Bilanz: Drei Jahre

Aus Jens Rusch
Wechseln zu: Navigation, Suche

Unredigierte, alte Texte, die ich auf dieser Homepage gern einmal bündeln würde. Dieses ist ein Beginn.--Jens Rusch 17:51, 21. Apr. 2010 (UTC)

BILANZ : Drei Jahre

Jens Rusch Brunsbüttel 28. Dezember 2004

Es sind für mich drei Jahre zu reflektieren - und ich möchte versuchen, dieses ohne Pathos und Lamento so aufzuschreiben, so wie es sich seit Wochen in meinem Kopf formiert. Ich will damit bei niemandem etwas bewirken, ich möchte nur die Gedanken abgeben.

Vor genau drei Jahren musste ich viele Wochen in Kliniken und Intensivstationen verbringen. Wenn man mich um eine Kurzbeschreibung dieser Erlebnisse bat, sprach ich bildhaft, wie es nun einmal die Art eines Künstlers sein darf, von einem „Höllenritt“. Die Situation brachte es mit sich, dass ich mich mit jeder nur denkbaren Form von Unausweichlichkeit konfrontiert sah, auch mit dem Endgültigen. Ich musste lernen, meine eigene Psyche so zu konditionieren, dass ich die in jedem Menschen bereits manifesten Schutzfunktionen, wie Verdrängung und Fixierung auf ausschließlich positives Denken, nicht mehr als Ablenkung und Schwäche empfinden konnte, sondern als notwendige und wirksame Mittel im psychischen Überlebenskampf. Ich verbrachte also sehr viel Zeit mit längeren Gedankenspielen.

Dass hierzu Reflektionen und Aufarbeitungen des bislang gelebten Lebens gehören, ist sicher verständlich, schließlich ging es auch darum, zu bewerten, ob die Bilanz mit 51 gelebten Jahren möglichst positiv abzuschließen sei. Immerhin verläuft der Lebensweg eines Künstlers an überwiegend ideellen Wegmarken orientiert und wenig materialistisch. Den Stellenwert, den die stille Unterstützung durch Partnerin und Weggefährten dabei gewinnen sollte, könnte man geradezu eine „Apotheose“ nennen. Hatte sie es bereits vorher schon gehabt, so gewann die Familie nun eine noch größere Bedeutung.

Nach einer ganzen Reihe von Operationen, Chemotherapie und verschiedenen Formen von massiver Bestrahlung zeichnete sich endlich wieder diffuses Licht am Ende dieses Tunnels . Ich begann wieder , Zukunftspläne zu schmieden. Außerordentlich hilfreich war dabei, dass mich genau in dieser Zeit der Ruf in die Reihen der Norddeutschen Realisten erreichte und die Teilnahme an ihren Symposien zum festen Planungsgerüst werden sollte.

Dankbarkeit

Ich muss zum besseren Verständnis einflechten, dass ich die nun folgenden Aktivitäten in der Hochstimmung einer schwer zu beschreibenden Dankbarkeit in Angriff nahm. Engagement gehörte immer schon zu meinen Utensilien, aber nun wurde ich damit konfrontiert, dass man mir Selbstlosigkeit nicht in jedem Fall so ohne Weiteres abnehmen wollte.

Bewusst dankbar dafür, hier leben zu dürfen, mit bestimmten Menschen umgeben zu sein, die sich in dieser Situation mehr als liebevoll bewährt hatten, beruflich bescheidene Erfolge erzielt zu haben, einige Anerkennung vielleicht auch - das sollte mein Handeln bestimmen. Für jeden Skeptiker musste das verdächtig klingen !

Ich begann nun, die in den Kliniken geschmiedeten Pläne zu realisieren, Konzepte zu entwickeln in der Absicht bereits erprobte Mechanismen besser und kraftvoller zu konzipieren.



Kulturstiftung Westküste

Für eine kurzzeitig in Aussicht gestellte mäzenatische Stiftung fehlte die rechtliche Grundlage in unserer Region, wie so vieles Andere im kulturellen Bereich ebenfalls. Ich entwickelte also mit anderen Künstlern und Rechtsanwälten ein Konzept für eine „Kulturstiftung Westküste“ Eine Internet-Plattform erwies sich als hilfreich und ich entdeckte die Foren im gleichen Medium als beschleunigend und kommunikationsfördernd. Notwendigerweise sollte dieser Kulturstiftung, für dessen Kuratorium ich relativ mühelos namhafte Persönlichkeiten begeistern konnte, eine Kulturgesellschaft“ vorangehen.

