Die Wahrheit über Neocorus

Aus Jens Rusch
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Der Artikel von Prof. Dr. Endruweit

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"Weihnachtsfrieden für Neocorus" von Stephan Richter

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Weihnachtsfrieden für Neocorus

Wie eine Bronzeplastik des Brunsbütteler Künstlers Jens Rusch einen Historikerstreit auslöste - und fast versöhnlich endet

Es gibt unzählige Darstellungen von Christi Geburt. In Südamerika schauen Maria und Joseph schon mal aus wie Ureinwohner aus dem Amazonas, auf Island blinzelt das Kind in der Krippe zuweilen wie ein kleiner Eskimo. Und in Afrika findet Bethlehem im Busch statt; die Heilige Familie ist selbstverständlich dunkelhäutig. Asiatische Krippenbilder verlagern das Geschehen dagegen notfalls von der historischen Geburtsstätte nach China Town.

Theologen dürften die unterschiedlichen Darstellungen kaum stören. Es geht um die weihnachtliche Botschaft, nicht um die möglichst genaue historische Wiedergabe des Ereignisses. Natürlich interessiert auch dies. So haben sich Astronomen seit Jahrhunderten mit der Frage befasst, welches Himmelgestirn zur Zeit der Geburt Christi besonders hell geleuchtet haben mag und so als „Stern von Bethlehem“ in die Weihnachtsgeschichte eingegangen ist.

Doch bei all diesen Darstellungen haben neben Theologen und Historikern auch noch – und in erster Linie – die Künstler ein Wörtchen mitzureden. Hier nun beginnt die Geschichte von einem Historikerstreit der ganz besonderen Art, der in diesem Jahr im sonst eher ein wenig langweilen Dithmarschen tobte – jedenfalls, was die eingefleischte Schar der Dithmarscher Landeskundler betrifft. Umso schöner ist es, dass kurz vor Weihnachten 2012 auch unter den freiheitsliebenden Menschen hinter den Deichen zwischen Nord-Ostsee-Kanal und Wattenmeer – zumindest vorerst – Frieden eingekehrt ist.

Der Streit ging um Neocorus. Er gilt als „Vater der dithmarscher Geschichtsschreibung“. Als Johann Adolf Köster wurde er um 1550 geboren. Als Chronist der Bauerrepublik und von 1590 bis 1624 als Pastor der Gemeinde Büsum machte er unter dem griechischen Schriftsteller-Namen von sich reden. Dumm nur: Von Neocorus gibt es zwar die handschriftlich in Mittelniederdeutsch verfasste „Chronik des Landes Dithmarschen“ – aber es gibt kein Bild von ihm. Selbst Beschreibungen über sein Äußeres sucht man vergeblich. Damit war der jetzt ausgebrochene Historikerstreit wohl nur eine Frage der Zeit.

2008 bekam der Brunsbütteler Grafiker und Bildhauer Jens Rusch von dem Büsumer Stifterpaar Hedy und Willy Schmidt-Engels und der Büsumer Kirchengemeinde den Auftrag, den Neocorus-Platz vor der dortigen St.-Clemens-Kirche mit einer lebensgroßen Bronzeplastik des berühmten Pastors des Ortes und Chronisten zu verschönern. Wie aber eine Statue von einem Menschen schaffen, dessen äußeres Erscheinungsbild gänzlich unbekannt ist? Jens Rusch erinnerte sich an einen seiner großen Lehrer, den amerikanischen Maler und Illustrator Norman Rockwell. Dieser bediente sich bei seinen Darstellungen regelmäßig der Nachbarschaft. Sie musste für ihn Modell stehen. Gut möglich, dass auch hinter Norman Rockwells berühmter Santa-Claus-Darstellung, die alljährlich zu Weihnachten weltweit von großen Tageszeitungen abgedruckt wird, ein Mensch aus seiner nächsten Umgebung steht.

Jens Rusch kam auf diese Idee: Er kannte den Dithmarscher Pastor Dietrich Stein . War dieser mit seiner großen Statur und wallenden Haarpracht nicht das ideale Modell? Theologe zudem wie Neocorus, der es allerdings als Studienabbrecher nur zum so genannten 2. Prediger in Büsum gebracht hatte, während der promovierte „Volltheologe“ Stein amtierender Pastor in Barlt und Windbergen/Gudendorf ist. Stein hatte in Wilfried Haukes Verfilmung der Schlacht bei Hemmingstedt bereits als Darsteller des Neocorus geglänzt. Also griff der Künstler zu.

