Ausstellung FDP-Fraktion Landeshaus

Aus Jens Rusch
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Ausstellung im Landeshaus Kiel in der FDP-Fraktion

Eröffnung am 13. September
Laudatio: Prof. Dr. Joachim Krause Titel: Carmina Burana bis Wacken

Kurztext

Jens Rusch in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts geboren, gilt an der Westküste des Landes als polarisierende Figur, irgendwo zwischen Dorfmaler und möglicherweise doch ernstzunehmendem Spinner. Man weiß es halt nicht so genau. Unumstritten ist lediglich sein Handwerk, denn in diesem Teilbereich seiner Künstlerexistenz hat er seinen Kritikern bravouröse Leistungsnachweise vor die Nase gesetzt. Und darauf beschränkt sich seine Dialogbereitschaft dann auch schon. In dieser Ausstellung "Carmina Burana bis Wacken" polarisiert bereits das Thema, denn der Spannungsbogen beginnt an den jeweiligen Eckpfeilern seiner musikalischen Interessenswelten - und sie könnten kaum extremer sein. Der Raum dazwischen wird in seiner Vita von Themen wie "Faust" , Darwin und dem "Schimmelreiter" in Anspruch genommen, von Autoren wie Arno Schmidt oder Oskar Panizza. Sein Atelier gleicht einem Kunstkabinett und es nimmt nicht wunder, daß in dieser Alchimistenküche kuriose Heldentaten wie etwa die Wattolümpiade ihren Ursprung hatten. Inhaltlicher Witz und gelegentlicher Zynismus füllt jedoch nicht nur seine Bildwelten, auch die Bewältigung seines Kampfes gegen den Krebs greifen auf dieses Rüstzeug zurück. Mit der gleichen Respektlosigkeit erarbeitet er sich auch die Themen seiner Zyklen, von denen zwei der gegensätzlichsten in dieser Ausstellung gezeigt werden.


Die Laudatio

"Carmina Burana bis Wacken"

Laudatio aus Anlass der Ausstellung von Bildern von Jens Rusch im Kieler Landeshaus, Räume der FDP-Fraktion, am 13.9.2011

Von Prof. Dr. Joachim Krause

Es ist mir eine Ehre und Freude zugleich die heutige Laudatio zu halten. Ich werde Ihnen versprechen, keine kunstwissenschaftliche Abhandlung zu halten – dass ist nicht mein Metier. Ich möchte aber einige Worte über Jens Rusch verlieren, den aus Dithmarschen stammenden Künstler, dessen Werke heute ausgestellt werden, und ich werde auch über die scheinbar so völlig unterschiedlichen Themen dieser Ausstellung – Carmina Burana und Wacken – sprechen. Wer ist Jens Rusch? Viele kennen ihn sehr gut, manche haben von ihm gehört, andere noch gar nicht. Lassen Sie mich mit einigen kurzen Informationen beginnen. Wie Sie aus dem Einladungstext ersehen können, wurde er in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts geboren, genau im April 1950. Er stammt aus dem kleinen Fischerdorf Neufeld an der Elbmündung. Sein Vater war Fischer, er selber machte nach der Volksschule eine Ausbildung als Elektroinstallateur, aber dann tat er etwas was ungewöhnlich war.

DLZ

Er wurde Künstler, genauer gesagt Zeichner, Kunstmaler, Graphiker und Schöpfer von Bronzebüsten. Das haben vor ihm auch schon andere gemacht – aber dabei Erfolg zu haben erfordert ein hohes Maß an Talent, Kreativität und Selbstbehauptungswillen. Wenn man aus Neufeld kommt und in einem typischen dithmarscher Umfeld aufwächst, ist dieses besonders schwierig.

Das Talent hatte er von Geburt an, aber wesentliche Kenntnisse musste er sich anfangs im Fernstudium aneignen. Der amerikanische Illustrator und Maler Norman Rockwell wurde auf diese Weise sein erster Mentor. Er hat ihn nie persönlich kennen gelernt, aber von dessen Methode und Stil hat er viel übernommen.

Mit 18 Jahren hatte er seine erste eigene Ausstellung, mit 25 Jahren brachte er sein erstes Buch heraus mit Zeichnungen und Graphiken, die alle mit seiner dithmarscher Heimat zu tun hatten. Dass ein Fischerjunge Künstler wird, ist in Dithmarschen eher ungewöhnlich und wurde nicht überall mit Wohlwollen betrachtet. Aber selbst da, wo Wohlwollen vorhanden war – wie z.B. bei der Dithmarscher Landeszeitung – blieb erkennbar, dass oft die richtigen Worte fehlten. Die DLZ schrieb 1975 zu seinem ersten Buch, ich zitiere: „Die Arbeiten zeigen, dass Jens Rusch – augenscheinlich ein Naturtalent – zeichnen kann, gut zeichnen kann, und somit über die Voraussetzungen verfügt, die für eine Bildgestaltung unerlässlich sind“. Das ist dithmarscher Poesie in Reinform: Solche Sätze findet man anderswo in Arbeitszeugnissen, hier stellen sie das Höchstmaß an Ausdruckskraft dar, zu der die damals führende Zeitung Dithmarschens fähig war.

