Ausstellung KBH Marne

Aus Jens Rusch
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Quelle: DLZ Beate Meißner
Quelle: sh:z R. Pöschus



Ruschs Cola-Dosen sind keine Cola-Dosen!

Rusch ist Magritte, ist Breton, ist Ducasse

Bernhard von Oberg


Eine gepixelte Torte im digitalen Anschnitt wäre wohl das zeitgemäße Geburtstagsgeschenk für jenen Maler, der in seinen Bildern unterschiedliche Ebenen der Wirklichkeit mit ungewöhnlichen Farben verknüpfte: René Magritte, seines Zeichens Surrealist. Am 21. November 2010 hätte er seinen 102. Geburtstag feiern können, wenn er nicht schon am 15. August 1967 gestorben wäre.

Magritte ist der Mann, der eine Pfeife malte mit dem Hinweis, dies sei keine Pfeife. „Ceci n’est pas une pipe.“ Dieser Satz hat den Belgier, der zu Lebzeiten seine Baguettes auch als Plakat- und Reklamemaler verdiente, unsterblich gemacht: „Das ist keine Pfeife.“

Auch Farbenflüsterer Jens Rusch (60) lässt Wirklichkeiten und Kunstwelten auf seiner Leinwand aufeinandertreffen, Cola-Dosen etwa, die, unverkennbar, keine Cola-Dosen sind. Auch Ruschs Pferde, die zwar aussehen wie Pferde und sich anatomisch korrekt bewegen wie Pferde – manchmal sogar mit dem Schimmelreiter Tjark Nagel im Sattel naturschutzwidrig deichabwärts -, sind ebenso wenig oder so viel Pferd wie die Pfeife eines Magrittes eine Pfeife ist.

Wenn man die Spur vom gewesenen Geburtstagskind Jens Rusch zum aktuellen Geburtstagskind Magritte und darüber hinaus verfolgt, taucht als nächster Name in der Reihe der illustren Künstler Monsieur André Breton auf, Verfasser des Surrealistischen Manifestes (1924).

Jeden Morgen, formuliert Breton, brechen Kinder ohne Bangen auf in eine Welt, die großartig ist. Das sei der Gral des Surrealismus. Gralshüter Breton: „Der Geist, der in den Surrealismus eintaucht, erlebt mit höchster Begeisterung den besten Teil seiner Kindheit.“

Mit anderen Worten: Es ist egal, ob der Tabak in der Pfeife qualmt oder die braune Brause, von der es heißt, sie sei so amerikanisch wie Mama und der liebe Gott, aus der Dose spritzt. Das „Kind“ nimmt etwas Neues, etwas zuvor noch nie Gesehenes wahr und durchlebt mit dem Bild vor Augen eine Kette von Assoziationen oft mit dem eigenen Unbewussten, um dem Bildgeheimnis auf die Spur zu kommen.

Als eigentlicher Vater des Grals des Surrealismus, bekannt auch als „Großvater des Surrealismus“, gilt der Comte de Lautréamont, mit bürgerlichem Namen Isidore Lucien Ducasse, Jahrgang 1846. Er hatte das Pech zur falschen Zeit, am 24. November 1870 (vor 140 Jahren !), am falschen Ort zu sein. Die Preußen, dabei auch einige namentlich bekannte Dithmarscher, belagerten Paris. Der 24-jährige Ducasse am allgemeinen Mangel in der Seine-Metropole erkrankt und verstorben, wird aus Angst vor Ansteckung von seinen Mitbürgern gleich am nächsten Tag verscharrt. Wir wissen nicht wo er liegt.

Bekannt ist jedoch, was ihm am Herzen lag. Die Frage:

Was passiert, wenn ein Regenschirm ganz zufällig auf einem Seziertisch auf eine Nähmaschine stößt?

Das Fazit der Nachwelt: Das ist Surrealismus, die Pfeife, die keine Pfeife ist, das Pferd, das nicht galoppiert, die Cola-Dosen an der Wand oder der Satz:

Ducasse ist nicht Breton, ist nicht Magritte ist nicht Rusch! Oder doch?

"Lebensalter" aus der Ausstellung.