nach einer schlüssigen Metapher für Krebs auf der Fensterbank. Es ist prosaisch und schmählich, aber viel mehr als der gleichnamige Vertreter aus unserem Watt ist mir bisher noch nicht dazu eingefallen.

Die einzige, fast triumphale Erweiterung des Gedankens, liegt vielleicht in den dargestellten Handschellen. Das fiel mir ein, als ich einmal in einem Aufsatz zu unseren Krebs-Informationstagen schrieb "Der Krebs ist ein Kriegsherr, der seine Gefangenen grausam zu Tode foltert".

Die halbfertige Leinwand steht schon viele Monate in einer Ecke meines Ateliers. Zufrieden bin ich damit noch nicht - aber ich wollte Euch gern in dieser Ausstellung ein wenig an diesen Bildfindungsprozessen teilhaben lassen.


Auch andere Symbole meiner kleinen privaten Ikonographie haben ihren Ursprung in der Auseinandersetzung mit den Eigentümlichkeiten unseres amphibischen Lebensraumes hinter den Deichen.

Als Wattpsychologe und Mitglied des "Wattikans" habe ich es ja ständig vor Augen, das Watt, dieses schmutzige Areal, das sich alle sechs Stunden unseren Augen entzieht und unserer Phantasie anheim stellt. Dabei soll doch auf genau diesem Wege vor Millionen Jahren tatsächlich das Leben vom Wasser ans Land gekommen sein.

Wie diese Zwischenformen eines nassen und matschigen Emigrationsprozesses ausgesehen haben könnten, könne wir nur vermuten.

Das Watt bringt keine Versteinerungen hervor. Wie denn auch? Alles zu matschig hier. Ein wunderbarer Interpretationsfreiraum also für einen Künstler, der es sich zur Aufgabe machen möchte, wissenschaftlich zumindest halbfundiert ein wenig Licht in diesen Teil der Schöpfungsgeschichte zu bringen.

Die Knochen, die sich mit Gräten vereinen, sind also mein Versuch, die Übergänge der Schöpfungsgeschichte an dieser Küste ein wenig zu erleuchten.

Die Vorstellung, dass zweitausend Jahre nasse Füße auch besonders hochbeinige Feuchtwiesenkühe hervorgebracht haben könnten, erscheinen einem malenden Wattpsychologen völlig plausibel.

Aber damit nicht genug. Auch eine durchaus sinnträchtige gesellschaftspolitische Parallele schlich sich in dieses Bild. Bereits zuvor hatte ich die Windmühlen als Ergebnisse eines Gestaltungswettbewerbes ausgelegt, den ein Kind gewonnen hätte. "Windenergie ja, aber schöner" lautete damals der Arbeitstitel.


Auf der Suche nach einer passenden Feuchtwiesen-Kuh stieß ich dann in meiner Plattensammlung auf das Cover des Konzeptalbums "Atom Heart Mother" von Pink Floyd aus den frühen achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, das nichts als eine einzige Kuh zeigte. Die perfekte Kuh also zum ungeheuer aktuellen Thema "Energiewende".

Soll mal einer sagen, Künstler würden aktuelle Strömungen nicht in ihren Bildern verarbeiten.

Vielleicht ist es mir ja gelungen, Euch mit diesen Worten ein wenig zu sensibilisieren für eigene Spaziergänge in meinen Bildern .

Vielleicht gelingt es Euch ja sogar, beim Anblick der Zeichnung mit den Zeitungsjungen und der klammheimlichen Häme über eine viel zu spät zugestellte Zeitung ein wenig davon zu erahnen, was noch an Bildern folgen könnte. Die singenden Kinder unter der zum Heissluftballon mutierten Hortensie öffnen eine kleine Tür in Kindheitserinnerungen, die noch auf eine Aufarbeitung warten.
Die Leckereien auf diesem Tisch haben die Vernissage-Gäste selbst gemacht und mitgebracht. Foto: Michael Lalk


Wie gesagt, ich habe mir meine kleine mentale Einsamkeit möbliert und Euch zu einer "Stippvisite" eingeladen. Auch so ein schönes norddeutsches Wortspiel: "Stippvisite" , das sich aus "Stippen", also "Probieren" und "Visite", also "Besuchen" zusammensetzt.

Sprache ist verräterisch, oft tiefgründiger, als wir beim Reden bemerken. Musik kann das auch. Musik kann mit Klängen malen.


Und deshalb bitte ich Olaf, einen musikalischen Schlußstrich unter meine Betrachtungen zu setzen.

Presse

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Die Vernissage

Vernissage in der Galerie Rusch, Brunsbüttel Susanne und Jens Rusch luden zur Vernissage ein. »Neue Arbeiten« nennt Jens das, was in der nächsten Zeit gezeigt wird. Neu sind in der Tat die Themen, wenn man wie ich die Monate der Wacken-Bilder von der Ausstellung im Landeshaus 2011 bis zu Wacken Open Art aus nächster Nähe miterleben durfte.

Alt vertraut ist aber Jens’ schier unerschöpfliche Imagination, die Hand in Hand mit seinem künstlerischen Können neue Bilderwelten hervorgebracht hat. Schluß mit meinen Anmerkungen, seht euch die Bilder in der Galerie an.

Ihr werdet dann allerdings nicht in den Genuß von Olaf Plotz’ Klangbildern kommen, der mit seiner Percussion Performance die Vernissage um eine weitere künstlerische Dimension bereicherte.


Und wenn ich dann noch die Bewirtung erwähnen würde, ermöglicht durch köstliche Mitbringsel der Freunde, könnte man mir seelische Grausamkeit vorwerfen.

George H. Peters