Ich selber wurde auf ihn aufmerksam im Jahre 1976 – genauer gesagt auf eine Frau, die er gezeichnet hatte. Es war das Bild von Mine Fleeg. Nun werden Sie fragen, wer oder was war Mine Fleeg? Die Frage kann ich rasch beantworten. Mine Fleeg hieß eigentlich Wilhemine Fliege, sie wurde 1792 in Barkenholm in Dithmarschen geboren und starb daselbst im Jahre 1868. Sie war Eierfrau, die den Landwirten ihre Eier verkaufte, entweder auf dem Wochen-markt in Heide oder als Hausiererin, was damals noch ein ehrenvoller Beruf war. Sie litt im Alter an Osteoporose und hatte von daher einen krummen Rücken. Sie trat kurz aber nachhaltig in die Geschichte des Landes Dithmarschen ein, als sie im September 1864 – wenige Monate nach der Schlacht von Dübbel – durch das Werfen einiger roher Eier auf den noch im Amt befindlichen dänischen Landvogt und dessen Entourage eine Revolution in Heide auslöste, die schließlich zum Abzug der dänischen Verwaltung führte. Anlass war die willkürliche Bestrafung eines 12-jährigen Jungen durch die Behörden. Die Darstellung, die Sie hier sehen, ist eine Federzeichnung von Jens Rusch, die Mine Fleeg dabei zeigt, wie sie gerade voller Empörung eines ihrer kostbaren Eier aus dem Korb nimmt um es auf einen amtlichen Würdenträger zu werfen. Ich finde das Bild ist einfach genial, es verrät so viel Talent und Hintesinn, dass es Freude macht auch heute noch diese Federzeichnung anzuschauen. Die Illustra-tion schuf Jens Rusch für das Buch „Alte Geschichten aus Dithmarschen“, welches 1976 er-schien. Es gefiel auch dem Verlag so gut, dass es auf die Titelseite des Buches kam. Ich weiß das alles noch sehr genau, denn bei dem Verfasser des Buches, Waldemar Krause, handelt es sich um meinen Vater. Das Buch war ein großer Erfolg. Es wurde mehrfach neu aufgelegt und steht heute in jedem anständigen dithmarscher Haushalt – und es hat auch dazu beigetragen, dass der Name von Jens Rusch Vielen in Dithmarschen bekannt wurde.

Aber die wichtigste Wende in seinem Leben hin zum Künstler war seine Lehrzeit bei Professor Eberhard Schlotter in Spanien. Eberhard Schlotter ist nicht nur einer der ganz großen deutschen Maler und Graphiker der Gegenwart, er ist auch ein sehr eigenwilliger Vertreter seiner Zunft, der – anders als die meisten Kunstmaler – nicht vom Gegenständlichen zum Abstrakten ging, sondern sich vielmehr vom Kubisten und Fauvisten zum Realisten und Surrealisten entwickelte. Er lebt seit den 50er Jahren in Spanien und hat eine Vorliebe für eigensinnige (und manchmal auch schwierige) Charaktere. Er war einer der wenigen Freunde des legendären Schriftstellers und Einzelgängers Arno Schmidt und hat diesen auch portraitiert. Er malte gerne einsame Helden wie Don Quichotte. Er hat aber auch gesellschaftskritische Bilder gemalt.

Eberhard Schlotter lebt in dem Ort Altea an der Costa Blanca. Bei ihm hat Jens Rusch das Handwerk des Graphikers und Malers gelernt – erst als Gelegenheitsschüler, zwischen 1979 und 1982 als Meisterschüler. Eberhard Schlotter, so Jens Rusch, hat ihn „in die Zucht und Lehre einer strengen naturalistischen Bildauffassung“ eingeführt und diese Ausbildung hat ihm gut getan. Die Beziehung zwischen beiden war nicht ohne Schwierigkeiten und Probleme, aber beide verbindet heute vieles. Für Schlotter, der gerade 90 Jahre alt geworden ist, ist Jens Rusch derjenige Künstler, der am ehesten als sein Schüler bezeichnet werden kann.

Nach seinem Aufenthalt bei Schlotter hat er eine Vielzahl von kleinen und großen Graphiken angefertigt, die die hohe Schlottersche Schule verraten, die aber unzweifelhaft auch die Handschrift (oder das Gravurgerät) eines Jens Rusch erkennen ließen. So wie Schlotter hat er oftmals die Nebensächlichkeiten des täglichen Lebens im Auge gehabt, oder einfach normale Dinge in einen Kontext gestellt, in dem sie unwirklich wurden. Oder er hat seiner Phantasie einfach Raum gegeben und Dinge gemalt, die Begriffe oder Sprichworte ganz anders darstellten, als sie eigentlich gemeint waren. So kann man bei ihm sehen wie ein Himmel voller Geigen ausschaut, oder „das Buch der Bücher“ oder was man sich unter einem Lehrstuhl vorstellen muss. Auch kann man bei ihm sehen wie ein Alligatorentango ausschaut.

