Günther Mahal

Aus Jens Rusch
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Nachwort zum illustrierten Schimmelreiter

Veröffentlichung auf dieser Seite mit freundlicher Genehmigung des Deich-Verlages. Copyright Dr. Günther Mahal und Deich-Verlag. Zitate auch auszugsweise nur mit Genehmigung des Verlages.

Günther Mahal

Ein Nachwort

Kindlers Literaturlexikon fasst die Handlung des „Schimmelreiter“ zusammen: „Angesichts des nahen Todes vollendete Storm nach weitläufigen Vorstudien die Altersnovelle ‚Der Schimmelreiter’, wohl sein reifstes Werk, in dem mündliche Erzählungen, schleswig-holsteinische Sagen und schriftliche Überlieferungen zusammenfließen. Ein geisterhaftes Zwielicht fällt auf die überlebensgroße Gestalt des Deichgrafen Hauke Haien, der als gespenstischer Schimmelreiter im Aberglauben des Volkes weiterlebt. Am tragischen Schicksal dieser Herrscherfigur, die an der borniert-trägen Mediokrität ihrer Umwelt scheitert und im Kampf gegen elementare Kräfte zugrunde geht, entfaltet Storm den mythisch überhöhten Realismus seiner Novelle, die Ambivalenz von Spuk und Skepsis, Gespensterfurcht und Rationalität.“ Einiges wird im Lauf dieser kleinen Studie zu präzisieren und anders darzustellen sein.

„Der Schimmelreiter“ ist die letzte vollendete Erzählung Storms. Seine geplante Sylter „Novelle“ brachte es nicht über Ansätze hinaus. Eine letztgültige Version hätte noch großen Feilens bedurft, mehr als nur wahrscheinlich einige ‚Lücken’ füllen und die Motivationsstränge verschlanken müssen. Ob es dann wirklich eine Novelle geworden wäre? Vielleicht, ja sehr wahrscheinlich hatte der alte Dichter nicht mehr die früher mehrfach erwiesene Fähigkeit, den für eine Novelle essentiellen epischen Knoten zu schürzen. Der „Schimmelreiter“ war der schlagende Beweis für dieses wohl auch krankheitsbedingte Manko.

„Der Schimmelreiter“ wurde in etwa dreißig Sprachen übersetzt, darunter ins Chinesische und Koreanische. Dass die Leser(innen) in Fernost dadurch zu einem verlässlichen Deutschlandbild hätten kommen können, ist schwerlich zu erwarten – spielt doch die „Novelle“ im äußersten Norden des Landes, im Friesischen, dem bis heute eine gewisse Empfänglichkeit für Abergläubisches und Gespenstisches nachgesagt werden kann. Storm selbst hat diese Vorliebe geteilt.

Storms Erzählwerk ist freilich im Inland der Bundesrepublik noch sehr viel präsenter, unter anderem auch in Hörspiel- und Theaterfassungen sowie in Hörbüchern, deren bekanntestes von Gert Westphal gelesen wurde.

Irgendein Interpret legte sich auf die Kennzeichnungen herrisch und fanatisch für die Hauptperson Hauke Haien fest, und getreulich wurde dann ab- und nachgeschrieben. Dass der junge Deichgraf als Ideengeber und Verantwortlicher zu fungieren hatte, kam infolgedessen aus dem Blick. Sollte aus dem Bauvorhaben etwas wirklich Neues entstehen, mussten notwendige Appelle und Befehle gegeben werden. Frei von jedem Selbstzweck.

Auf der hinteren Umschlagseite der Reclam-Textausgabe wurde und wird von vielen Abertausenden folgender Text gelesen: „Storms letzte vollendete Novelle ist zugleich sein Meisterwerk. Bereits von tödlicher Krankheit überschattet, gelang Storm, wie Thomas Mann schrieb, eine ‚Verbindung von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis, etwas Dunkles und Schweres an Meeresgröße und -mystik’, das ‚die Novelle, wie er sie verstand, als epische Schwester des Dramas auf einen seither nicht wieder erreichten Gipfel führt.’ “

Dass Storm ein Meisterwerk verfasst hat, steht außer Zweifel. Ob es sich freilich – wie nicht allein Thomas Mann annimmt – um eine „Novelle“ handelt, bedarf gründlichen Nachdenkens. Mann sah innerhalb dieser Gattung „einen seither nicht wieder erreichten Gipfel“ realisiert. Er suggerierte hiermit, dass am „Schimmelreiter“ die Baugesetze einer Novelle am ehesten zu verzeichnen seien.

