Liebeskonzil

Aus Jens Rusch
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".... ein Stückchen Wollust muss man ihnen schon gönnen - sonst hängen sie sich am nächsten Baum auf....." 2 Tafeln 50 x 40 cm. Aquarell und Zeichnung auf Karton. Preis: Je 980.- Euro

Dr. Richard Hiepe: "Oskar Panizza ? Eine weitere Leiche im Schrank der deutschen Kultur !" und:" Panizza hätte wohl genickt zu den Radierungen von Jens Rusch......"

Tagebuchnotiz: Als ich eine Ausstellung im Deutschen Freimaurer-Museum in Bayreuth hatte, traf ich auch auf den Bürgermeister der Stadt und fragte , weshalb Bayreuth kein Panizza-Museum habe. Er schlug bildhaft die Hände über dem Kopf zusammen und raufte sich doch tatsächlich nervös die Haare. Das Bild werde ich nicht vergessen. Dann erzählte er mir, wie sehr das Thema die Stadt polarisiere. Für mich wäre das ja erst recht der Grund gewesen, mich vehement für ein solches Museum einzusetzen, aber die Menschen sind halt nicht alle gleich. Wem es an Charakter und Klugheit mangelt, der reagiert dann halt wie dieser Mann. Womöglich ist das sogar eine Voraussetzung für seinen Beruf. Lassen wir das also lieber offen.

Ich hätte auch gern noch mehr zum Liebeskonzil gemacht, aber irgendwann waren unsere Rücklagen aufgebraucht und ich musste wieder etwas Kommerzielles machen. Mein Beruf ist debil aufgestellt und voller Kompromisse. Jens Rusch

Kein anderer Autor des wilhelminischen Deutschland – vielleicht Frank Wedekind ausgenommen – war so sehr von der Zensur betroffen, keiner wurde für seine literarischen Werke ähnlich hart durch die Justiz bestraft. Fast alle seine Bücher wurden schon kurz nach ihrer Veröffentlichung verboten und konfisziert, an eine Aufführung seiner Theaterstücke war jahrzehntelang nicht zu denken und seine Familie weigerte sich nach seinem Tod, die Urheberrechte freizugeben. So konnte eine Rezeption seiner Werke erst in den späten 1960er Jahren einsetzen, in größerem Umfang geschah dies erst in den 1980er Jahren.


Panizza

Panizzas Hauptwerk ist das 1894 erschienene satirische Drama Das Liebeskonzil – eine in der Literaturgeschichte beispiellose antikatholische Groteske. Bedeutend sind daneben Panizzas bizarre Erzählungen, in denen er Realistik und Phantastik verband. Wikipedia

Aktuell

Als Oskar Panizza 1895 sein Liebeskonzil auf die Bühne brachte, konnte er nicht ahnen, daß sein Thema 100 Jahre später nichts an Aktualität eingebüßt hatte. Durch die Pandemie AIDS und die Reaktionen selbsternannter Bedenkenträger wurde der drohende Zeigefinger wieder gegen liberale Sexualgewohnheiten erhoben, ganz wie zu Panizzas Zeiten. Mutige Regisseure wie Werner Schroeter und Barbara Neureiter brachten jetzt das Stück wieder auf die Bühnenbretter, für das Oskar Panizza mit Festungshaft bestraft wurde, und im Irrenhaus endete. Und wieder wurde reagiert wie zu Panizzas Zeiten.

Zeichnungen

Panizzas Hauptwerk ist die satirische „Himmelstragödie“ Das Liebeskonzil – eine in der Literaturgeschichte beispiellose antikatholische Groteske. Das Drama erklärt das plötzliche Auftreten der Syphilis Ende des 15. Jahrhunderts als göttliches Auftragswerk des Teufels, um eine verkommene Menschheit zu strafen, und thematisiert das katholische Gottesbild, heuchlerische Frömmigkeit sowie die Dekadenz der Renaissancepäpste.