In den 80er Jahren hat er sich mit herausragenden Buchillustrationen einen Namen gemacht. 1986 kam ein Buch mit Illustrationen zu Goethes Faust heraus, mit 40 Graphiken, die einen außerordentlich eigenwilligen Künstler erkennen ließen. Da war wenig Respekt vor dem Werk des großen Meisters zu spüren, vielmehr bildete Jens Rusch das ab, was er für wichtig hielt. Der Titel des Buches sagte alles aus: „Auf eigene Faust radiert!“ Und das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Ebenso wie seinen anderen Graphiken, die einen eigenen Stil und hohe Meisterschaft erkennen ließen. Seine Graphiken werden seither von vielen bedeutenden Kunstverlagen und Editionen angeboten. In dieser Zeit wurde erkennbar, dass Jens Rusch eine hohe Meisterschaft in den konventionellen Techniken der Graphik und der Malerei entwickelt hatte. Seine Themen und Objekte verraten dabei einen Menschen, der nonkonformistisch ist. Er lehrt uns Dinge anders zu betrachten als es die Konvention nahe legt.

Im Jahr 1987 kam ein Buch mit Illustrationen zu Theodor Storms Schimmelreiter heraus, welche wiederum die Eigenwilligkeit und die künstlerische Reife von Jens Rusch eindrucks-voll demonstrierten. Zumeist waren die Graphiken extrem realistisch – oft surrealistisch über-steigert – aber damit konnte er die Spannung zwischen Moderne und der subtilen Mystik des nordfriesischen Deichlebens einfangen, die die ganze Novelle durchzieht. Zum Teil gab es aber auch nur einfache Federzeichnungen, die sehr an diejenige erinnerten, mit der er Mine Fleeg charakterisiert hatte. Meisterhaft auch sein 1989 erschienenes Buch „Mundus Pictus“ mit Stillleben und Landschaftsbildern, die Gedichte verschiedener Autoren eher begleiteten als dass sie sie illustrierten. Weitere Buchillustrationen betrafen Oskar Panizzas „Liebeskonzil“ – hier ging es um erotische Themen, sowie – man sieht den Meister Schlotter wirken – auch was zu Arno Schmidt. Den hat Jens Rusch nicht nur portraitiert, er hat auch einen Graphikzyklus zu einem Buch von ihm gemacht: Die Schule der Atheisten. Dieses Buch handelt von einer etwas wunderlichen Geschichte im Jahre 2014 und es spielt – wen wundert es – in Dithmarschen, genauer gesagt in Tellingstedt.

Die Zahl der Ausstellungen, die Jens Rusch in den 80er und 90er Jahren in Deutschland, Spanien und anderen Ländern vornahm, war groß. Die Namen der Galerien und Museen waren beeindruckend. Er war international angekommen und er lebte teilweise in Spanien – erst in Altea, dann in einem Dorf namens Callosa de Ensarria – teilweise in seiner dithmarscher Heimat, in Averlak bei Brunsbüttel. Seit 1998 hat er seinen Wohnsitz ganz nach Brunsbüttel verlegt. Er wurde solide und sesshaft: nicht nur dass er seine langjährige Partnerin Susanne Fehling endlich heiratete, nein er machte mit ihr eine eigene Galerie auf und hat sich erfolgreich als Kunstmaler, Graphiker sowie als Schaffer von Bronzeskulpturen einen Namen gemacht.

Seine Galerie ist einen Besuch wert, denn man sieht dort nicht nur viele seiner Graphiken, sondern auch Ölbilder, Aquarelle sowie Skulpturen. Unter seinen Ölbildern befinden sich meisterhafte Stillleben und Landschaftsbilder. Aber gerne malt er auch surreale Bilder, wie die Pisastudie – ein Bild, welches natürlich den Hochschullehrer nicht unberührt lässt – oder das Bild mit dem Titel „König und Königin sprechen über den nächsten Zug“.

Der Zahn der Zeit ist auch nicht an Jens Rusch vorbei gegangen. Er ist nicht mehr der junge, ungestüme Künstler, der er einst mal war. Aber seine Kreativität und Schaffenskraft bleiben ungebrochen. Das einzige Ereignis, welches ihn wirklich zurückwarf war eine Krebserkran-kung, die vor genau 10 Jahren diagnostiziert wurde und die ihn in eine existenzielle Krise warf. Dieses Schicksal, welches jeden von uns jeden Tag treffen kann, hat ihn stark verändert. Er ist ernster geworden, reifer und die Krankheit hat ihre Narben hinterlassen. Aber er hat gegen sie angekämpft – mit großer Kraft und großem Optimismus.

Lassen Sie mich ein paar Worte über Jens Rusch und Dithmarschen sagen bzw. über Jens Rusch und Schleswig-Holstein. Dithmarschen ist seine Heimat und zu ihr hat er ein ganz besonderes Verhältnis. Dithmarschen ist zweifellos etwas Besonderes, kaum eine deutsche Landschaft hat eine derart interessante republikanische Geschichte und vor allem eine Ge-schichte der Selbständigkeit und der Eigenständigkeit. Vieles von dieser Eigenständigkeit und dem damit verbundenen Eigensinn hat Jens Rusch mit der Muttermilch aufgesogen. Er verkörpert auf seine Art den dithmarscher Eigensinn und den unbedingten Willen, das durchzu-ziehen was man für richtig hält. Dithmarschens Geschichte besteht aber auch nicht nur aus Ruhmesblättern: hier wurde auch der protestantische Mönch Heinirch von Zütphen 1524 ge-martert und verbrannt, weil er abweichende Ansichten zur Religion vertrat; die National¬sozialisten waren hier schon stärkste Partei lange vor der Machtübernahme im Januar 1933; das Gymnasium Heide war das erste in Deutschland, welches nach Adolf Hitler benannt wurde. Dithmarscher gelten auch als streitsüchtig – das hat schon der Chronist Neocorus bemerkt. Und in Dithmarschen gab es immer eine klare Klassenteilung zwischen Marschbauern und Geestbewohnern, zwischen Arm und Reich, und wer es wagte aus kleinen Verhältnissen nach Höherem (oder gar nach Kunst) zu streben, der wurde stets schief beäugt. Darunter haben schon Friedrich Hebbel und Klaus Groth gelitten. Das hat sich seither zwar abgeschwächt, aber diese Einstellungen findet man auch heute noch.