Parallel verfasste ich im Auftrage einer Regionalzeitung ein Manifest für eine Artikelserie, die sich „Denkwerkstatt Westküste“ nennt. Da sich Kritik an bestehenden Missverhältnissen nicht umgehen ließen, machte ich mir zum ersten Mal in meinem Leben Feinde. Und ich wurde auf Missbrauch aufmerksam.

Das Kulturstiftungs-Konzept sollte nun auf eine „höhere administrative Ebene“ gebracht werden, auf die Verwaltungsebene des Kreises. Dort liegen nun die Unterlagen unbeachtet seit fast zwei Jahren. Hierin liegt meine Erkenntnis begründet, dass bestimmte Vorgehensweisen im Kulturbereich einfach nicht erfolgreich sein können, wenn Sonderformen eines fast altruistischen Engagements nicht den richtigen Nährboden finden.

Enttäuscht beschloss ich zur gleichen Zeit, nur noch Dinge zu realisieren, deren Fäden ich selbst in der Hand behalten konnte. Unser eigenes Umfeld war inzwischen von ausgesprochen vielfältigen Verknüpfungen zwischen Künstlern aller Gattungen bestimmt.

Schriftstellerinnen und Musiker, Maler und Abenteurer bestimmten den Alltag in unserer kleinen Galerie - und ein ständig wachsendes Publikum. Ein neues, ein spürbares Kraftfeld war im Entstehen. Das Konzept eines Vereines, dessen Aufgabe es sein sollte, eine stärkere Planungssicherheit zu entwickeln, hatte ich in den Kliniken bereits entwickelt - aber es war mir eigentlich zuwider. Wusste ich doch, dass mir jede Stunde, die ich hiermit verbringen würde, bitter im Atelier fehlen würde.

Unterstützungsanträge

Ich stellte also Unterstützungsanträge an die Gremien, die ich für zuständig hielt und wurde mit der bislang verletzendsten Form von Misstrauen konfrontiert. Es hat eine Weile gedauert bis ich begriff, dass von dieser Seite keine Unterstützung zu erwarten sei. Weil ich aber keinen Hehl aus dieser Enttäuschung in der Öffentlichkeit machte, auch mangelnde Kompetenz beim Namen nannte, geschah etwas völlig Unerwartetes: der nun doch gegründete Förderverein erfuhr eine ungeheure Solidarität. Viele Menschen dieser Region hatten wohl doch eine ganz ähnliche Einschätzung dieser Grundsituation und viele von ihnen konnten nun mit eigenen Erfahrungen aushelfen.

Ich verstand, dass ich eine neue Sprache erlernen musste : Den Umgang mit Behörden und Ämtern. Der Versuch blieb kläglich - ich kann es immer noch nicht, Fremdsprachen sind nicht mein Fall. Hätte ich die spanische Sprache nicht durch mein Studium praktisch ohne Mühe nebenbei erlernt, wäre Plattdeutsch heute meine einzige Fremdsprache. Aber ich wurde bei dieser Gelegenheit abermals mit Missbräuchen bekannt. Es gibt durchaus Menschen, die den Umgang mit Ämtern und Anträgen derartig virtuos beherrschen, dass bewilligende Gremien und Ausschüsse mit der Ablehnung überfordert würden. Auf dieser Klaviatur spielend, werden in dieser Stadt riesige Summen erschlichen und nur fadenscheinig gerechtfertigt. Da das ein nach meinem Empfinden unredliches Spiel mit über- und Unterlegenheiten ist, beschloss ich, einen anderen Weg zu gehen.

Das stetige Wachsen - auch der Möglichkeiten - des inzwischen ausgesprochen vitalen Fördervereines für Kulturarbeit hatte gezeigt, dass Konzepte, die möglichst viele Menschen zu engagierter Mitarbeit motivieren, im weitesten Sinne identitätsstiftend sein können.

Diese Erfahrung hatte ich bereits vor vielen Jahren mit einer Spaßorganisation gemacht, die wir das „Wattpsychologische Institut“ nannten. In diesem herrlich sinnfreien Rahmen waren Hunderte von kreativen Menschen aktiviert worden, Zeitschriften, Bücher und Fernsehsendungen entstanden. Dann schlief das Dornröschen Wattpsychologie aber leider ein, als wir nach Spanien gingen, um dort zu studieren und das eigene Leben in neue Bahnen zu bringen.