Verfilmungen eines literarischen Werks können immer als eindrucksvolle Belege dafür gelten, dass ein Leseersatz vom Publikum gewünscht wird, das sich die Anstrengung der Lektüre ersparen möchte. Auch dafür, dass die Filmschaffenden sich eine breite Rezeption erhoffen. Allerdings ist hier nicht der Platz, die drei Verfilmungen vorzustellen und einen Vergleich der zwischen 1933 und 1984 entstandenen Versionen zu wagen. Dies hat Bernd Wegner vorbildlich besorgt.

Ob es ein Glücksgriff genannt werden darf, den „Schimmelreiter“ auf der Sekundarstufe I zum Thema zu machen, muss bezweifelt werden. Die Bewertungsschere bei den etwa 15-Jährigen klafft von gänzlicher Begeisterung bis zum Urteil, die „Novelle“ sei fade und ‚uncool’. Mir scheint, dass Storms letztes vollendetes Werk in der Sekundarstufe II, am besten in Abitur-Nähe, besser zum Einsatz käme. Als Pubertätslektüre eignete sich Hesse sehr viel mehr. Formen des Aberglaubens – gerade im Gespenstischen – werden von 18-Jährigen weit eher rezipiert und nachvollzogen.

Der „Schimmelreiter“ dürfte die wohl einzige „Novelle“ sein, die im Deutschunterricht aller Bundesländer in die Obligatorik fällt. Ein Indiz ihrer Prominenz und Extraordinarität ist die Tatsache, dass der Reclam Verlag außer der (schwach und sehr unvollständig kommentierten) Text-Ausgabe – künftig: Reclam A (Anmerkungen von Hans Wagener; Reclam 6015) – ein eigenes Heft „Erläuterungen und Dokumente“ (von Hans Wagener; RUB 8133) – künftig: Reclam B – vorgelegt hat und ein weiteres Bändchen, „Lektüreschlüssel“ (von Winfried Freund; RUB 15315) benannt – künftig: Reclam C – anbietet, ein trilogisches Angebot also, das wohl bei keinem anderen epischen Text bereitgehalten wird, vor allem auch in der Kombination mit dem Titel „Theorie der Novelle“.

Dass der „Schimmelreiter“ auch in Königs Erläuterungen und in weiteren Schulbuch-Exegesen vertreten ist, darf als Zeichen seiner Einmaligkeit gewertet werden. Der „Schimmelreiter“ ist die am häufigsten interpretierte „Novelle“ und dürfte bei Reclam ähnliche Verkaufszahlen erzielen wie im Dramatischen der „Faust“ Goethes.

Kein Wunder, dass über diesen Text wohl die meisten Schul-, Seminar-, Diplom- und Doktorarbeiten entstanden, durch die sich zu lesen nicht immer das höchste Vergnügen bereithält – vor allem deswegen, weil oft genug arge Verrenkungen angestellt werden, um das von Storm mit „Novelle“ Untertitelte tatsächlich als „Novelle“ zu retten.

Es ist schon keck, welche Minenfelder an orthographischen und gedanklichen Fehlern den Weg ins Internet finden – und damit das Vorurteil untermauern, das world wide web sei etwas für die geistig Armen oder doch zumindest Oberflächlichen. Gerade am „Schimmelreiter“ zeigt sich, dass der Weg ins Internet oft mit Bequemlichkeit ‚gepflastert’ ist. Fehler im Netz scheinen sich virulent zu vermehren. Und es sind gerade diese armseligen Arbeiten, die dort wieder und wieder kopiert werden, um ihren Weg vom Bildschirm in die Klassenzimmer und von dort – schlimmstenfalls – in die Köpfe zu finden.

Dass es sich um eine, nein: die Novelle handle, scheint ohne jeden Zweifel festzustehen. Der „Schimmelreiter“ wird als absolute Gipfelung einer Erzählgattung begriffen, die nach Storms eigenen Worten die epische Schwester des Dramas darstellt. Die exzeptionelle Stellung des „Schimmelreiter“ muss betont werden: Keine andere „Novelle“ ist in der ganzen Bundesrepublik so häufig im Unterricht der Sekundarstufe I auf dem Lehrplan, und kein anderes Erzählwerk hat es bei Reclam zu gleich mehreren Bändchen gebracht.