Dithmarschen – das ist etwas was Jens Rusch anzieht und etwas, was ihn auch immer wieder zur Verzweifelung treibt. Er hat viel für Dithmarschen getan: er hat sich vor allem in den letz-ten 10 Jahren vielfältig engagiert – nicht nur für die legendäre Wattolümpiade, sondern mehr und mehr für ernsthafte Dinge, wie Ausstellungen und Lesungen mit namhaften Künstlern aber auch für die Krebshilfe. Er ist auch einer der Mitbegründer der Dithmarschen Wiki – einer Internetplatform, ähnlich wie Wikipedia, wo alle Informationen zu Dithmarschen zusammengestellt werden.

Jens Rusch hat viel an Dithmarschen gelitten, aber er ist 1990 auch mit dem dithmarscher Kulturpreis ausgezeichnet worden. Seine Zuneigung zu Dithmarschen hat er nach meinem Dafürhalten am stärksten in der Bronzestatue für Neocorus zum Ausdruck gebracht, dem ersten Chronisten Dithmarschens. Man erkennt auf dem Bild den geradezu liebevollen Umgang des Künstlers mit seinem Objekt.

Aber auch in Schleswig-Holstein ist Jens Rusch in den vergangenen Jahren einer zunehmend größeren Zahl von Menschen ein Begriff geworden. Im Jahr 2003 hat er zusammen mit den norddeutschen Realisten die Arbeit des Landtags verfolgen und malen dürfen. Aus dieser Arbeit resultiert auch das Bild des aus Dithmarschen stammenden damaligen Landtagspräsi-denten Heinz-Werner Arens, der mittlerweile verstorben ist. Im Jahr 2005 hat er im Auftrag des Landtags die Gorch Fock gemalt und 2008 hat er ein monumentales Gemälde aus Anlass des Schleswig-Holstein Konvents gemalt, welches heute im Gästehaus der Landesregierung hängt. Jens Rusch ist auf dem besten Weg zu einem schleswig-holsteinischen Landesmaler zu werden – und das hat er sich verdient.

Aber lassen Sie mich jetzt zu den Themen der heutigen Ausstellung kommen: Carmina Burana und Wacken. Auf den ersten Blick klingt das wie eine verrückte Idee, zwei Dinge, die nun wirklich nicht zusammenpassen. Aber das ist nur auf den ersten Blick so. Tatsächlich gibt es viel mehr was beide miteinander verbindet, ja was sie gemeinsam haben. Und darauf gebracht hat uns alle Jens Rusch – vielleicht mehr unbewusst als bewusst. Aber es ist ja gerade das Spiel mit dem Unbewussten was einen guten Künstler ausmacht. Um den Gemeinsamkeiten von Barmina Burana und Wacken auf die Sprünge zu kommen, müssen wir uns erst einmal von drei gängigen Vorurteilen verabschieden.

Vorurteil Nr. 1: Bei der Carmina Burana handelt es sich um lebensfrohe Mönchsgesänge aus dem Mittelalter, die als Beleg dafür genommen werden können, dass es damals in den Klo-stern sehr lasterhaft zuging. Die Carmina Burana ist eine Sammlung von Vagantenliedern aus dem 11. und dem 12. Jahrhundert, die 1806 anlässlich der Auflösung des Klosters Benedikt-beuren in der dortigen Bibliothek gefunden worden sind. Diese Lieder waren teilweise recht freizügig und kritisch gegenüber der Kirche und ihren Autoritäten und widmeten sich vor allem den Angelegenheiten des fröhlichen Zechens und der Sexualität. Sie galten als Lieder fahrender Scholaren – so nannte man damals Studenten und arbeitslose Akademiker – und waren allseits bekannt. Die Frage stellte sich damals schon: wie kamen diese Lieder in das Kloster Bendiktbeuren? Und was haben die Mönche damit zu tun gehabt? Eine Antwort auf diese Frage lieferte 1937 der bis dahin unbekannte deutsche Komponist Carl Orff, der die Texte nahm, sie weitgehend neu vertonte und sie von Mönchen singen ließ. Das Orffsche Werk ist phantastisch und die meisten von Ihnen werden seine Carmina Burana auch mit Freude gehört haben. Aber warum hat er aus Vagantenliedern Mönchsgesänge gemacht?