Schauplätze der Handlung sind der Himmel, die Hölle und der Hof des Borgiapapstes Alexander VI. im Jahr 1495. Gottvater, ein seniler und gebrechlicher Tattergreis, der hinfällige und debile Christus und die abgebrühte Jungfrau Maria erhalten Nachricht von skandalösen Zuständen auf der Erde, insbesondere in Neapel, und von Orgien am Hofe des Papstes. Zum Osterfest nehmen sie den Vatikanspalast selbst in Augenschein und werden dabei Zeugen obszöner Spiele und Intrigen der Hofgesellschaft. Deshalb handeln sie mit dem Teufel ein Geschäft aus: Dieser soll eine schreckliche Strafe erfinden, die unmittelbar auf fleischliche Sünde folgen, aber die Seelen der Menschen erlösungsfähig belassen soll, da die Schöpferkraft Gottes verbraucht ist und er sich keine neuen Menschen mehr erschaffen kann – er also auf die vorhandenen angewiesen ist. Als Gegenleistung fordert der Teufel ein prächtiges Portal für die heruntergekommene Hölle, das Recht auf unangemeldete Sprechstunden mit Gott und vor allem die Freiheit, seine Gedanken zu verbreiten, denn „wenn jemand denkt, und darf seine Gedanken nicht mehr Andern mitteilen, das ist die gräßlichste aller Foltern.“ Die vom Teufel ersonnene Strafe ist nun die „Lustseuche“ Syphilis. Um diese auf die Erde zu bringen, zeugt der Teufel mit Salome, der durchtriebensten Gestalt in der Hölle, das „Weib“, eine unwiderstehlich schöne Frau, die zuerst den Papst, dann die Kardinäle, die Bischöfe und schließlich die übrige Kirchenhierarchie mit der Krankheit infiziert, die sich schnell in der gesamten Menschheit ausbreitet.

... ich war in meiner gloriosen Stimmung

NEU: Virtuelles Durchblättern des kompletten Panizza-Textes und der Illustrationen von Jens Rusch. Das Panizza-Magazin.

Teufel Ich war in meiner gloriosen Stimmung!
Maria die sich von der Gestalt nicht trennen kann. Und dieses keusche Entzücken, dieses unvergleichliche Auge, dieser Impuls voll überirdischer Lust, dieser Gedanke von übermenschlicher Güte und Mitleid soll die Menschen, sagst du, vergiften und verderben?...
Teufel sehr bestimmt. Das soll es!
Maria Soll es das? – Kann es das? –
Teufel höhnisch. Kann es das? – Ich sag' dir, das in ihr verschlossene Gift ist so stark: nach vierzehn Tagen soll der, der sie berührt, mit Augen wie Glasklicker in die Welt schauen; seine Gedanken gerinnen ihm, und er schnappt nach Hoffnungsluft wie ein trocken gewordener Fisch; nach sechs Wochen betrachtet er seinen Körper und fragt: Bin das ich? – die Haare fallen ihm aus, die Wimpern fallen ihm aus, die Zähne fallen ihm aus; Gebiss und Gelenke werden wackelig; nach drei Monaten ist er an seiner Menschenoberfläche durchlöchert wie ein Sieb, und er spekuliert an den Schaufenstern der Kaufläden herum, ob man etwa eine neue Menschenhaut kaufen könne; die Verzweiflung rinnt ihm nicht nur im Herzen zusammen, sondern läuft ihm auch stinkend zur Nase heraus; die Freunde begucken sich gegenseitig, und wer in der ersten Phase der Vergiftung ist, lacht den aus, der sich in der dritten oder vierten befindet; nach einem Jahr fällt ihm die Nase in den Suppenteller, und er läuft zum Kautschukhändler, um eine neue zu kaufen; dann verzieht er, geht an einen andern Ort, wechselt das Handwerk, wird mitleidig und sentimental, tut keinem Tierlein was zuleide, entwickelt moralische Gesinnungen, spielt mit den Mücklein in der Sonne und beneidet die jungen Bäume im Frühling; er wird katholisch, – wenn er protestantisch war; und protestantisch, – wenn er katholisch war; nach zwei, drei Jahren liegen ihm die Leber und die grossen Drüsen wie Mörser im Leib und er denkt auf lockere Speisen; dann gimpelt's ihm im einen Aug', nach einem weiteren Vierteljahr ist es zu; nach fünf, sechs Jahren beginnt ein Zucken und Schiessen im Körper auf und ab, wie ein Feuerwerk; er geht noch spazieren, und fleissig sieht er nach, ob die Füsse noch unter dem Leib hervorkommen; noch etwas später zieht er es vor, im Bett zu bleiben; er liebt die Wärme; nach acht Jahren etwa nimmt er sich eines Tages einen Knochen aus dem eigenen Gebäu, beriecht ihn und schmeisst ihn voll Grausen in die Ecke; er wird dann fromm, frommer, am frömmsten; er liebt die Maroquinbände mit Goldschnitt und einem Kreuz darauf; und nach zehn Jahren liegt er schlank dort, ein verwelktes Skelett, mit gähnend gegen den Kalkplafond aufgesperrtem Maul, das ›warum?‹ fragt und stirbt. – – Die Seele gehört dann euch! –
Maria sich voll Abscheu wegwendend. Äh!
Teufel verwundert. Was? – Habe ich meine Sache nicht gut gemacht? – War die Arbeit nicht so bestellt? –
Maria die Hände vor dem Gesicht, schluchzend. Ach, die armen Menschen!
Teufel einfallend. ... bleiben erlösungsbedürftig und erlösungsfähig! –