Doch, ist es wirklich eine „Novelle“? Nur wenige Monate vor seinem Tod berichtet Storm seinem alten Freund Paul Heyse von der Fertigstellung des „Schimmelreiter“. Wenige Tage später antwortet Heyse. Weder in Storms noch seines 38 Jahre über schreibfreudigen Briefpartners ist von einer „Novelle“ die Rede, mit gutem Grund, wie mir scheint. Storm wird Heyse, dem Schöpfer der weite Anerkennung findenden „Falkentheorie“, den Untertitel verschwiegen haben, aus Sorge, dass der Münchener Dichter (und Verfasser von 177 Novellen) Grund zur Kritik hätte entdecken können. Wann Storm sich zum Untertitel „Novelle“ entschloss, ist nicht bekannt. Einem terminologischen Disput wollte er jedenfalls aus dem Wege gehen.

Goethes „Novelle“ – nicht wenig verworren – ist selbst bei den meisten Germanisten eher von ferne her bekannt. Berühmt (fast bis zum gesunkenen Kulturgut nachgeplappert) ist dagegen die gegenüber Eckermann am 25. Januar 1827 geäußerte Definition: „Was ist eine Novelle anders als eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“. (Als ob eine solche Feststellung nicht ebenso auf die meisten Dramen und auf alle Balladen zuträfe …)

Vor und nach Goethe kamen ein Dutzend weiterer Erklärungen in Umlauf. Sie aber sind so unterschiedlich, dass Herbert Krämer in seiner „Theorie der Novelle“ von der „Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit einer wirklich allseits befriedigenden Novellendefinition“ sprechen musste.

In dem weniger wegen der lückenhaften Erläuterungen als vielmehr durch die Dokumente vorbildlichen Reclam-Bändchen B bringt der Abschnitt zur Entstehungsgeschichte des „Schimmelreiter“ alle greifbaren Äußerungen Storms und seiner Korrespondenzpartner zur Genese und Selbsteinschätzung der „Novelle“. Doch frage ich: Hat man übersehen wollen oder müssen, dass Storm an den Soziologen Ferdinand Tönnies am 17. April 1888 – zeitgleich mit dem Erscheinen des „Schimmelreiter“ in der „Deutschen Rundschau“ – Folgendes zu Papier brachte: „‚Novelle’ braucht es nicht genannt zu werden“. Eine analoge Bemerkung gegenüber Heyse hätte diesen gewiss genötigt, die mangelnde „Silhouette“ und den fehlenden „Falken“ zu bemängeln.

Der Novelle wird das Auftreten nur weniger Personen zugeschrieben, vor allem aber ihre Unerhörtheit (Goethe) oder der Falke (Heyse). In Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“ ist die Personenknappheit gegeben , auch in Storms „Pole Poppenspäler“. Im „Schimmelreiter“ ist das Personal jedoch keinesfalls als schmal zu bezeichnen. Neben den Hauptfiguren, Hauke Haien und Elke Volkerts, sind als Nebenfiguren Ole Peters und Trien’ Jans im Spiel; hinzu kommt eine ganze Reihe von Randfiguren, die oft nur ein einziges Mal auftauchen: Antje Wohlers, Marten Vetters, Iven Johns, Tede Haien, Ann Gret, usf.

Keine Novelle also, aber was dann? Ich möchte von einem epischen Drama sprechen (nicht zu verwechseln mit Brechts epischem Theater, das den Verfasser auktorial den Kontakt zum Publikum schließen lässt und das die Beeinflussung der Zuschauerreaktion zum Ziel hat). Erkennbar ist eine stufenweise steigende Handlung in der Art des Entwicklungsromans, wenn der mittellose Haien sich durch Ehrgeiz und Tüchtigkeit und den materiellen Zuwachs aus der Verlobung und Ehe mit Elke Volkerts zum beneideten, angefeindeten, notfalls „herrisch seine Position verteidigenden“ Deichgrafen entwickelt. Den Höhepunkt, über einen längeren Zeitraum hin, bildet der Bau des Koogs. Die „fallende Handlung“ der „Novelle“ tritt katastrophal ein – mit dem Tod von Elke und der schwachsinnigen Tochter Wienke sowie mit Hauke Haiens Suizid.

Wollte man den Weg Hauke Haiens grafisch verdeutlichen, wäre von einer nicht gleichmäßigen, sondern langsam steigenden, dann eine zeitlang stabil den Gipfel bildenden und dann schroff fallenden Handlung zu reden, einem Prozess der Selbstverwirklichung und eines jähen Todes.

Einen „Falken“ für den „Schimmelreiter“ zu benennen, kann nicht gelingen. Eine Sturmflut, so schlimm sie auch sein mochte, war an der Nordsee nichts Außergewöhnliches. Im Übrigen hat Storm das Jahr 1756 nicht aus der Auflistung katastrophaler Krisenjahre übernommen, vielmehr frei erfunden.