Um diese Frage zu beantworten müssen wir uns in das Jahr 1937 zurückversetzen – es war die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft. Ein Künstler wie Orff konnte seine Musik nicht einfach veröffentlichen und gar aufführen. Es bedurfte dazu der Genehmigung durch die zu-ständigen Behörden, die musikmässig einen Geschmack hatten, den Orff nicht gerade traf. Aber Orff hatte in seiner Carmina Burana einen Anreiz eingebaut, den die Kulturbehörden dankend aufnahmen – wir würden das heute „teaser“ nennen: Dadurch dass er Mönche le-bensfrohe und teilweise nicht ganz jugendfreie Lieder singen ließ, konnte sein Werk als Bes-tätigung dafür genommen werden, dass es im Kloster Benediktbeuren im Mittelalter lotterhaft zuging und somit die katholische Kirche nicht jene moralische Autorität hatte, die sie gerne beanspruchte. Das kam den Nationalsozialisten sehr entgegen, sahen sie doch die katholische Kirche als ein großes Hindernis bei ihrem Versuch an, die Gesellschaft vollständig zu kontrol-lieren. Carl Orff war kein Nationalsozialist und auch kein Mitläufer, er hat aber kleine Kom-promisse gemacht, die es ihm erlaubten seine herrliche Komposition herauszubringen und zu veröffentlichen. Aber er hat damit für mehr als ein halbes Jahrhundert das Vorstellungsbild von Carmina Burana geprägt. Auch wir in der Schule haben noch gelernt, dass Carmina Bu-rana Beleg dafür sei, dass es in den mittelalterlichen Klöstern – zumindest in Benediktbeuren – recht lustig und freizügig zugegangen sein muss. Erst die neuere Forschung hat festgestellt, dass die Texte der Carmina Burana mit großer Sicherheit nicht aus Benediktbeuren stammten, sondern eher aus Südtirol und aus der Steiermark. Auch sind sie erst viel später – d.h. in der frühen Neuzeit – in die Klosterbibliothek zu Benediktbeuren gekommen sind – wahrschein-lich als Teil einer privaten Bibliothek, die nach dem Tod des Besitzers dem Kloster vermacht worden ist. Würde es uns heute gelingen, durch Handauflegen und Geisterbeschwörung einen Mönch aus Benedikbeuren aus dem 12. Jahrhundert zum Sprechen zu bringen, würde er ver-mutlich nichts mit diesen Liedertexten anfangen können – er würde sie nicht kennen.

Was bedeutet das? Es bedeutet nicht, dass wir mit Bestimmtheit sagen können, dass die Mön-che im Kloster Benediktbeuren immer sittenstreng, fromm und arbeitsam waren. Aber es be-deutet, dass die Carmina Burana nicht als Beleg dafür angeführt werden kann, dass es früher in den Klöstern hoch her ging. Dieses Beispiel zeigt, wie sehr unsere Auffassung von einem bestimmten Werk – wie der Carmina Burana – von einem bestimmten Künstler und den Umständen geprägt werden, unter denen diese Musik entstand. Stellen Sie sich nur vor, anstelle von Orff hätte Richard Wagner die Carmina Burana musikalisch verarbeitet – etwa eine Oper mit dem Titel die Bänkelsänger von Benedikbeuren – oder Johannes Brahms hätte daraus ein Choralwerk gemacht. Wir säßen heute nicht hier.

Die Graphiken von Jens Rusch, die wir in dieser Ausstellung finden, stehen noch ganz im tradierten Verständnis der Carmina Burana, wie es uns Carl Orff vermittelt hat. Aber Jens Rusch wäre nicht Jens Rusch, wenn er nicht durch Verfremdungseffekte und subtile Übertrei-bungen bereits an der Zerstörung dieser Agitprop-Logik mitwirken würde. Eigentlich hält er uns mit seinen Graphiken den Spiegel vor – wir sehen wie wir uns in unserer Phantasie hedo-nistische Mönche vorstellen, und Jens Rusch zersetzt dieses Bild. Schauen Sie sich nur diese tanzenden Mönche an: Sie haben Gesichter des 20. Jahrhunderts und tanzen auf einer profa-nen Wolke. Sie werden ergänzt durch die tanzenden Nonnen, die auch noch Netzstrümpfe tragen (mit Rautenmuster). Und Jens Rusch wäre nicht Jens Rusch, wenn er die tanzenden Mönche – in exakt gleicher Pose – nicht auch noch mal als Totentanz kreirt hätte. Hier macht sich einer lustig über den Versuch die Mönche lustig zu machen und es ist ihm hervorragend gelungen. Wunderbar auch die Orgienszene. Herrlich gelungen ist auch das Bild des älteren Mönches, der auf ein Trinkgefäß schaut und dessen Hintergrund – das Gewölbe einer Kathed-rale – dabei in Unordnung gerät. Das Bild wäre eine tolle Illustration zu dem Lied „Losing my Religion“ von R.E.M.

Doch was hat das jetzt mit Wacken zu tun? werden Sie fragen. Um das aufzuklären müssen wir zwei weitere Vorurteile beseitigen: Als Ministerpräsident Peter Harry Carstensen im Au-gust 2009 in Wacken eine Rede hielt, da sagte er: „Ich bin nicht hier um Musik zu hören, sondern um Ihnen meinen Respekt dafür auszudrücken, dass alles so ruhig und friedlich abläuft.“ Das war nett gemeint, aber dahinter stehen zwei Vorurteile: erstens, dass die Musik, die in Wacken gespielt wird, unerträglich lärmend und nur was für besonders abgehärtete jugendliche Fanatiker ist, und, zweitens, dass die Besucher von Wacken eigentlich recht wild und ungehobelt sind und dass man sie dafür loben muss, wenn sie sich ruhig und friedlich verhalten.