Radierungen

Radierung 20 x 15 cm

In seinen Schriften attackierte Panizza den wilhelminischen Obrigkeitsstaat, die katholische Kirche, sexuelle Tabus und bürgerliche Moralvorstellungen. Als literarischer Individualist nimmt er eine Sonderrolle in der deutschen Literaturgeschichte ein.

Jens Rusch fühlte sich beim Anfertigen der hier abgebildeten Radierungen in besonderer Weise einer Werktreue verpflichtet, die das Stück in drastischer Form in unsere Zeit transportiert. Da die Bilder bei oberflächlicher Betrachtung bisweilen Vorwürfe wie Blasphemie oder Pornographie provozieren, werden wir an dieser Stelle demnächst Originaltexte hinzufügen, damit der Inhalt des Liebeskonzils nachvollziehbarer und unmissverständlicher wird.

Kein anderer Autor des wilhelminischen Deutschland – vielleicht Frank Wedekind ausgenommen – war so sehr von der Zensur betroffen, keiner wurde für seine literarischen Werke ähnlich hart durch die Justiz bestraft.

Fast alle seine Bücher wurden schon kurz nach ihrer Veröffentlichung verboten und konfisziert, an eine Aufführung seiner Theaterstücke war jahrzehntelang nicht zu denken und seine Familie weigerte sich nach seinem Tod, die Urheberrechte freizugeben. So konnte eine Rezeption seiner Werke erst in den späten 1960er Jahren einsetzen, in größerem Umfang geschah dies erst in den 1980er Jahren.

Radierungen in diversen Techniken. Format jeweils 20 x 15 cm, teilweise von 2 Platten gedruckt. Auflage je 99 Exempare. Preis je 140.- Euro

Der komplette Text

Eine Himmelstragödie in fünf Aufzügen von Oskar Panizza. Dem Andenken Huttens.

Inszenierung auf dem Bauernhof

Die mutige Regisseurin Barbara Neureiter und Jens Rusch im Cuneo auf der Hamburger Reeperbahn bei vorbereitenden Gesprächen für die Aufführung des Liebeskonzils auf einem dithmarscher Bauernhof in Trennewurth. Foto: Uwe Böttjer
Die Inszenierung des Liebeskonzils durch das Monsun-Theater in Hamburg führte Ende der 80er Jahre zur augenblicklichen Suspendierung der Regisseurin Barbara Neureiter und der Zerschlagung des Ensambles. Uwe Böttjer und Jens Rusch sollte es gelingen, Barbara Neureiter zu einer weiteren Inszenierung zu überreden: Diesmal auf dem Lande, auf dem Bauernhof von Wiebke und Lothar Köhler in Trennewurt.

