Eberhard Schlotter

Aus Jens Rusch
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Vernissage in Celle 2011 anläßlich seines 90ten Geburtstages


Altea

Fachgespräche. Altea 2010. Foto: Sibylle Schorlemmer.
2009 anläßlich der Carmina Burana-Präsentation im Palau in Altea. Foto: Sibylle Schorlemmer.

Jens Rusch studierte von 1979 bis 1982 als erster Meisterschüler bei Professor Eberhard Schlotter Radier- und Kupfertiefdrucktechniken. Auf diese fachliche Ausrichtung wurde jedenfalls das Hauptgewicht der technischen Ausbildung im spanischen Altea gelegt. Die Jahre der Ausbildung sind aber keineswegs mit einem Regelstudienverlauf zu vergleichen, denn es gab weder Semesterferien, noch Wochenenden. Nicht als Ausbildungsregel, sondern weil das von niemandem gewünscht war. Jens Rusch war derart fasziniert von dem riesigen, mittelalterlichen Alchimistenkosmos Schlotters, der durchwoben war von Philosophie und literarischen Versatzstücken, daß er sich wie ein Freibeuter fühlte, der die Gelegenheit erhalten hatte, Wissen zu erbeuten.

Da Schlotter vor seinen Schülern nie das Atelier verschloss, konnten so ganz nebenher vom Aufziehen der Leinwand bis zum Schlussfirnis auch Grundkenntnisse der Ölmalerei "erbeutet" werden und bei Ausflügen in die Landschaft auch noch Aquarelltechniken. Gezeichnet wurde ohnehin bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Viele Parabeln und Grundzüge einer stringenten Atelier-Disziplin haben Rusch bis in die heutige Zeit nachhaltig geprägt. Die handwerklichen Fähigkeiten sind offensichtlich in einer der letzten Generationsfolgen angelangt, denn an vielen deutschen Kunsthochschulen wird dieses Fach entweder überhaupt nicht mehr oder lediglich im Schnelldurchgang gelehrt. Grafische Techniken definiert man im Computerzeitalter völlig neu. Hierin sieht Rusch so etwas wie eine kaum umrissene Aufgabe, für die er jetzt in der Reihe seiner "Lehrhefte" konservatorische Möglichkeiten sucht. Eine Aufgabe, für die es eigentlich keinen besseren Kurator als Eberhard Schlotter geben würde, aber der wird im kommenden Jahr 90 Jahre alt und möchte sich mit der digitalen Welt nicht mehr belasten.

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Radierungen von Prof. Eberhard Schlotter

"Faust"
"Faust"



Die "weiche Ätzung"

"Ich hatte langwierige Versuche gemacht, die Möglichkeiten der Tonradierung zu erweitern, und hatte schon Anfang der 60er Jahre brauchbare Ergebnisse gefunden. Dennoch war ich überrascht, als einer dieser ungeduldigen Studenten (ohne anzuklopfen) mein Atelier betrat und mich aufforderte:

"Sie haben da sone Masche, die müssen Sie mir erklären!" Dann habe ich mir die Mühe gemacht und dem künftigen Kollegen demonstriert, wie man auf einer Radierplatte die weichen Übergänge erreicht und eine Radierplatte für den Druck vorbereitet.


DER PROZESS:

  • 1. Eine Kupferplatte (poliert).
  • 2. Anfeilen der Kanten (Fasen), damit das Papier beim Druck nicht durchschnitten wird.
  • 3. Reinigen und Entfetten der Platte mit Kreide und Spiritus
  • 4. Bestäuben der Platte in einer Staubkammer mit syrischem Asphalt (sehr feinkörnig)
  • 5. Einbrennen des Korns über einem offenen Feuer.
  • 6. Übertragen der Zeichnung auf die Platte. Die Zeichnung wird seitenverkehrt über ein darunter gelegtes Graphitpapier durchgezeichnet. Es ist darauf zu achten, daß bei der Vorbereitung zum ersten Ätzgang nur die Zonen durchgepaust werden, die als Weißflächen erscheinen sollen.
  • 7. Abdecken der ersten Stufe. Zum Abdecken benutzt man mehrere abgearbeitete Aquarellpinsel verschiedener Größen und einen schnell trocknenden Abdecklack (Asphalt). Der Abdecklack muß mit Benzin verdünnbar sein. Die Pinsel müssen nach dem Eintauchen abgestreift werden. Die abzudeckenden Zonen werden von der Mitte her bearbeitet (in kreisenden Bewegungen). Während der Lack langsam antrocknet, erreicht man nach und nach die Außenzonen, die - da der Lack nicht mehr flüssig ist - porös bleiben. An diesen Rändern kann beim Ätzen die Säure eindringen. Den Lack trocknen lassen.
  • 8. Ätzen der ersten Graustufe in einem Säurebad (geätzt wird mit Eisen(III)-chlorid). Nach 10 - 15 Sekunden die Platte aus der Säure nehmen. Ein Probedruck zeigt bereits eine deutliche hellgraue Zone.
  • 9. Wässern, möglichst mit einer Brause, anschließend die Platte trocknen.
  • 10. Übertragen der Pause wie unter 6 beschrieben. Dann werden sämtliche Zonen, die die erste Graustufe erhalten, herausgezogen. Dabei arbeitet man leicht über die Grenzen der ersten abgedeckten Flächen hinaus.
  • 11. Ätzen der zweiten Graustufe. Man verdoppelt die Ätzzeit des ersten Ätzgangs, 20 - 30 Sekunden.
  • 12. Wässern und Trocknen der Platte.
  • 13. Übertragen der Pause und Herausziehen der Zonen für die mittlere Graustufe. Abdecken wie
  • 14. Ätzen, 50 - 70 Sekunden.
  • 15. Wässern und Trocknen der Platte.
  • 16. Übertragen der Pause und Herausziehen der Zonen für die nächste, dunklere Graustufe.
  • 17. Ätzen, 150 - 200 Sekunden.
  • 18. Wässern und Trocknen der Platte.
  • 19. Übertragen der Pause und Herausziehen der Zonen für die dunkelste Graustufe.
  • 20. Ätzen, 300 - 400 Sekunden.
  • 21. Wässern und Trocknen der Platte.