Was das erste Vorurteil bezüglich Wacken betrifft, so hat das was mit Heavy Metal zu tun. Heavy Metal als Musikrichtung gibt es seit den 70er Jahren, sie ist aus dem Hardrock hervor-gegangen und knüpft an Bands an, die schon damals schwarz gekleidet waren, sehr lange Haare trugen, tätowiert waren, Drogen konsumierten und mit Liedern auftraten, die nicht im-mer im Sinne der etablierten Kirchen waren. Sie trugen Namen mit eher blasphemischen Charakter wie Black Sabbath oder Judas Priest, manchmal auch einfache Namen wie Motörhead.

Die Lieder waren rhytmusbetont und in der Regel dominierten harte Gitarrenklänge (Metall-saiten), dröhnende Bässe und Sänger, die entweder ganz hoch sangen oder tief grunzende, gutturale Laute von sich gaben. Seither hat sich die Heavy Metal Szene enorm weiter entwi-ckelt und ist dabei vielfältig geworden. Es gibt auf der einen Seite die Musik, die Peter Harry Carstensen im Sinn hatte, nämlich die true heavy metal Musik, wie Black Metal, Death Metal, Doom Metal, Satanic Rock und die Thrash Metal Musik. Das sind Richtungen, bei denen es vor allem auf Lautstärke ankommt, da wird mehr gegrunzt und gestöhnt als gesungen und die Gitarren werden eher gedroschen als melodisch bespielt. Die Musiker auf der Bühne sehen häufig wie die Menschen aus, vor denen uns schon unsere Eltern gewarnt haben und vor de-nen wir unsere Kinder warnen. Sie haben extrem lange Haare, tragen schwarze Lederkleidung mit sehr viel Metall und sind in der Regel übermäßig tätowiert und gepierct. Manche von ih-nen sehen aus wie lebendige Leichname oder wie Karikaturen von mittelalterlichen Kirchen-fürsten. Nähert man sich einer Bühne, auf der Death Metal, Black Metal, Doom Metal, Satan-tic Rock oder Thrash Metal gespielt wird, sollte man das nur tun, wenn man Stöpsel in den Ohren hat. Auch muss man wegen der Bassvibrationen seine inneren Organe daran hindern, aus ihrer Verankerung zu springen. Manche haben nach solchen Besuchen den Verlust von Zahnersatz oder Zahnfüllung beklagt.

Das ist die eine Seite der Heavy Metal Szene – und dafür gibt es zwei große Bühnen in Wacken, auf denen Bands auftreten, die so bedeutungsschwere Namen tragen wie: „Morbid Angel“ , „As I Lay Dying,“ „Cradle of Filth,“ „Kataklysm,“ „Children of Bodum,“ „Heaven Shall Burn,“„Suicidal Tendencies,“ „Sodom“ etc. Ich muss gestehen, ich kann ebenso wenig mit dieser Musik anfangen wie unser Ministerpräsident. Die andere Seite von Heavy Metal ist aber viel interessanter. Da gibt es Gothic Metal – wo Elemente klassischer oder mittelalterlicher Musik mit Heavy Metal gekreuzt werden. Da gibt es Gruppen wie Apocalyptica aus Finnland, die spielen Heavy Metal Musik weitgehend nur auf Cellos. Eine weitere finnische Gruppe mit dem unaussprechlichen Namen Eläkeläiset kombiniert Heavy Metal mit Polka und auch Heavy Metal ohne Instrumente (also nur accappella) gibt es schon (Van Cantano). Am interessantesten ist Symphonic Gothic Metal, weil hier Heavy Metal Gruppen gemeinsam mit symphonischen Orchestern auftreten, mit Kirchenchören, Knabenchören oder gar mit Opernsängern. Die Gruppe Nightwish aus Finnland, zum Beispiel, trat viele Jahre lang mit einer ausgebildeten Opernsängerin auf, einer stimmgewaltigen Sopranistin. Die Gruppe Therion aus Schweden arbeitet mit Symphonieorchestern, Kirchenorgeln und Opernchören. Die Vielfältigkeit und Kreativität, die einem in diesem Bereich der heavy Metal Szene begegnet, ist atemberaubend. Sie hat mich viel Geld gekostet, weil ich mich zur Vorbereitung der heutigen Laudatio viel zu sehr in diese Musik hineingekniet habe und eine ganze Reihe von Musik CDs und DVDs erworben habe.

Schaut man sich bei youtube an, wo diese so kreative Szene am häufigsten in den vergangenen Jahren aufgetreten ist, dann landet man immer wieder in Wacken. Das Tolle an Wacken ist gerade, dass es nicht nur die unverdaulichen Black-Metal und Death Metal Bands sind, die dort auftreten, sondern die vielen kreativen Bands und musikalischen Spinner. Es treten dort auch Rock-Bands auf und Bands, die mit Schifferklavier, Blasinstrumenten oder Dudelsäcken arbeiten. Und – und da kommen wir zur Carmina Buran zurück – es wird auch mittelalterliche Musik in Wacken gespielt, darunter sehr viel Carmina Burana. Die oben erwähnte Gruppe Therion, etwa, spielte das berühmte „Fortuna“ aus Orffs Carmina Burana in Wacken. Noch interessanter finde ich aber die deutsche Gruppe „Corvus Corax“, die die Lieder der Carmina Burana nach den traditionellen Melodien spielt, auf nachgebauten Instrumenten aus der Zeit und teilweise durch ein Symphonieorchester unterstützt. Im Jahr 2008 hat diese Gruppe zu-sammen mit dem Symphonieorchester der Stadt Prag ein eineinhalbstündiges Konzert in Wacken gegeben, welches erst vor kurzem im NDR zu sehen war. Das war einsame Klasse.