Über diese Veranstaltung wurde eine aufwendige Dokumentation mit Fotos von Sönke Dwenger und Illustrationen von Jens Rusch erstellt. Außerdem wurde eine Tagung mit kompetenten Wissenschaftlern in der Galerie "Zufriedenheit" im dithmarscher Gudendorf organisiert.

Das Scheunengebälk wurde zum Himmelsgewölbe, der Scheunenboden zum irdischen Auditorium, der Kuhstall wurde zur Hölle, weit vor BSE. In großen Fässern wurde Schwefel verkokelt und die Zuschauer mußten sich in wärmende Decken hüllen, die das rote Kreuz zur Verfügung gestellt hatte, weil sich die Scheune im Oktober nicht heizen ließ............

Pikant am Rande: Nachdem an der Bundesstraße 5 von uns ein großer Aufsteller mit der Aufschrift "Liebeskonzil" auf die Veranstaltung hinweisen sollte, verfassten die Lehrer des Gymnasiums der Stadt Marne eine Warnschrift für Eltern und Presse. Darin hieß es, das "Konzil" würde von einer Sekte organisiert. Soviel zum Kenntnisreichtum der Pädagogen in der Provinz, speziell geeignet für die Literatur um Deutschunterricht.


Tucholsky über Panizza

Oskar Panizza. Diesen Mann kennen heute nur noch ganz wenige, und auch seine Bücher sind größtenteils vergriffen, und er selbst lebt in Franken in einem Irrenhaus. Dahin brachte man im Jahre 1904 den Dr. Oskar Panizza, der wohl, als er noch bei Verstande war, der frechste und kühnste, der geistvollste und revolutionärste Prophet seines Landes gewesen ist. Einer, gegen den Heine eine matte Zitronenlimonade genannt werden kann und einer, der in seinem Kampf gegen Kirche und Staat, und vor allem gegen diese Kirche und gegen diesen Staat, bis zu Ende gegangen ist. Goten und Römer haßte er gleichmäßig, und er haßte sie mit einer Inbrunst, einer Kraft und einem so starken Gefühl, dass die Flammen von damals noch heute zu uns herüberschlagen und uns ansengen, als habe man sie heute angezündet. Für seine Komödie ›Das Liebeskonzil‹ wanderte Oskar Panizza anderthalb Jahre wegen Gotteslästerung ins Gefängnis – und abgesehen davon, dass man den § 166 des deutschen Strafgesetzbuches, der da die Gotteslästerer verdammt, abschaffen sollte: dieses Urteil traf gewiß keinen Kleinen, denn er hatte die Faust zum Himmel hinauf geschüttelt und Gott wirklich gelästert –, weil der die Syphilis erfunden hatte. Es gibt keine Stelle in dem gesamten Schaffen Wedekinds, die an Kühnheit und Große an diese Szenen heranreicht.

Im Gefängnis schrieb Oskar Panizza allerhand Dialoge und Verse, und als er dann entlassen wurde, ging er nach Paris. Von dem, was er damals im Jahre 1896 – also vor vierundzwanzig Jahren – über sein Land und über sein Volk geschrieben hat, ist uns einiges auf bewahrt. (Diese Dinge dürfen heute in ihrem vollen Umfange noch nicht nachgedruckt werden, weil das Urheberrecht es verbietet.)

Und da gibt es einen Dialog zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten, der könnte heute geschrieben sein – »Meinen Sie, dass ein Volk, welches Jahrhunderte lang gefrondet wurde und in der Fron sich wohlbefand, jemals aus eigenem Antrieb den Blick zum Himmel erheben werde, jemals den Kopf aufrecht tragen lernen werde?« – »Haben wir nicht die Franzosen niedergeschlagen?« – »Ja, in der Fron.« Und dann entwickelt der Optimist (und das wäre der brave Vollbartdeutsche) dem andern, dem Pessimisten, dem Revolutionär die Wohltaten der deutschen Freiheit, die so ganz anders ist, als die aller andern Völker ... Und sie unterhalten sich über Regierungsformen. – »Sie geben also die Wohltätigkeit einer monarchischen Regierungsform zu?« – »Ich gebe die Wohltätigkeit einer Regierungsform zu – wenn hinter dem Volk der Scharfrichter steht.« Und man denkt an Rosa Luxemburg und an Liebknecht und Paasche und alle die andern, wenn der Pessimist sagt: »Bis jetzt haben die Deutschen vom Köpfen leider immer nur die passive Form: das Geköpftwerden kennen gelernt.« Und dann zählt er die Opfer der herrschenden deutschen Dynastien auf, Schubert und Schiller, und spricht davon, wie es sich die kleinen Bürgermädchen als eine Ehre anzurechnen hatten, wenn ihr Fürst Höchstselbst sie zu bespringen geruhte. Und er kommt zu dem Ergebnis, das noch heute gilt: »Nehmen Sie die Fürsten weg, und es bleibt eine hilflose Masse, hilfloser als ein Kind.« – »Sind sie nicht glücklich?« – »Eminent glücklich.« 