Vorbereiten der Platte für die letzte schwarze Stufe. Falls die Pause noch nötig ist, muß sie verwertet werden, jedoch ist normalerweise die Form bereits so festgelegt, daß man frei die letzten Zonen abdeckt.

  • 22. Das Ätzen des tiefen Schwarz ist abhängig von der Haltbarkeit des Asphaltpunktes. Zur Kontrolle benutzt man einen Fadenzähler (Lupe). Sind die Asphaltpunkte schon sehr spitz geätzt, beträgt die gesamte Ätzdauer mindestens 800 Sekunden. Ist jedoch der Asphaltpunkt noch “gesund”, so kann man, unter Kontrolle mit dem Fadenzähler, so lange weiterätzen, bis das Korn anfängt, zu verschwinden. Bei gewissenhafter Beachtung dieses Hinweises erhält man nach der letzten Ätzung ein absolutes tiefes samtiges Schwarz.
  • 23. Wässern und Trocknen der Platte.
  • 24. Reinigen der Platte mit Benzin
  • 25. Nachfeilen der Fasen.

Damit ist die Platte präpariert für den Druck.

Sollte diese Platte für eine Auflage geplant sein, ist anzuraten, sie zu verstählen. Dafür gibt es Anstalten. Das Verstählen geschieht galvanisch und garantiert Auflagen von ca. 100 - 150 Exemplaren. Sollte die Stahlschicht nachlassen, das heißt, sollte das Kupfer sichtbar werden, ist die Platte umgehend neu zu verstählen.

Das stufenweise Ätzen, immer etwas über die vorhergehende Zone hinaus, bewirkt, daß auf der Radierung optisch, das heißt scheinbar stufenlos, die Töne ineinander übergehen.

Dieses Erscheinungsbild entsteht dadurch, daß beim Einreiben des fast trockenen Asphaltlacks die gekörnte Oberfläche erfaßt wird, aber um die kleinen Partikelchen, nach der Außenzone zu, poröse Stellen bleiben, so daß die Säure zwischen diesen Partikelchen eindringen kann. Auf diese Weise wird die im Grunde auf die reine Fläche angelegte Ätztechnik zu weichen, nahtlosen Übergängen gebracht. Diese Technik der Radierung war bislang unbekannt. Es gab wohl das Mezzotinto- Verfahren, bei dem mit einem Schaber oder Polierstahl aus einer gekörnten oder geätzten Fläche Töne herausgearbeitet wurden. Es gab auch das Roulettieren von weichen Zonen, bei dem mit Hilfe eines Rouletts rasterartige Punkte, Linien oder Netze in die blanke Platte roulettiert werden. Jede dieser Techniken führt zu höchst eindringlichen Ergebnissen, die sich jedoch in keiner Weise mit der von mir entwickelten “weichen Ätzung” vergleichen lassen können, was dieser Technik einen selbständigen, eigenwilligen und unverwechselbaren Ausdruck verleiht. Ich erspare mir, bekannte Techniken im einzelnen zu beschreiben. Dazu gibt es ja genügend gute Lehrbücher. Was ich jedoch gern einbringen möchte, sind neue Erfahrungen dieses kostbaren Handwerks.

Nach dieser Lektion - die ich hier präzise formuliert habe - verabschiedete sich mein ungebetener Gast und knurrte: “Sie machen mir Frust!” Dann trollte er sich davon. Da wollte ich nun meine Studenten mit den langwierigen und beschwerlichen Techniken des Radierhandwerks vertraut machen, doch mein Publikum gierte nach spektakulären Taschenspielertricks, die zudem auch noch schnell erlernbar sein sollten. Schweiß und Tränen... nein danke! [...]"

Der Text wurde entnommen aus: Eberhard Schlotter, Von den Schatten, die auf die Radierplatte fallen, in: Eberhard-Schlotter-Stiftung (Hrsg.), Eberhard Schlotter, Werkverzeichnis der Radierungen III, 1978 - 1996, Celle 1997, S. 15 - 23.