Lassen sie mich Ihr Augenmerk auf einen weiteren, bisher übersehenen Aspekt lenken: Meines Wissens gibt es keinen dichterischen Text, in welchem auch nur annähernd so häufig wie im „Schimmelreiter“ das Wortfeld Auge/Sehen/Blick vorkäme. Zur Dokumentation beschränke ich mich auf nicht weiter kommentierte Stellen, in denen „Augen“ vorkommen, oft mit vorangestelltem Adjektiv oder auch anderer Kontextierung. Das jeweilige epitheton ornans verschafft eine die betreffende Person kurze Charakterisierung und orientiert die Leser(innen) mit den sparsamsten Mitteln. Die Palette der näher beschriebenen Augen reicht vom Feurig-Teuflischen bis zur Güte eines kommunikativen Blicks.

Wenn nun im Folgenden eine Nachweiskette für das Wort „Auge(n)“ erscheinen soll, dann mit allem Bedacht im Lauftext und nicht in einer Anmerkung. Denn nirgends hat Storm seine verdeckte Auktorialität so offengelegt wie bei den Augen, deren Ausdruck ein untrügliches Kennzeichen des jeweiligen Charakters widerspiegelt: „zwei brennende Augen“ (5,14; Schimmel) – „mit dunklen Wimpern besäumten Augen“ (8,4; Schulmeister) – „schwarzen Augen“ (11,29) – „seinen kleinen, klugen Augen“ (17,10) – „vor seinen Augen“ (12,5 f.) – „starren Augen“ (15,22; Hauke Haien) – „die Augen“ (19,4; Angorakater) – „aus den Augen“ (21,13) – „funkelnden Augen“ (21,31 f.; Trien’ Jans) – „die Augen quellen wie Glaskugeln“ (23,33 f.; alter Deichgraf) – „trotzigen Augen“ (24,23; Elke Volkerts) – „Augen“ (25,18; Elke Volkerts) – „deinen großen Augen“ (25,26 f.; Elke Volkerts) – „zwei feste Augen“ (26,3; Elke Volkerts) – „starrte aus seinen runden Augen“ (26,23 f.; Deichgraf) – „hatte die Augen zu ihm gehoben“ (27,27; Deichgraf) – „dunkeln Augen“ (28,1; Elke Volkerts) – „die Augen des Deichgrafen waren immer größer geworden“ (33,5 f.) – „ihre klugen Augen“ (33,18 f.; Elke Volkerts) – „Zwei Augen hat man nur, und mit hundert soll man sehen“ (34,7 f.) – „scharfe Augen“ (34,14; Hauke Haien) – „vor die Augen zu rücken“ (34,18; Hauke Haien) – „Ein tiefes Rot schoss unter die dunkeln Brauen des Mädchens“ (36,28 f.; Elke Volkerts) – „dunkeln Augen“ (38,5; Elke Volkerts) – „aller Augen verfolgten […] die fliegende Kugel“ (41,6 f.) – „Strahl in seinen Augen“ (41,31; Hauke Haien) – „zornigen Augen“ (42,14) – „die grauen Augen“ (44,16; Hauke Haien) – mit festen Augen“ (44,23 f.; Hauke Haien) – „alle Augen folgten“ (45,7) – „grauen Augen“ (48,4; Hauke Haien) – „schlug die Augen nieder“ (48,13 f.; Elke Volkerts).

Das Thema lag gleichermaßen in der Luft, nachdem Joseph Victor Carus 1877 ein Werk Darwins ins Deutsche übertragen hatte: „Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei den Menschen und den Tieren“. Am deutlichsten wird dieses Verfahren, fügt man die Augen-Beschreibungen des Paares Hauke und Elke aneinander: Auf diese Weise entsteht eine vom Autor beglaubigte Charakterisierung. Die „Beiwörter“ avancieren zu gültigen Wesensaussagen.

Ob Storm Werke Darwins oder seiner Populisatoren wie Haeckel und Carus in seiner Bibliothek hatte? Oder, was wahrscheinlicher wäre, erfuhr er erst über Dritte Näheres zum Modethema des Evolutionisten? Sicher ist, dass in den Jahrzehnten vor 1888 intensiv über Darwin, den Forscher, der – grob verkürzt – die Abstammung des Menschen vom Affen behauptet haben sollte, debattiert wurde.

Der „Schimmelreiter“ stellt die intensivste Auseinandersetzung Storms mit dem auffälligsten und wirkungsmächtigsten Wissenschaftler seiner Zeit dar. Storm war und wurde kein Parteigänger, hielt aber Darwins Erkenntnisse über die „Gemüthsbewegungen“ von Menschen und Tieren für hinreichend plausibel und erkenntnisfördernd.