Hier liegts ja eben. Das Kindische. Das Tölpelhafte. Sie sind in der Fron glücklich und merken es nicht. Wie der Nigger auf den Reisfeldern beugen sie den breiten Rücken unter der Peitsche des Aufsehers und fletschen noch humoristisch den Passanten an, der an ihnen vorbeigeht ... Und dann wird der Pessimist ganz konkret und spricht ohne Umschweife von Berlin: »Gehen Sie nach Berlin! Was sehen Sie dort? Ist es nicht der asiatische Ton, der dort herrscht? Der Ton des Väterchens? Die Kniebeugung vor dem Mufti? Muckte Berlin jemals auf vor seinem Fürsten? Was ist das Höchste, das Berlin leistet? Eine Zote oder ein schmutziges Bonmot über ihn. Das ist immer so: Wem die Hände gefesselt sind, dem schlägt sich die Wut ins Gehirn. In Berlin werden täglich 40000 Majestätsbeleidigungen begangen – im Flüsterton. Erscheint er aber, dann regt sich in ihnen das asiatische Gemüt, und sie stürzen zu Boden und küssen des Rosses Hufe. Sind es keine Hausknechte? Wollen sie mit diesen Leuten die Welt erobern?« – Und ist dieses Wort nicht noch heute in der freiesten Republik der Welt genau so gültig, wie es damals in der konstitutionellen Monarchie gültig war? – »Heute? Heute, wenn einer einen freien Gedanken ausspricht, bleiben ihm nur drei Wege: Irrenhaus, Gefängnis oder die Flucht«, auf der man dann erschossen wird ...

Merkwürdig prophetische Worte finden sich in diesem Dialog. Es ist da soviel von asiatischer Sklavenhaftigkeit die Rede, und dann steht da: »Berufen Sie sich nicht soviel auf den Osten. Erwarten Sie nicht soviel knechtisches mehr von Rußland (1896). Dort hat es längst getagt. Jeder Gedanke ist dort ein Zündstück, jedes Gemüt eine Mine. Rußland, dieses lauernde Gehirn, wird eines Tages fürchterlich hervorbrechen, und das Volk der Bakunine und Dostojewskis wird sich seine Freiheit erköpfen.« Und bitter, hart und wie ein Peitschenknall schließt der Dialog: »Ich traue diesem Volke nicht, soweit es denkt. Denn soweit es denkt, ist es feig.«

Panizza stand dem Sozialismus nicht so nahe, daß er von großem Einfluß auf seine Werke gewesen wäre. Hier begehrt einfach ein Mensch gegen die Deutschen auf (das ist mitunter ein Gegensatz) und was dabei herauskommt, wenn sich ein Mann z. B, beim preußischen Militär rein menschlich und eben nicht militärisch benimmt, das wissen wir wohl alle. Weil aber die Literatur dieses Landes und seine Denker der Wirklichkeit gewöhnlich himmelweit voranstürmten und weil ja noch der bescheidenste Revolutionär aus dem Jahre 1848 heute, unter dem Panke-Sozialisten Ebert, ein Revolutionär ist, deshalb scheint es mir gut, von Zeit zu Zeit einen alten Wein aus dem Keller zu holen, ihn gegen das Licht zu halten und zu sehen, dass er alt, aber immer noch neu ist.

Ignaz Wrobel Freiheit, 11.07.1920.

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