Wieso kommt es zu so viel Wiederbelebung der Carmina Burana ausgerechnet in Wacken? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. Sowohl Carmina Burana als auch die Heavy Metal Musik haben etwas gemeinsam. Sie sind in gewisser Weise aus dem gleichen Impuls entstanden: als Gegenmusik zur etablierten, kommerziellen Musik. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war die etablierte und kommerzielle Musik diejenige, die an den Höfen gespielt wur-de. Diejenigen, die diese Musik bezahlten, gaben auch den Geschmack vor. Die Lieder der Carmina Burana wurden auf den Strassen gesungen, sie waren ursprünglicher und derber, sie waren künstlerisch weniger anspruchsvoll, aber sie waren die Musik der einfachen Leute. Heute wird der kommerzielle Geschmack von den großen Musikfirmen definiert, die alle mu-sikalischen Innovationen auf den von ihnen so definierten breiten Publikumsgeschmack ein-dampfen und die zur Seichtheit und Angepasstheit der Musik beitragen. Heavy Metal ist dazu das Gegenstück. Es ist die Musik derjenigen, die nicht die glatten Harmonien hören, sondern die auch mal richtig Power erleben wollen. Es ist die Musik derjenigen, die richtige tiefe Gefühle haben wollen, keinen Kitsch, sondern auch mal richtig böse oder richtig laut. Heavy Metal ist die Musik derjenigen, die mit Musik auch demonstrieren wollen, dass sie anders sind – Nonkonformisten eben, und die auch eher einen nicht-kommerziellen Musikbetrieb schätzen. Und hier passt Carmina Burana gut hinein. In seiner traditionellen Form, mit viel Spaß und Lärm verabreicht.

Nun fragen Sie sich schon lange: wo bleibt hier Jens Rusch? Diese Frage ist berechtigt, denn Jens Rusch hat ja einen Graphikzyklus zu Wacken geschaffen, der heute vorgestellt wird. Das Auffällige an den Graphiken von Jens Rusch zu Wacken ist, dass er gar nicht versucht die Künstler, deren Auftritte oder deren Musik zu zeigen. Kein Ozzy Osbourne, kein Alice Cooper, kein Morbid Angel, Judas Priest, keine Apocalyptica, gar nichts.

Er zeigt nur die Zuschauer. Warum macht er das? Nun, ich bin dieser Frage nachgegangen, indem ich mich selber nach Wacken begeben habe, um, wie man unter Sozialwissenschaftlern sagt, „Feldforschung“ zu betreiben, was es im wahrsten Sinne des Wortes auch war. Wie sie sehen, begegnet man in Wacken sehr schnell Jens Rusch – manchmal als Person, ansonsten in der Reproduktion seines Monumentalgemäldes, welches er für die Sparkasse Schenefeld ge-macht hat und welches im Original dort auch hängt.

Jens Rusch hilft uns bei dem Versuch das dritte Missverständnis auszuräumen, wonach die dortigen Besucher wild, unordentlich und gewalttätig seien. Sie sehen so aus wie Rocker, aber sie sind es nicht. Auch Kaninchen und Hasen sehen sich ähnlich, es handelt sich aber um völlig unterschiedliche Tiere, die einen eine Plage, die anderen nett und schmackhaft.

Warum hilft uns Jens Rusch hierbei? Er sieht – wie vorhin bemerkt – die Dinge anders als die meisten Menschen. Er schaut auf die kleinen Dinge, die Nebensächlichkeiten und entdeckt auf diese Weise das, was möglicherweise doch sehr wichtig ist. Nachdem ich mich dort eini-ge Stunden herumgetrieben hatte, fing ich an ihn zu verstehen. Ich fragte mich mehr und mehr, was bringt diese vielen Menschen hier nach Wacken? Wieso kommen über 80.000 Menschen zusammen, kleiden sich weitgehend in Schwarz (Konformismus der Nonkonformisten) und warum strecken sie alle so die Hand aus und formen einen kleinen Teufelskopf, den auch Jens Rusch hier aufnimmt? Was sind das für Menschen? Und woher kommt diese Heiterkeit im hohen Norden?