„Stadtmarketing“

Das Konzept war aber bewährt und so machte ich dem in dieser Stadt mit großem finanziellen Aufwand installierten „Stadtmarketing“ das Angebot, erneut eine der beliebten „Wattolümpiaden“ zu veranstalten.. Arrogant und hochnäsig wurde ich abgewiesen, man hätte bedeutendere Absichten. Zudem riet man mir dringend davon ab. Genau dieses Verhalten brachte aber erneut Solidarität hervor. Irgendwie scheint das ein Naturgesetz zu sein und man könnte auf die Idee kommen, dass man nur nach gemeinsamen Feindbildern zu suchen hätte, um tatsächliche Kräfte zu entfachen und zu bündeln. Nun ist das gar nicht meine Philosophie, aber durch das Ausbleiben der Unterstützung derer, die dafür bezahlt werden, erschien mir dieser Weg zunehmend begehbarer.

Ich gewann also neue, kraftvoll engagierte Mitstreiter hinzu, alte Weggefährten fanden sich wieder ein, scheuten weite Wege dabei nicht und so entstand ein neues Gefühl von Solidarität, das auch mir wieder neuen Mut gab. Nicht vergessen hatte ich den Wunsch, einen Dank abzustatten. Dort, wo man mir das Leben gerettet hatte - und sei es auch nur für eine Weile, dort sollte die Adresse für eine große Benefiz-Aktion sein. Ich bin meinen neuen Mitstreitern sehr dankbar dafür, dass sie dieses, doch sehr partikuläre Anliegen sogar soweit verstanden und umsetzten, dass sie dieses Ziel in die Satzung eines weiteren Vereines, nun zur „Förderung der Wattolümpiade“.

Was dann folgen sollte, übertraf meine Erwartungen völlig. Schirmherrschaft durch den Landtagspräsidenten, ein solidarisches Konzert der besten regionalen Bands namens „Wattstock“, allein sechs Fernsehbeiträge, eine spektakuläre Medienresonanz , selbst in Buchneuerscheinungen fand der Spaß seinen Niederschlag. Am Ende konnte der Krebsgesellschaft Schleswig.Holstein stolz ein Scheck über 10 000.- Euro überreicht werden. Das gemeinsame Konzept sieht vor, auch künftig mit diesen Geldern Krebsberatungs-Stellen in den Kliniken der Westküste zu installieren.

Meinen persönlichen Erfolg sehe ich darin, dass das Aufgehen dieses Konzeptes eine bittere Rüge für diejenigen ist, die mich bei der Bitte um Unterstützung abwiesen und in zwei Fällen dabei sehr verletzten.

Meine Erkenntnis, wenn denn noch eine weitere erforderlich wäre, ist diese :
Ein Tausendfüssler fällt nicht auf die Seite, nur weil man ihm ein Bein stellt !
Es ist falsch, sich selbst als alleinigen Verursacher, unfehlbaren Motor oder wie auch immer zu sehen - und es ist klug, sich nach guten Mitstreitern beizeiten umzusehen.


Wie man Freunde verliert

Während ich diese Zeilen verfasse, wird in der Klinik in Heide einer meiner liebsten Freunde zum dritten Mal an einem Tumor in der Halswirbelsäule operiert. Das bestimmt meine Stimmung und meine Sichtweise und muss daher auch erwähnt werden. Ich selbst bin nach dem augenblicklichen Stand des Wissens wohl tumorfrei. Die Untersuchungen finden nur noch einmal im Jahr statt, soweit ich selbst keinen erneuten Verdacht verspüre. Weihnachten ist es mir gelungen, in einem heroischen Selbstversuch eine ganze Flasche Wein zu trinken ! Die erste nach drei Jahren !

Als ich vor zwei Jahren wieder im außerklinischen Alltag Fuß gefasst hatte, fiel mir bei einem Besuch bei einer befreundeten Apothekerfamilie in Marne ein Buch in die Hände „ Wie ich den Krebs besiegte“. Ich überflog einige Zeilen und erfuhr, dass der Autor das Buch bereits ein Jahr nach seiner Chemotherapie verfasst hatte. Ich feuerte es aufs Sofa und sagte : „Dieser arme Trottel hat nichts begriffen ! So leid er mir tut, weil er Krebs hatte - und glaubt, ihn besiegt zu haben - noch mehr tut er mir leid, weil er nicht begriffen hat, dass er ihn immer haben wird.“.