So kam in den Text seiner letzten abgeschlossenen „Novelle“ eine Fülle von visuellem und optischem Vokabular. Hauke Haien ist dabei nahezu durchgängig als sympathisch dargestellt, Elke Volkerts ohnedies. Die ‚Gegenprobe’ mit Ole Peters gelingt überraschend: Ihm bzw. seinen Augen wird kein einziges ‚schmückendes Beiwort’ zugestanden; er bleibt sozusagen blind, geht also seinen Anti-Weg gegen seinen Rivalen mit gänzlicher ‚Uneinsichtigkeit’.

Trien’ Jans und auch der kleine Wienke werden dagegen typisierende Epitheta zugebilligt, sympathiefördernd oder mitleidserregend.

Wenn ich recht sehe, ist das nicht nur kirchliche Kreise beschäftigende Thema Vererbung bislang nur von einer Forscherin thematisiert worden: Regina Fasold. Sie schrieb über „Theodor Storms Verständnis von ‚Vererbung’ im Kontext des Darwinismus-Diskurses seiner Zeit“: „Bei Theodor Storm ist durch einschlägige briefliche Äußerungen und Tagebuchnotizen in der Forschung seit langem bekannt, dass er den Darwinismus in seinen entscheidenden Fragestellungen wahrgenommen haben muß.“ Jedoch ist Fasold, gemeinsam mit Fritz-Rüdiger Sammern-Frankenegg, nicht der Ansicht, dass „die moderne naturwissenschaftliche Theorie mit Weltanschauungscharakter bis in die Poetik der späten Stormschen Novelle durchgeschlagen haben sollte“. Mir scheint, dass die zum Thema „Augen“ getroffenen Feststellungen sehr wohl erweisen, dass auch der späte und kranke Dichter über Darwin räsonierte und urteilte.

Überlebenswille

Der im Darwinschen Verständnis fittest ist nicht Hauke Haien, sondern Ole Peters. Er bleibt sich – seinen Anwürfen und Boykotten nach – treu, indem er Hauke wo auch immer zu schaden versucht. Sein Überlebenswille kennt keine Skrupel, und seine Dominanz im Konfliktfall zeigt sich in der ‚Szene’, in welcher Hauke Haien gegen seine Überzeugung nachgibt. Der fittest setzt sich also im ‚survival’ durch – gegen einen Hochsensiblen, den im entscheidenden Moment das Selbstvertrauen verlässt.

Gottgläubigkeit und Aberglauben stehen sich in Hauke Haiens Dorf unversöhnlich gegenüber. Die althergebrachten heidnischen Ängste und Bräuche, wie: in einen neuen Deich müsse „etwas Lebigs“ eingegraben werden, sehen sich durch die Sturmflut und den Bruch des alten Deiches bestätigt. Hauke Haien gilt als mutwillig-egomaner Frevler und, schon durch sein von einem ‚Slowaken’ gekauftes Pferd, als Teufelspaktierer. Während Haien dem Gerücht keine Bedeutung schenkt, nutzen seine Gegner und Feinde, allen voran Ole Peters, selbiges für sich. Haukes Ruf ist bereits ruiniert, als er die Mithilfe der bäuerlichen Bevölkerung einfordert. Aus stillem wird bald lauter Widerstand und schließlich der von Ole Peters gesteuerte Boykott. Dass Hauke als Deichgraf energisch Gehorsam einzufordern bemüht ist, wird durch eine entschiedene Revolte konterkariert.

Bei den noch nicht vom Christentum missionierten Friesen und ihren Bräuchen galt es, ein Bauwerk – etwa einen Deich – mit etwas Lebendigem zu ‚festigen’, oft mit einem Menschen. Dieselben Bräuche, heidnische Vorkehrungen, spielen in vielen Teufelssagen ihre Rolle, wenn es etwa um einen Brückenbau oder die Fertigstellung einer Kirche ging. Jedes Mal wollte der Böse sein Opfer. Das Mittelalter wusste sich allerdings mit List und Tücke darauf einzurichten, sodass der Teufel mit einer Katze oder einem Hund um ein menschliches Leben geprellt wurde.