Ich habe auf diese Fragen keine Antworten. Ich sehe nur wie Jens Rusch diese Fragen auf seine Art angeht, indem er sich verschiedene Typen vornimmt und diese graphisch darstellt. Da begegnet man sehr unterschiedlichen Charakteren: verträumte 18-jährige Jungs, die lange Haare haben bis zum Po und Kräuselbart, und die irgendwie anders sein wollen als ihre Klassenkameraden. Da sieht man den Kampftrinker mit Bauch und lockigem Haar, der sich als Wikinger verkleidet und drei Tage lang mal eine andere Existenz spielt. Da sieht man den wieder auferstandenen Elvis, Bankangestellte aus Hamburg mit Phantasiehüten und Studen-tinnen der Betriebswirtschaft, die auf den Schultern ihrer Freunde sitzen und der Musik zuju-beln. Man sieht Männer über 30 mit Körpern, die das Bier formte, daneben hagere Gestalten über 60, die sich als Veteranen der Heavy Metal Szene ausgeben. Man sieht Jungs, die gerade von der Bundeswehr kommen und solche, die hauptsächlich nach Wacken gehen, weil dort viel gefeiert wird und weil man sich dort schräg geben kann. Man sieht in der Mehrzahl Män-ner, Frauen sind in der Minderheit.

Das Wacken Festival gibt es seit 1990, damals fing es mit knapp 800 Gästen an, heute sind die Veranstalter bei über 83.000 Gästen angelangt, die Festivalfläche umfasst 200 Hektar Kuhweide (oder 280 Fußballfelder). Die Kosten belaufen sich auf 8 Millionen Euro. Es wer-den etwa 100.000 Liter Bier ausgeschenkt, die in 450 mobilen Toiletten entsorgt werden. Ü-ber 100 Bands haben dieses Jahr gespielt auf sieben Bühnen. In Wacken gibt es ein Mittelal-terliches Dorf, es gibt Wikingerspiele und Ritterkämpfe sowie Ringerwettkämpfe mit halb-nackten Damen – und es gibt auch Biergärten. Berühmt sind auch die Auftritte der Feuerwehrkapelle Wacken – Wacken Firefighters genannt.

Die Wackengemeinschaft kommt nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Skandinavien, den Niederlanden, Frankreich und vielen anderen Ländern. Es sind nicht nur Metal Fans, es sind auch viele, die mal drei Tage lang ein anderer Mensch sein wollen. Viele laufen lieber in dem Mittelalterdorf herum oder vertreiben sich die Zeit mit Wikinger-Spielen (Wackinger genannt). Wacken ist Karneval und Woodstock zugleich, gemischt mit Heider Marktfrieden und Haithabu und es hat auch etwas von einem Bundeslager der Deutschen Pfadfinder an sich und irgendwo auch was vom 1. FC St. Pauli. Es ist auf der einen Seite chaotisch, auf der an-deren aber auch gut organisiert. Die Wacken-Fans findet man vermutlich nicht auf Kirchentagen. Eher durchzieht Wacken eine gewisse freudvolle heidnische Grundströmung, die kritisch mit kirchlichen Symbolen umgeht und durchaus satanische Töne aufweist. In Wacken habe ich die tiefere Bedeutung der Worte „Heidenspass“ und „heidnisches Vergnügen“ erfahren.

In Wacken haben sich auch bestimmte Verhaltensweisen herausgebildet, wie der Wacken¬gruss, die schwarze Einheitskluft, die ruhigen und toleranten Umgangsformen und auch der freundliche und respektvolle Umgang mit den Eingeborenen von Wacken, die an dem Fest auch ihre Freude haben – und zwar nicht nur weil sie was dazu verdienen können. Zu den Wackenritualen gehören auch das Headbanging – ein rythmisches Kreisenlassen des Kopfes zur Heavy Metal Musik, was nach Auskunft von Ärzten nicht unbedingt gesund sein soll.

Auch gibt es das Stage Surfing: Letzteres bedeutet, dass man sich auf den Händen der begeis-terten Zuschauer bis in die Nähe der Bühne tragen lässt. Ich zeige Bilder vom Stagesurfing besonders gerne hier im Landeshaus, weil unsere Politiker angesichts von Politikverdrossenheit schon gar nicht mehr wissen wie es ist, wenn man von einer Welle der Begeisterung getragen wird.

Jens Rusch hat viele von den Besuchern in Wacken eingefangen mit seinen aquarellierten Zeichnungen und einzelnen Ölbildern. Ich finde das ist ihm hervorragend gelungen. Er zeigt auf, dass sich in Wacken jedes Jahr eine Art neuer Gemeinschaft konstituiert, bestehend aus Leuten, die sich vielleicht sonst nicht begegnen würden, die ihren Spaß haben wollen, die mal aus ihrem Alltag ausbrechen und sich in ihren schwarzen Kleidungsstücken auf nonkonfor-mistische Art konform verhalten. Auch wenn viele wie Rocker aussehen, sie sind es nicht. Deswegen muss man sich auch nicht darüber wundern, dass es dort so friedlich zugeht. Wacken ist dabei zu einem Markenzeichnen Schleswig-Holsteins zu werden, zum kleinen „Schmuddelbruder“ des Schleswig-Holstein Musikfestivals – im Gegensatz zu Letzterem aber ohne öffentliche Subventionen.

Ich freue mich, dass Jens Rusch – den man schon als Landesmaler titulieren darf – angefangen hat sich für Wacken zu interessieren. Sein großes Wackenbild ist schon Legende. Ich weiß dass er sich mit dem Gedanken treibt, weitere Ölbilder zu Wacken zu malen. Ich kann ihn nur darin ermuntern, weiter zu machen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen noch viel Spaß bei der Ausstellung.

Vernissage

Fotos Georg H. Peters

Fotos Dirk Jacobs