In vielen Sitzungen, in denen Stein mit einem Buch auf den Knien Modell sitzen musste, schuf der Künstler das Werk. Das Besondere: Die Sitzungen im Brunsbütteler Atelier waren öffentlich; jeder durfte das Entstehen der lebensgroßen Plastik mit verfolgen. Der Zuspruch war groß, und es gibt Zeitzeugen, die behaupten, Pastor Stein sei beim langen Stillsitzen auch schon einmal eingeschlafen.

Wie dem auch sei: Am Pfingstsonntag 2009 wurde die Bronzeplastik vom damaligen Büsumer Pastor Jan Steffens - er ist seit einem Jahr in der Petri-Gemeinde in Hamburg-Altona tätig – vor der St. Clemens-Kirche enthüllt. Die vielen Menschen, die gekommen waren, äußerten sich begeistert. Auch die Touristen, die seitdem von der Statue angezogen werden, freuen sich über das Werk und versuchen die Sätze zu entziffern, die auf den bronzenen Seiten des Buches im Mittelpunkt der Plastik zu lesen sind. Rusch hatte sich die Originalhandschrift von Neocorus’ Chronik als Kopie aus der Universität Kiel besorgt und Wörter daraus als Relief geformt.

Doch dann trat im Frühjahr der emeritierte Geschichtsprofessor Reimer Hansen auf den Plan. Skandal, schrieb er in der Zeitschrift zur Dithmarscher Landeskunde. Er räumte zwar ein: „Wir wissen nicht, wie die individuelle Persönlichkeit Johann Adolf Köster, genannt Neocorus, von Angesicht und äußerer Gestalt wirklich ausgesehen und er sich tatsächlich gekleidet hat.“ Doch – da war sich der Historiker sicher – so, wie der Brunsbütteler Künstler ihn darstelle, gehe das nun gar nicht. Hansen wörtlich: „Den Gipfel dieses bedenklich, pseudohistorischen Umgangs mit Neocorus bildet bislang die am Pfingstsonntag 2009 eingeweihte Bronzeskulptur von Jens Rusch in Büsum, die ihn darstellen soll, tatsächlich aber den langjährigen Vorsitzenden und jetzigen Ehrenvorsitzenden des VDL (Anm. der Red.: Verein Dithmarscher Landeskunde) Pastor Dr. Dietrich Stein in phantasievoll historisierender Verkleidung zeigt.“

Doch rechtzeitig vor Weihnachten hat der ebenfalls emeritierte Kieler Professor Dr. Günter Endruweit, selbst Dithmarscher, nun zur Befriedung aufgerufen. Dass der leibhaftige Dithmarscher Pastor Stein Modell für die Neocorus-Statue stand, findet er eine „pfiffige Idee“. Kollege Hansen habe offenbar übersehen, „dass die Statue keine historische Doktorarbeit ist, sondern ein Kunstwerk“. Zumal die Statue eher auf die Chronik aufmerksam mache, „deren Autor, seine Gesichtszüge, seine Figur usw. sind daneben uninteressant“.

Und dann beendet der Hochschullehrer Endruweit den Gelehrtenstreit in Demut. Er schreibt: „Wenn der Wissenschaftler, der nach Wahrheit strebt, mit seinen Methoden nicht mehr weiterkommt, dann ist er mit seinem Latein am Ende.“ Dies sei nun einmal bei Neocorus der Fall, weil es kein Bild von ihm gebe. Endruweit: „Hier muss der Wissenschaftler seine Waffen strecken. Der Künstler aber kann oft gerade im Unerklärten, im Unerklärbaren, im Geheimnis einen Stoff finden, der sich hervorragend eignet. Er kann damit Angst, Hoffnung vieles andere ausdrücken, zu dem die Wissenschaft kein Verhältnis hat.“

So schließt sich der Kreis bis hin zu den Krippendarstellungen. Eine von ihnen zeigt die Heilige Familie in einem Schilfboot auf dem Titicacasee. Peruaner haben sie gebaut. Und aus dem Orient stammt die womöglich kleinste Krippe der Welt. Danach kam Christus in einer Pistazienschale zur Welt. Doch halt! Bitte keinen Historiker- oder Theologenstreit darüber.

Stephan Richter


Der Artikel von Prof. Hansen

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