Hauke Haien, der eingangs der Erzählung den Angorakater der Trien’ Jans ohne viel Skrupel ums Leben gebracht hat und sich so den Fluch der Alten zuzog, rettet nach Jahren, kurz vor Vollendung des Deichbaus, ein herumstreunendes Hündlein, das die Arbeiter hatten verscharren wollen. „Etwas Lebigs“ sollte den abergläubisch beschworenen Mächten geopfert werden. An einer Parallelstelle in Goethes „Faust“, die Storm Modell gestanden haben mochte, war für den entstehenden Koog Schlimmeres als nur ein Tier-Opfer vonnöten: „Menschenopfer mussten bluten.“ (Goethes „Faust“ V. 11127)

Hauke Haien geht nicht unter, weil er sich gegen seinen alten Widersacher Ole Peters nicht durchzusetzen vermag. Er wählt den Freitod, weil er sich trotz aller Berechnungen und Vorsichtsmaßnahmen den Naturgewalten unterlegen fühlen muss. Den letzten Ausschlag zum Suizid gibt der Anblick der mit Frau und Tochter ins Meer stürzenden Kutsche. Ihre Flucht war vergebens, und Haukes Leben verlor seinen Sinn. Dass er ein Familienmensch und nicht ein Egomane ohne Rückbindung an seine Liebsten sei, hatte er wiederholte Male erwiesen, nicht zuletzt dadurch, dass er Elke das Ausmaß der erfahrenen Widerstände verschwiegen hatte.

Hauke Haien ist voller Ehrgeiz und Durchsetzungsdrang, aber Ole Peters unterlegen. Diesen diktiert ein Hass, den Hauke nicht aufbringen kann oder möchte. Hauke will aber – die Ausnahme bestätigt die Regel – nicht von seiner durchdachten Planung abweichen, und dabei muss er auf die Gegner seines Projekts starrsinnig wirken.

Wenn Storm Hauke Haien untergehen und Ole Peters überleben lässt, dann übernimmt er Darwins Lehre des Survival of the Fittest. Hauke ist zwar seinem Widersacher geistig überlegen, aber es fehlt ihm die Brutalität, sich im Streitfall durchsetzen zu können. Ole Peters hat da keine Probleme – er spielt va banque und obsiegt über den Rivalen, dem er nicht nachsehen kann, dass sich Elke Hauke zuwandte und nicht ihm, der auf ältere ‚Rechte’ pochen zu können meinte.

Interpretationstopoi

Nicht nur in der Germanistik bilden sich erfahrungsgemäß über Jahre hinweg Interpretationstopoi heraus. Man beruft sich auf anerkannte Experten und übernimmt, zitiert oder paraphrasiert deren Deutung. Im Falle des „Schimmelreiter“ war es seit den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts Karl Ernst Laage, der sich sozusagen als Storm-Papst zu etablieren verstand. Päpste beanspruchen jedoch stets die Deutungshoheit. Und das ist unter Umständen fatal.

Kein anderer Storm-Forscher ist in den letzten Jahrzehnten so häufig zitiert, paraphrasiert und gepriesen worden wie der mit einer Festschrift zu seinem 80. Geburtstag (2000) gewürdigte Karl Ernst Laage, der sich um das kleine Forschungszentrum in Husum große Verdienste erworben hat. Er blieb dieser Einrichtung – heute betreut von Gerd Eversberg – in einem Maße verbunden, dass sich ohne Verfälschung sagen lässt, seine Position ex cathedra habe nicht nur in der grauen Stadt gegolten wie das Amen in der Kirche. Laage hat Dutzende von Storm-Büchern publiziert, von denen ich acht genutzt habe, immer in der Hoffnung, ich stieße auf Novitäten im methodischen Ansatz oder es wären Akzente interpretatorischer Art zu entdecken. Nach den acht Bänden habe ich resigniert, weil Laage sich stets treu blieb: Im Biographischen und in der Art des Zitierens, meist aus Storms umfänglichen Briefwechsel.

Auffällig ist, was der „Papst“ alles nicht behandelt oder allenfalls gestreift hat: Die dramenähnliche Problematik im „Schimmelreiter“, die Frage nach Schuld oder Martyrium. Laage führt seine Leser(innen) durch „flache Unbedeutenheit“ (Goethes „Faust“, V. 1861), weil er von Storm gezielt eingefügte Vorausdeutungen ebenso wenig wahrnimmt wie die Zentralfunktion optischer und visueller Charakterisierungen. Der Untertitel „Novelle“ gilt ihm als unbezweifelbares Credo. Es bleibt bei alledem nicht aus, dass Laage im Vergleich mit Franz Stuckert, Peter Goldammer, Claude David, Wolfgang Frühwald, Volker Hoffmann, Fritz Martini oder Jost Hermand den inhaltlich wie sachlich Kürzeren zieht, von Thomas Mann ganz zu schweigen. Die Belegstellen finden sich, immer mit guter ‚Anmoderation’, in Reclam B.