Offen bleibt lediglich, ob dieser in der Lage sein wird, ihn zu töten. Psychisch wird er aber immer präsent bleiben - ganz gleich, wie gut die Verdrängungsmechanismen funktionieren. Mag sein, dass es dabei hilft, ein Buch zu schreiben - mir helfen die erwähnten Dinge ja auch.. Das ändert leider an der Damokles-Situation überhaupt nichts.

aufschneiderisch

Nicht unerwähnt bleiben soll in diesem Zusammenhang natürlich, dass ich in diesen drei Jahren eine stattliche Anzahl von Gemälden anfertigte und gerade in der vergangenen Woche eine Auflage großformatiger Radierungen für den Landtag anfertigen durfte. Mein illustrierter Schimmelreiter erschien in Korea und auf gleich zwei Hörbuch-Editionen. Die Carmina Burana habe ich mit zwanzig Radierungen fertiggestellt und den Druck in Spanien überwacht. Bei der Jahrestagung der Deutschen Exlibris-Gesellschaft erhielt ich einen zweiten Preis verliehen, ebenfalls bei einem Contest der Renderosity-Community in den USA.

Das klingt ganz schön aufschneiderisch, ich weiß - aber es sind auch die kleinen Korsettstangen, die mir helfen , weiter zu machen. Dafür bitte ich um Verständnis.

Einen anderen, wichtigen weil für mich enorm stabilisierenden Faktor möchte ich ebenfalls nicht unerwähnt lassen : Die Freimaurerei hat mir gerade in den für mich doch recht drängenden Fragen der Daseinsbestimmung einen enormen Halt in den vergangenen drei Jahren gegeben. Ich bin nicht im klassischen Sinne religiös, aber auch kein Agnostiker. Vielmehr habe ich mir ein eigenes Konglomerat aller religiösen Visionen in meinem seelischen Kopflaboratorium zusammengerührt - und das eigentlich schon mein ganzes Leben lang. Das gibt mir die Berechtigung, in ureigener Form zu beten, auch für den Freund, den ich gerade erwähnte. In der Freimaurerei fand ich genügend abstrakte Begriffe, die mir halfen, hierfür eine Form zu entwickeln. Eine Form, die frei ist von der Belastung der historischen Fehlentwicklungen der klassischen Kirchen und Religionen. Für jemanden, der fast seine Zunge verloren hätte, ist es von besonderer Bedeutung, als Redner seiner Mutterloge arbeiten zu dürfen. Ich habe viele Artikel für freimaurerische Publikationen verfasst, kürzlich in der Provinzialloge in Hamburg einen Beamer-Vortrag gehalten. Noch habe ich ja eine Stimme. In der freimaurerischen Künstler-Organisation „Pegasus“ fand ich viele , die ganz ähnlich wie ich arbeiten und denken. Ganz besonders freut es mich aber, dass in jüngster Zeit einige meiner Freunde und Weggefährten ebenfalls in meine Mutterloge Ditmarsia fanden. So verspüre ich auch dort ein heimeliges Kraftfeld. 5 Ich begebe mich voller Überzeugung mit solchen Mitteilungen in die Öffentlichkeit, das ist sicherlich unüblich. Aber ich bin der Meinung, dass es keinen Grund gibt, sich anders zu verhalten, wenn man von einer Sache wirklich erfüllt ist.

Ich habe diesen Text mit BILANZ überschrieben und wie es wohl immer mit solchen Zusammenfassungen ist : sie geraten viel zu lang. Wahrscheinlich habe ich ihn wieder einmal mehr an mich selbst gerichtet, als an andere.



Jens Rusch Brunsbüttel 28. Dezember 2004


.......................................................................................................................................................

Nachtrag

Inzwischen haben wir unseren Freund Wilfried Füger begraben. Nach fast zehn tumorfreien Jahren hat ihn sein Damokles-Schwert auf grausame Weise zerschmettert. So haben wir in einem halben Jahr zwei enge Freunde, die an Krebs sterben mussten, verabschiedet. Beide glaubten ganz sicher, davongekommen zu sein. Jens Sandleben, mit dem ich viele Bücher und Projekte realisiert hatte, hatte zudem noch den gleichen Ausgangstumor wie ich selbst. Jeder Selbstschutz, der auf Verdrängung basiert, kann in dieser Situation nicht mehr wirkungsvoll sein.

10. März 2005