Im Atelier

Aus Jens Rusch
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Im Laufe eines Lebens arbeitet ein Künstler in den verschiedensten Situationen. Mal unter freiem Himmel, mal in einem Plenarsaal, aber überwiegend in der eigentlichen Keimzelle seines Schaffens: In seinem Atelier. Auf dieser Seite sehen Sie einige der Arbeitsplätze.


Mein Atelier

Atelier in Brunsbüttel 2010

Mein Atelier sieht manchmal aus wie eine Mischung aus Intensivstation und Spielothek. Terrarien mit exotischen Insekten und Flohmarktfunde, dazwischen mehrere Staffeleien, ein Zeichenplatz, ein Radiertisch mit Seitenspiegel.

Wenn man in Alicante den Flughafen verlässt, liest man in einem Steinrelief: „Was wir zu sehen glauben, ist lediglich unsere Vision des Unsichtbaren“.....

Das Wiederzugeben, was ohnehin sichtbar ist, mit so einfachen Mitteln wie Leinwand, Pinsel und Farbe erfordert nach einer Aussage von Nikolaus Störtenbecker mentale Umsetzungen, die „jede Festplatte sprengen würden“. Die Norddeutschen Realisten beschränken sich auf ebendiesen, bereits zur Genüge komplizierten Vorgang.

In einer Spielecke meines Ateliers stapeln sich weißgetünchte Dinge, alle farbgleich neutralisiert und ihres Ursprunges beraubt: Spielsachen, Fundstücke, Mitbringsel, Strandgut. Zusammengepferchte Nebensächlichkeiten, die zu Achtlosigkeit auffordern, zu heimlichem Unbemerken.

Flecken.jpg
UweFriedrichsen.jpg

Über unfertige Keilrahmen gehängt große runde Farbflecken auf wahllosen Untergründen: Kissenbezüge, alte Handtücher, Leinwandreste. Sie stammen vom runden Palett-Tisch, auf dem ich meine Ölfarben auf billigen Baumarktkacheln mische und meine Pinsel abstreife. Ich bin einfach schlecht im Wegwerfen. Uwe Friedrichsen entdeckte diese Flecken und vergaß die übrigen, halbfertigen Bilder auf den Staffeleien: „Das ist doch der eigentliche Uterus der Bilder, die Quintessenz!“ Hieraus entstand eine seltsam konspirative Freundschaft.

Doch zurück zur festplattensprengenden Kausalfolge vom Gesehenen zum Gemalten, vom Auge zur Hand. Zwischen diesen Ausgangskoordinaten liegen Unmengen von Irritationsfaktoren, dazwischen liege ich.

Mentale, kognitive Prozesse, oft hinderlich, sperrig, aber nicht immer verzichtbar oder umgehbar. Emotionen, Bauchgefühl und Fremdverursachtes- Erlerntes und Intuitives. Und dann genügt es laut Horst Janssen, im falschen Moment nach dem falschen Pinsel zu greifen um ein schlechtes Bild zu erzeugen.

Schnappschüsse aus dem Brunsbütteler Atelier

Atelier in Callosa de Ensarria 1992

Weshalb dann noch die anfangs aufgeführten Kuriosa und Irritationsangebote? Weshalb die Rebus-Schleichpfade über Wortspiele und Assoziationen, Experimente und Drogen in den frühen Jahren? Umwege über Hypnosen, die zu einem merkwürdig zielgerichteten Bildungshunger in den späten Jahren führten? Um Antworten zu finden, bevor man eine Frage stellt?

Es gibt Bilder, die sich auf der Leinwand selbst entwickelt haben und es gibt immer wieder übermalte, sinnlos verdichtete, kopflastige Bilder, die zu keiner plausiblen Antwort führten. Es gibt autobiographische, gemalte Fragen – profunde und Plattitüden.

Und im steten existentiellen Pendelschlag gibt es natürlich wie bei allen Kompromisslosen auch die Brotarbeiten die paradoxerweise die Kompromisslosigkeit ermöglichen sollen.

Was also unterscheidet mein Atelier vom alchimistischen Studierzimmer des Doktor Faustus, was gibt mir das Gefühl, ich selbst hätte Dürers „Melancholia“ gestochen oder Waldseemüllers Weltkarte? Und weshalb schafft man es trotz dieser Fülle von metaphysischen Depressionsangeboten dennoch, der Überzeugung zu sein, den wunderbarsten Beruf der Welt auszuüben? Vielleicht, weil man irgendwann spürt, dass man hierfür niemandem Rechenschaft schuldet.



Atelier in Brunsbüttel, Landesgemälde 2008
Mit Modell Pastor Dr. Dietrich Stein, an der Neocorus-Bronze arbeitend.


Strandgut




Stilleben-Fundus

........und woanders