Ein Kompliment mag das Herbe etwas relativieren: Laage überzeugt stets durch eine opulente Bildauswahl. Er überzeugt dagegen keinesfalls durch seine positivistischen Beobachtungen, die eher ans 19. Jahrhundert erinnern als an das 20. oder gar das jetzige. Laages unter dem Titel „Theodor Storm. Neue Dokumente, neue Perspektiven“ veröffentlichter Aufsatz „Das ‚Wirtshaus’ in Storms Novelle ‚Der Schimmelreiter’: Poetische Fiktion und Wirklichkeit“ bietet, um mit Vischer zu reden, „Stoffhuberei“ sehr alter Schule . Ähnlich wie man unbedingt hatte herausfinden wollen, ob der Osterspaziergang im „Faust“ vor Frankfurt oder vor Heilbronn stattgefunden habe, müht sich Laage um die Lokalisierung des Wirtshauses im „Schimmelreiter“, ohne freilich zu einem verlässlichen Ergebnis zu gelangen.

damnatio vivi

Das Prinzip der päpstlichen Deutungshoheit hat aber noch einen weiteren Haken: Die Kardinäle, Bischöfe und selbsternannten Laienpriester geben der ‚wahren Lehre’ Unterstützung und attackieren scharf die ‚Andersgläubigen’. Eine Variante dieses Angriffs auf Abweichler ist oftmals die Züchtigung mittels Nichterwähnung. So kann es kaum verwundern, dass in Winfried Freunds Bibliographie (Abschnitt: Illustrationen) nur Alexander Eckeners Arbeiten erwähnt werden, mit dem Zusatz: „Die Radierungen Eckeners sind die bisher gelungensten Visualisierungen der Novelle.“
Da habe ich nicht nur Zweifel, sondern kann sicher sein: Jens Ruschs bildnerische Arbeiten sind nicht nur um Grade, sondern um Welten des eingelösten zeichnerischen Anspruchs höher anzusetzen. Was Freund ‚übersah’, stellt wohl eine verschärfte Form der damnatio memoriae dar, wie sie etwa bei Herostratos greifen sollte: eine damnatio vivi, das bewusste Verschweigen eines nicht auf Kurs tätigen Zeitgenossen. Dass er die kongenialen Arbeiten Jens Ruschs „übersah“, kann also nicht wundern.

Die mit den unterschiedlichsten Techniken (Aquarell, Aquatinta, Asphaltlack, Bleistifte, Druckfarbe, Farbstifte, Federzeichnungen, Lack, Öl, Pastellkreide, Pinselätzung, Radierung, Schabtechnik) arbeitenden Illustrationen von Jens Rusch bieten – nach Lessing – die „fruchtbaren Augenblicke“ der Erzählhandlung nach. In Szenen und Standbildern werden die Protagonisten und Höhepunkte der „Novelle“ dargestellt.

Auf nicht mehr als vier Seiten der Folioausgabe „Der illustrierte Schimmelreiter“ (1987/1995) von Jens Rusch hat Walter Sauer in seinem Vorwort die Brücke vom ebenfalls bebilderten „Faust“ zum „illustrierten Schimmelreiter“ zu schlagen vermocht . Erhellend ist seine Heranziehung von Sigmund Freuds Essay „Das Unheimliche“ (1919) mit der zunächst paradox erscheinenden ‚Blutsverwandtschaft’ des Heimlichen (Heimeligen) mit dem Unheimlichen. Terminologisch eher verwirrend erscheint es jedoch, wenn Sauer im Zusammenhang mit dem Wiedergänger-Motiv von der „Duplizität der Ereignisse“ sprach – denn strictu sensu handelt es sich hier um Synchronizität oder auch Palimpsest -Technik: der gezeichnete Grund wird erneut bezeichnet.

Im Geleitwort der Folioausgabe des illustrierten „Schimmelreiter“ hat Walter Sauer ausgeführt: „Einer Litanei gleich ließen sich aneinanderreihen: Phantastischer Realismus, Symbolischer Realismus, Magischer Realismus, Mystischer Realismus, Metaphysischer Realismus, Imaginärer Realismus, Naiver Realismus, Psychologischer Realismus, Kritischer Realismus, Politischer Realismus, Fotorealismus, Hyperrealismus … – mit ein wenig sprachschöpferischer Begabung wäre die Reihe wer weiß wie lange fortzuführen.“

Der in obiger Aufzählung fehlende Terminus ist gefunden: 2009 veröffentlichte Lars Korten seine Studie „Poietischer Realismus. Zur Novelle der Jahre 1848-1888. Stifter, Keller, Meyer, Storm“. Kortens Terminus ist nicht zu verwechseln mit dem „poetischen Realismus“, den Otto Ludwig vorschlug und der zur Bezeichnung einer nicht mehr romantischen – oft auch ‚nur’ biedermeierlichen - und noch nicht naturalistischen Dichtung taugt, die das ‚Hässliche’ programmatisch ausgrenzt. Über den Poetischen Realismus hat Otto Ludwig notiert: „Es handelt hier von einer Welt, die von der schaffenden Phantasie vermittelt ist, nicht von der gemeinen; sie schafft Welt noch einmal, keine sogenannte phantastische Welt, d.h. keine zusammenhanglose, im Gegenteil, eine, in der der Zusammenhang sichtbarer ist als in der wirklichen, nicht ein Stück Welt, sondern eine ganze, geschlossene, die alle ihre Bedingungen, alle ihre Folgen in sich selbst hat.“

Jens Rusch hat ein ganzes Arsenal verschiedener und untereinander kombinierbarer Techniken verwendet, um Gelenkstellen des tatsächlich nach ‚schwesterlichen’ Dramenhöhepunkten Berichteten in den Blick zu nehmen. Und er hat daneben Standbilder entstehen lassen, um einzelne Figuren unabgelenkt zu zeigen – Protagonisten in Ruhestellung. Die dramatis personae sind für den Künstler solistisch wichtig; wichtiger aber ist ihr Zusammentreffen mit freundschaftlich-liebevoll gezeichneten Freunden und mit böse oder gleich feindlich Gesonnenen.

Zugleich hat Rusch die ‚schmückenden’ Beiwörter zu den Augen eingesetzt, die Storm mit allem Bedacht zur konzisen Wesensschau verwendet hatte. Nirgends anderswo als im Mienenspiel waren – bei Mensch wie Tier – die Gemütsbewegungen (Darwin/Carus) leichter erkennbar, sprechende Physiognomien also und untrügliche Ausweise der jeweiligen Stimmung oder Atmosphäre.

Die Folioausgabe seines „Schimmelreiter“-Buches hat Jens Rusch mit sechs „Werkstattberichten“ bedacht, die in allen Details seine nachgerade alchemistischen Mühen demonstrieren. Nur ein Beispiel mag hier genügen: „Den Asphalt mischt man folgendermaßen: 1/3 Klimsch Gravosil Nr. 022 511, 1/3 Vernis noir Ref. 3021 Lefranc & Bourgeois, 1/3 Abdecklack 3897 Gerstäcker/Eitorf. Wichtig ist jetzt die Verdünnung, die diesen Lack geschmeidig vermalbar macht: ¼ Mussini Malmittel 3/500 40, ¼ Autobenzin (bleifrei natürlich), ¼ Terpentinöl, ¼ Leinöl.“ Eine solche Rezeptur dürfte Imitationswillige (auch Plagiatoren) nachhaltig abschrecken. Für den Meister bedeuten derartige Angaben keinen Selbstverrat – vielmehr bilden die verlangten Ingredienzien so hohe Hürden, dass die Kujaus resignieren müssten …

Der Künstler und der Verlag haben nun entschieden, die sechs in der Folioausgabe als eine Art technisches Nachwort behandelnden Werkstattberichte in der jetzigen Ausgabe nicht erneut zu drucken. Man mag dies bedauern, könnte sich aber vielleicht doch einer Anregung anschließen, diese Werkstattberichte als Separatum zu veröffentlichen, und zwar nicht mehr allein auf den „Schimmelreiter“ bezogen, sondern auch auf andere Zyklen wie die „Faust“-Arbeiten oder die Blätter zu Oskar Panizzas „Liebeskonzil“. Rusch könnte hier aus einem überreichen Fundus schöpfen und zusätzlich seine plastischen Werke in ihrer Genese vorstellen.

So kehrt der „Schimmelreiter“ immer wieder geisterhaft zurück, stets als Bote, wenn der Küste Gefahr von der See droht. Doch er kehrt auch zurück, wenn auf den Gymnasien der Stoffplan seine Lektüre und Deutung verlangt, wenn er in Hörbüchern und auf der Bühne präsent wird, wenn jemand das vorliegende Buch mit seinen famosen Bildern rezipiert.

Allen Disputen zum Trotz kann festgehalten werden: Der gespenstische Deichgraf zählt zu den Dingen im Himmel und auf Erden, die der Schulweisheit verschlossen bleiben und die gerade ihres luftigen Wesens wegen die Konsistenz von Sagen und Mythen erreichen, eine Konsistenz die dichter ist als die Steine am Weg.